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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Rehabilitation nach Schädel-Hirn-Traumata

Jede Schädel-Hirn-Verletzung ist für Betroffene, aber auch für ihre Angehörigen ein einschneidendes Ereignis, das einen bis dahin zumeist gesunden Menschen „aus dem Leben reißt“. Ziel der Rehabilitation ist es, den Betroffenen nach seinem Unfall in die Lage zu versetzen, seinen privaten und eventuell auch beruflichen Alltag wieder zu bewältigen. Je nach Schweregrad des Traumas wird eine Wiederherstellung allen Beteiligten eine lange und mühevolle tägliche Kleinarbeit abverlangen. Nur die gemeinsame Anstrengung eines fachübergreifenden Teams von Therapeuten zusammen mit den Angehörigen kann hierbei zum Erfolg führen. In allen Stufen der medizinischen Rehabilitation muss die Behandlung nach einem einheitlichen Therapiekonzept mit großem Einsatz der Ärzte, Therapeuten und des Pflegepersonals erfolgen. Eine hohe Qualität der medizinischen Versorgung ist für bestmögliche Rehabilitationserfolge unabdingbar.

Die Stufen der Behandlung im Überblick:

  • Intensivstation - die Lebensfunktionen der Patienten werden überwacht und stabil gehalten.
  • Frührehabilitation – erste Alltagsaufgaben werden unter Hilfestellung bewältigt.
  • Rehabilitation - Patient wird vermehrt selbstständig und ist unter Umständen fähig, Therapie-Angebote in Kleingruppen mitzumachen;
  • Anschlussheilbehandlung – Behandlung von Restproblemen wie zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen.
  • Ambulante Therapie beziehungsweise Tagesklinik - die Patienten können bei sozialer Integration bereits nach Hause entlassen werden und kommen nur noch zur Behandlung in die Klinik.

Die Behandlung des Patienten erfolgt in verschiedenen Abschnitten. Sie beginnt mit der Intensivversorgung, führt über die Frührehabilitation bis hin zur Langzeitrehabilitation und kann dann in die ambulante Nachsorge zuhause übergehen. Wenn dennoch schwere Behinderungen bleiben, ist eine Pflege erforderlich. Die Beurteilung der Gesamtsituation muss zeigen, welche Rehabilitationsmöglichkeiten, das heißt welche Chancen zur Wieder-herstellung, bestehen.

Die Auswirkungen einer Hirnschädigung sind vielfältig und bedürfen nach der Akutphase  einer Behandlung von motorischen, psychologischen, sprachlichen und visuellen Ausfalls-erscheinungen. Wichtig ist dabei die Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen wie Psychologen, Physiotherapeuten, Neurologen, Internisten, Ergotherapeuten, Logotherapeuten. Entscheidend für die weitere Behandlung und Wiederherstellung eines Schädel-Hirn-Verletzten ist es auch, inwieweit es den Angehörigen möglich ist, mitzuwirken und den Patienten zu stützen und zu motivieren.

Beim Schädel-Hirn-Trauma sind Rehabilitationsmaßnahmen bereits in der Frühphase der Intensivversorgung notwendig. Wichtig ist auch, den Patienten in einen regelmäßigen Tagesablauf mit Waschen, Anziehen und Essen einzubeziehen. Eine aktive Mithilfe des Patienten sollte vom Pflegepersonal gefördert werden.

Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma bleiben neben Lähmungserscheinungen, Gleichgewichtsstörungen und Empfindungsstörungen häufig auch Hirnleistungsstörungen mit Einschränkungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Planen und Denken bestehen. Auf die langfristige Wiedereingliederung in die Familie und in das Berufsleben haben die Hirnleistungsstörungen größere Auswirkungen als die Lähmungserscheinungen oder andere motorischen Ausfälle. Schädel-Hirn-Verletzte können schon durch die normalen Anforderungen des Alltags völlig überfordert sein. Sie ermüden leicht und nicht selten sind die Patienten stimmungslabil, aufbrausend, gereizt oder weinerlich. Die Persönlichkeit des Patienten kann sich durch das Trauma dauerhaft verändern.

Treten schwere Störungen der höheren Hirnleistungen auf wie Störungen der Aufmerksamkeit, das heißt der Konzentration, des Gedächtnisses und des problemlösenden Denkens, bedarf es der Behandlung durch einen Psychotherapeuten. Zum Aufgabengebiet von Psychotherapeuten gehört auch die Beeinflussung von Verhaltensauffälligkeiten wie eine erhöhte Aggressivität, Antriebsminderung oder Depression. Der Psychotherapeut stellt auch das Bindeglied zwischen Patient, Angehörigen und Ärzten dar.

Besonders häufig treten Sprachstörungen auf. In unterschiedlichem Ausmaß sind dabei das Sprechen, Verstehen aber meist auch das Lesen und Schreiben betroffen. Die Prognose der Wiederherstellung sprachlicher Leistungen durch Sprachtherapie hängt von der Art der Sprachstörung ab. Anfänglich geht es darum, sprachliche Leistungen generell zu reaktivieren, da die Traumatisierten häufig von sich aus überhaupt nicht sprechen. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein, nämlich dass der betroffene Patient übermäßig viel spricht, meist jedoch auf unverständliche Weise. In diesem Fall muss bereits in der Anfangsphase der Sprachfluss vom Therapeuten blockiert werden.

In der nächsten sogenannten störungsspezifischen Übungsphase kommen Therapiemethoden zum Einsatz, die sich an den jeweiligen Störungsschwerpunkten orientieren.

In der dritten Phase, der sogenannten Konsolidierungsphase, wird schließlich versucht, das Erlernte in Alltagssituationen zu übertragen. Hierbei trainiert der Betroffene in Rollenspielen oder in alltäglichen Situationen wie zum Beispiel beim Einkaufen das Gelernte. Angehörige sollten bereits zu Beginn einer Sprachstörung von einem Sprachtherapeuten im Umgang mit dem Patienten beraten werden. Hierbei erfahren sie beispielsweise, dass es nicht nötig ist, mit einem sprachgestörten Patienten wie mit einem Kleinkind zu sprechen und dies bei ihm im Gegenteil nur zu unnötiger Frustration führt.

Liegt eine Sprechstörung vor, kann der Betroffene die Kontrolle über die für das Sprechen notwendige Muskulatur nicht ausüben. Tritt die Sprechstörung kombiniert mit einer Stimmstörung auf, spricht der Patient verwaschen und mit gepresster oder rauer Stimme. Neben logopädischer Therapie kommen bei Sprech- und Stimmstörungen auch Hilfsgeräte zum Einsatz, zum Beispiel so genannte Sprachsichtgeräte. Dabei bekommt der Patient auf einem Bildschirm in Form von Kurven eine unmittelbare Rückmeldung über seine Tonhöhe und seine Lautstärke (Feedback-Therapie).

Bei schwersten Sprech- und Stimmstörungen können Sprechhilfen, so genannte Kommunikatoren, verwendet werden. Diese verfügen über eine Sprachausgabe, die eine vom Patienten eingegebene Mitteilung ausdruckt, auf einem Bildschirm anzeigt oder sogar mittels einer künstlichen Stimme ausgibt. Patienten mit starker motorischer Beeinträchtigung wird die Bedienung mit einer speziellen Tastatur erleichtert.

Bei Schluckstörungen muss darauf geachtet werden, dass der Patient insbesondere in der Frühphase beim Essen und Trinken aufrecht gelagert wird. In diesem Fall kann vorüber-gehend eine Ernährung über eine Magensonde notwendig sein, in schweren Fällen erhält der Patient eine Trachealkanüle. Ein aufblasbarer Ballon um die Kanüle herum verhindert dann, dass Material in die Luftwege und in die Lunge gelangt.

Bei einer länger andauernden Schluckstörung ist ein vom Fachtherapeuten durchgeführtes Schlucktraining notwendig. Diese Schlucktherapie kann mehrere Wochen dauern. Ziel ist es, durch entsprechende Stimulationstechniken den gestörten Schluckreflex wieder anzubahnen oder dem Patienten Methoden zu vermitteln, den fehlenden Schluckreflex durch spezielle Kopfhaltungen und ein spezielles Kehlkopftraining zu ersetzen. Häufig dürfen die Patienten während dieser Zeit über den Mund keine Nahrung oder nur Nahrung bestimmter Konsistenz, wie zum Beispiel Brei, zu sich nehmen. Angehörige sollten in die Schlucktherapie einbezogen werden.

Ist es nach der Hirnverletzung zu Störungen der Koordination von Bewegungsabläufen gekommen, wird in der Rehabilitation versucht, die richtige Reihenfolge der Bewegungs- und Handlungsfolgen wieder aufzubauen. Hierfür werden mit dem Patienten alltägliche Verrichtungen wie Essen oder Anziehen trainiert. Wichtig im Umgang mit Patienten mit einer Apraxie ist es, zu wissen, dass die Störung nichts mit Verwirrtheit zu tun hat, sondern die Patienten durch die Verletzung nicht mehr in der Lage sind, die für Gesunde „normalen“ Bewegungsabläufe und Handlungsabfolgen umzusetzen.

Fachliche Unterstützung: Dr. med. Uwe Meier (BDN), Grevenbroich