Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Risikofaktor: Trauma oder schwere Belastungen

Als Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen werden psychische bzw. emotionale Beeinträchtigungen bezeichnet, die nach (extrem) belastenden Ereignissen oder einschneidenden Veränderungen im Leben eines Menschen auftreten (z.B. Erkrankung, Todesfall, Trennungen, Konflikte, Elternschaft etc.). Diese Situationen können krankheitsauslösend sein, wenn sie von den Betroffenen nicht adäquat verarbeitet werden bzw. keine erfolgreiche Bewältigung und Anpassung gelingt. Verschiedene psychische, körperliche und soziale Symptome - wie Angst, Unruhe, Schlafstörungen, Depressivität und Verhaltensveränderungen - können folgen, die zur Beeinträchtigung im Alltag und zu subjektivem Leid führen.

Nicht jede Trauerphase oder verzweifelte Reaktion z.B. nach einem Verkehrsunfall ist als „krankhaft“ einzustufen. Sie gehören meist zur normalen Bewältigung. Beschwerden wie Schlafstörungen, schlechtes Befinden und Anspannungszustände klingen in vielen Fällen wieder von alleine ab. Problematisch wird es erst, wenn der Betroffene beispielsweise seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann bzw. hierfür eine große Kraftanstrengung erforderlich ist, er einen Großteil der Tageszeit mit Gedanken an die Situation verbringt oder problematische Verhaltensveränderungen auftreten (z.B. Aggressivität, Gereiztheit, Suizidalität). Dann sollte der Kontakt mit einem Psychiater aufgenommen werden. Ob es sich um eine behandlungsbedürftige, krankhafte (pathologische) oder um eine „normale“ Reaktion handelt, kann der Facharzt beurteilen.

Unter dem Sammelbegriff „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ werden nach ICD-10 im wesentlichen drei Krankheitsbilder zusammengefasst. Im Unterschied zu anderen psychischen Störungen können diese drei Erkrankungsformen immer als direkte Folge eines außergewöhnlich belastendenden Lebensereignisses gesehen werden.

Abb. nach Patientenleitlinie "Posttraumatische Belastungsstörung"; Klasse S3 (AWMF-Register Nr. 051/1010, Seite 4)


Akute Belastungsreaktion

Eine Akute Belastungsreaktion kann nach einer außergewöhnlichen körperlichen oder seelischen Belastung (Stressor) auftreten, z.B. nach einer Naturkatastrophe, nach Unfall oder Vergewaltigung. Eine akute Belastungsreaktion tritt meist wenige Minuten nach der akuten Belastung auf. Ohne das schreckliche Erlebnis würden die Betroffenen das psychische Gleichgewicht nicht verlieren. Die akute Belastungsreaktion klingt in der Regel innerhalb von Stunden oder Tagen ab oder hält zumindest nicht länger als einen Monat an. Die Akute Belastungsreaktion ist durch eine vielfältige, oft rasch wechselnde Symptomatik gekennzeichnet:

  • Bewusstseinseinengung, Desorientriertheit und Aufmerksamkeitsdefizit, der Betroffene ist wie betäubt, d.h. es findet eine innere Distanzierung (peritraumatische Dissoziation) von dem Erlebten statt.
  • Sozialer Rückzug
  • Unfähigkeit, das Geschehen in Worte zu fassen: „Sprachloses Entsetzen“
  • Unruhe und Hyperaktivität
  • Erhöhtes Erregungsniveau, Gereiztheit
  • Körperliche Symptome z.B. Schweißausbruch, Errötung/Blässe, beschleunigte Herztätigkeit, Übelkeit, Kopfdruck
  • Eventuell teilweise oder vollständige Erinnerungslücke (Amnesie) bezüglich des Ereignisses

Die Behandlung beginnt oftmals bereits bei der Erstversorgung als kurze Krisenintervention - beispielsweise am Unglücks-/Katastrophenort. Die Rettungskräfte überprüfen je nach Ereignis etwaige Komplikationen, d.h. Schock- oder Angstzustand, Suizidgefahr usw., und leiten geeignete Maßnahmen ein. Ansonsten wird das Auffangen des Betroffenen in seinem sozialen Netz sichergestellt bzw. organisiert. Das ist besonders wichtig, wenn hilflose Personen oder Kinder versorgt werden müssen. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen sind in ihrer Wirksamkeit gut belegt. Bei starken Erregungszuständen können zur Beruhigung kurzzeitig Psychopharmaka verabreicht werden.

Bei adäquater Behandlung ist die Prognose günstig. Die akute Belastungsreaktion geht jedoch nicht selten in eine Posttraumatische Belastungsstörung über.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann als eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß auftreten. Diese auslösenden Erlebnisse (Traumata) vermögen objektiv nahezu jeden Menschen psychisch zu beeinträchtigen, wie z.B. schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Kriegshandlungen. Die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung wird gestellt, wenn typische Symptome über mehr als vier Wochen in belastender Form bestehen.

Die PTBS ist ausführlich in dem Artikel Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) behandelt.

Anpassungsstörung

Einer Anpassungsstörung liegt eine identifizierbare psychosoziale Belastung (z.B. Tod des Partners, Trennung, schwere Erkrankung, Arbeitslosigkeit, Konflikt am Arbeitsplatz, Geburt eines Kindes) zugrunde, die kein außergewöhnliches oder katastrophales Ausmaß hat, aber eine entscheidende Lebensveränderung mit sich bringt. Aufgrund des Ereignisses bzw. während des Anpassungsprozesses kommt es zu subjektiver Bedrängnis und emotionalen Beeinträchtigungen, die das Wahrnehmen von sozialen Funktionen und die Leistungen des Betroffenen einschränken.

Anpassungsstörungen sind ausführlich im Artikel Anpassungsstörungen behandelt.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Ulrich Schnyder, Zürich (SGPP), Dr. Roger Pycha, Bruneck (SIP)