Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Psychosomatik

Unter Psychosomatik wird eine Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit in der Medizin verstanden, die den Menschen als eine einzigartige geistig-seelisch-sozial-körperliche Einheit versteht. Sie betont beim Vorliegen von körperlichen Störungen die Berücksichtigung von geistig-seelischen und sozialen Faktoren für das Verständnis von Krankheitsentwicklung und Heilung(1) und geht bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten von einem biopsychosozialen Krankheitsmodell(2) aus. Damit werden Krankheit und Gesundheit nicht als zwei unterschiedliche Zustände angesehen, sondern sie stehen in enger dynamischer Wechselwirkung zueinander. Es handelt sich bei der Psychosomatik also um eine medizinisch-psychologische Krankheitslehre, die psychischen Prozessen und psychosozialen Einflüssen bei der Entstehung und Heilung körperlicher Leiden eine wesentliche Bedeutung beimisst und auch körperliche Faktoren für die Entstehung psychischer Störungen mitverantwortlich macht.

Was sind psychosomatische Erkrankungen?

Unter psychosomatischen Erkrankungen wurden viele Jahre körperliche (somatische) Krankheiten und Beschwerden verstanden, die durch psychische und psychosoziale Belastungen hervorgerufen, verstärkt oder aufrechterhalten werden. Diese Erkrankungen wurden dabei als Ausdruck einer individuellen konflikthaften oder traumatisch-situationsbezogenen Erlebnisverarbeitung gesehen, wobei sich die dabei auftretenden Gefühle wie Ängste, Ärger oder Hilflosigkeit in körperlichen Zuständen manifestierten. Nach Freud war es dabei sogar möglich, von den körperlichen Missempfindungen direkt auf die dahinterliegenden psychischen Konflikte zu schließen, wie es in der Theorie der „Konversionsstörung“ nachzulesen ist. Demnach ist die Verschiebung der Gefühle auf körperliche Symptome als Abwehrmechanismus zu verstehen, der den Umgang mit den schwierigen Lebenssituationen verbessern soll. Heute ist dieser Ansatz der Psychosomatik dagegen kritisch zu sehen: Durch die Einführung des biopsychosozialen Krankheitsmodells, das sowohl auf organische Krankheiten, als auch auf psychische Störungen angewendet wird, ist eine Trennung in psychosomatische und rein psychische oder somatische Erkrankungen nicht mehr haltbar und eine Unterscheidung zwischen psychiatrischen  und psychosomatischen Erkrankungen ist letztlich nicht möglich. Es ist erwiesen, dass sowohl bei körperlichen Erkrankungen die Psyche einen Einfluss hat, als auch umgekehrt der Zustand des Körpers psychische Störungen mit beeinflusst. Derzeit werden zwei Zugänge zur Psychosomatik unterschieden:

  • eine tiefenpsychologische Perspektive, die auf den Annahmen der Psychoanalyse aufbaut und einen eher verstehenden und deutenden Zugang hat und
  • eine empirisch-naturwissenschaftliche Perspektive, die weitestgehend dem Begriff der Verhaltensmedizin entspricht(3).

Nach der empirisch-naturwissenschaftlichen Perspektive sind Gesundheit und Krankheit keine zwei voneinander trennbaren Begriffe, sondern bilden eine Gesamtheit, die in enger Wechselwirkung steht. Somit steht Psychosomatik heute als ein Ausdruck einer biopsychosozialen Sichtweise und wird durch das dazugehörige Krankheitsmodell beschrieben.

Konsiliar-und Liaisonpsychiatrie (KL-Psychiatrie)

Die Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie ist die Mitbehandlung von Patienten auf allgemeinen (nichtpsychiatrischen) Stationen eines Krankenhauses bzw. Spitals durch einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Während in der Koniliarpsychiatrie ein externer Psychiater in den Behandlungsprozess eines Patienten mit einbezogen wird,  versteht man unter Liaisonpsychatrie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb eines Teams aus verschiedenen Ärzten, u.a. eines Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie. Der Begriff „Liaison“ enthält die Bedeutung „Beziehung“ oder „Brückenschlag“. Im Bereich der KL-Psychiatrie wird der Begriff verwendet, wenn sich ständige und formelle Kontakte (Teilnahme an Visiten, Rapporten oder Spezialsprechstunden) wie auch intensivere informelle Kontakte zwischen den Psychiatern und den somatisch tätigen Ärzten ergeben. Ziel der gemeinsamen Arbeit und des intensiven Austauschs ist das frühzeitige Erkennen möglicher psychischer Beeinträchtigungen und in der Folge die Verbesserung des Behandlungsergebnisses und der -effizienz. Umfangreiche internationale Studien belegen, dass ca. jeder dritte in somatischen Kliniken behandelte Patient zusätzlich zur körperlichen Krankheit auch eine psychische oder psychiatrische Störung von Krankheitswert aufweist4, die durch die Vernetzung der Fachgebiete häufiger erkannt wird. Die Hauptaufgaben der KL-Psychiatrie sind neben der auf das jetzige Leiden fokussierten fachärztlichen Diagnostik auch das Erstellen von Therapieempfehlungen für Patienten. Hierbei führt der KL-Psychiater therapiebegleitende psychiatrisch-psychotherapeutische Gespräche mit dem Patienten durch, berät Behandlungsteams und unterstützt diese bei der Organisation einer passenden psychiatrisch-psychotherapeutischen Nachbetreuung für den Patienten. Die relevantesten Gebiete der KL-Psychiatrie sind derzeit die Psycho-Onkologie, die interdisziplinäre Schmerzbehandlung, sowie die Schlaf- und Fertilitätsmedizin.

Die KL-Psychiatrie befasst sich einerseits mit körperlich erkrankten Patienten, bei denen eine zusätzliche psychiatrische/psychosoziale Problematik aufgetreten ist und andererseits mit körperlich erkrankten Menschen, die von einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Begleitung profitieren. Ein Beispiel hierfür ist eine 45-jährige Patientin mit der Diagnose Brustkrebs, die eine Entscheidung für oder gegen eine Operation treffen muss oder auch ein 60-jähriger Patient nach einem Herzinfarkt, der auf Grund der Einschränkungen in seinem Leben depressive Symptome oder eine Panikstörung entwickelt und wieder eine neue Aufgabe und einen neuen Sinn in seinem Leben sucht.

Geschichte der Psychosomatik

Als eigenständiger Fachbereich gibt es die Psychosomatik seit weniger als 100 Jahren. Rückblickend können verschiedene Entwicklungsphasen beschrieben werden: Zwischen 1920 bis 1960 stand die tiefenpsychologisch geprägte Frage der Psychogenese körperlicher Erkrankungen im Zentrum5. Ab den 1950er Jahren konnte sich die Psychosomatik durch die Gründung verschiedener Beratungsstellen in Deutschland mehr und mehr etablieren und es kamen neue Ideen in Bezug auf die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche auf. In den sechziger Jahren wurde durch den amerikanischen Internisten George L. Engel das Bio-Psycho-Soziale Modell(4) entwickelt, welches die komplexen psychischen und körperlichen Interaktionen des Individuums in seinem sozialen Umfeld beschrieb. Mittels des in diesem Kontext entwickelten Stress-Modells konnten Verbindungen zwischen der subjektiven Bedeutung von Belastungen und den sich körperlich und psychisch manifestierenden Stressreaktionen hergestellt werden. Die Frage, was die Person vor Distress, dem krankmachenden Stress schützt, führte zu Forschungsprojekten im Bereich der Stressresilienz und der Gesundheitsentstehung (Salutogenese)(6), die sich mit den aktuellen Fragen von gesundheitsfördernden Eigenschaften von Menschen sowie der Prävention von Krankheiten beschäftigen.

Stellenwert der Psychosomatik in der aktuellen Versorgungssituation

Seit der Verankerung der psychosomatischen Medizin in der Approbationsordnung der Ärzte im Jahre 1970 und der Einführung des „Arztes für Psychotherapeutische Medizin“ im Jahre 1992 gehört die Psychosomatik in Deutschland zu einem obligaten Bestandteil der medizinischen Aus- und Weiterbildung. 2003 wurde der Facharzt in „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ umbenannt und umfasst laut der Musterweiterbildungsordnung der Deutschen Ärztekammer die „Erkennung, psychotherapeutische Behandlung, Prävention und Rehabilitation von Krankheiten und Leidenszuständen, an deren Verursachung psychosoziale und psychosomatische Faktoren einschließlich dadurch bedingter körperlich-seelischer Wechselwirkungen maßgeblich beteiligt sind.“(7) Neben niedergelassenen Fachärzten erfolgt die Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen in Deutschland v.a. in psychosomatischen Akutkrankenhäusern und psychosomatischen Rehabilitationskliniken. Das Angebot innerhalb Deutschlands umfasst derzeit ca. 16.000 Betten in Rehakliniken und ca. 7000 Betten in Akutkrankenhäusern und die Behandlung folgt einem biopsychosozialen Krankheitsmodell. In psychosomatischen Einrichtungen werden vorwiegend Patienten mit Depressionen, Essstörungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, somatoformen Störungen, posttraumatischen Störungen und Persönlichkeitsstörungen behandelt.

Verhaltensmedizin

Verhaltensmedizin bezeichnet eine erst in den 1970er Jahren entstandene interdisziplinäre Wissenschaft, die psychische, soziale und biologische Faktoren bei der Entstehung von Krankheit und Gesundheit berücksichtigt. Dabei steht der Einbezug verhaltensorientierter Verfahren in der Behandlung somatischer Krankheiten im Vordergrund. Diese verhaltensorientierten Verfahren gehen auf die empirisch untersuchten Methoden der Verhaltenstherapie zurück und umfassen u.a.:

  • den Einsatz von Biofeedback-Verfahren zur Schmerzkontrolle oder zur Beeinflussung des Blutdrucks
  • die Vorbeugung von epileptischen Anfällen durch das Erlernen von Anfallskontrollmechanismen
  • und den Einsatz von lernpsychologisch orientierten Programmen zur Veränderung des Lebensstils.

Weitere organische Krankheiten, die auf ein verhaltensmedizinisches Vorgehen ansprechen sind u.a. gynäkologische Erkrankungen, Krebserkrankungen, Tinnitus, Diabetes mellitus, Atemwegserkrankungen oder Adipositas. Die Ziele der Verhaltensmedizin sind ebenfalls vielfältig und gehen von einer verbesserten Medikamentencompliance bis hin zur Angstreduktion vor einer Operation. Verhaltensmedizin stellt damit die aktuellste Entwicklung der Psychosomatik dar und hebt mit ihrer Anschauung die Einteilung in psychosomatisch vs. nicht-psychosomatisch zugunsten einer Synergie aus Gesundheit und Krankheit auf(2).

Quellen/Literatur

(1)    Uexküll T. (2002) (Hrsg.) Psychosomatische Medizin. Urban Schwarzenberg, München
(2)    Engel GL. (1977) The need for a new medical mode: A challenge for biomedicine. Science 196:129-136
(3)    Egger JW. (1999) Gesundheitspsychologie: Gesundheitsverhalten und Gesundheitsmotivation. Psychologische Medizin 1999, 10, 1, 3-12
(4)    Arolt V, Diefenbacher A. (Hrsg.) (2003) Psychiatrie in der klinischen Medizin: Konsiliarpsychiatrie, -psychosomatik und –psychotherapie. Steinkopf, Darmstadt.
(5)    Freud S. (1973) Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. Ges. Werke, Bd. VIII, S. 94.-102. Fischer, Frankfurt
(6)    Antonovsky A. (1987). Unraveling the mystery of health: How people manage stress and stay well. Jossey Bass, San Francisco.
(7)    (Muster-) Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer: www.bundesaerztekammer.de/downloads/20130628-MWBO_V6.pdf


Autoren: Prof. Dr. Ulrich Voderholzer (DGPPN), Prien am Chiemsee und Prof. Dr. med. Stefan Büchi (SGPP), Meilen