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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Diagnostik und Einteilung der Schweregrade bei Schädel-Hirn-Traumata

Bei einem vermuteten Schädel-Hirn-Trauma erstellt der Unfallarzt noch am Unfallort ein Protokoll. Der neurologische Status wird am Unfallort erfasst, die motorische Funktion aller Extremitäten und die anfängliche Bewusstseinslage werden nach dem Glasgow Coma Score (GCS) dokumentiert. Ein vollständiger Satz aller Einsatzprotokolle verbleibt beim Patienten. Um im Nachhinein auftretende Fragen klären zu können, müssen Namen des Notarztes und Rettungsassistenten auf dem Einsatzprotokoll vermerkt werden.

Nach Aufnahme in der Klink wird zunächst geprüft, ob Blutungen und offene oder stumpfe Knochenverletzungen aufgetreten sind. In diesem Fall wird sofort operiert. Brüche des Schädels lassen sich durch eine Röntgenuntersuchung feststellen, vor allem, wenn die einzelnen Bruchstücke gegeneinander verschoben sind.

Um eine Schädigung des Gehirns auszuschließen, wird bei allen schwereren Verletzungen eine Computer-Tomogramm (CT) des Schädels angefertigt. Das CT dient auch zur Verlaufskontrolle von Schwellungen, Nachblutungen, Liquorstauung, Infarkt oder Infektion.

Besonders wichtig ist eine Verlaufskontrolle bei einem extra- oder intraduralem Hämatom, das heißt bei einem Bluterguss außerhalb oder innerhalb der Dura. Dasselbe gilt bei einer Prellung  oder Quetschung des Gehirns (Kontusion) sowie bei einem Hirnödem beziehungsweise bei Anzeichen eines solchen wie einem Druckanstieg im Schädel.

Die Magnetresonanztomographie (MRT) wird bei schweren Schädel-Hirnverletzungen zur Diagnose von Schädigungen (Läsionen), Quetschungen, Durchblutungsstörungen (Ischämien) des Gehirns oder der Harnwasserruhr (Diabetes insipidus) durchgeführt. Die MRT dient auch im späteren Verlauf dem Nachweis von Hirngewebsdefekten, Glianarben, Ventrikelerweiterung, chronischem subduralem Hämatom oder eines Abszesses.

Unter Umständen können weitere Untersuchungsmethoden nötig sein: Bei einem schweren SHT dienen evozierte Potentiale einer genaueren Einschätzung des Zustandes des Patienten. Mit der MR-Angiografie können Verengung und Verletzungen von Blutgefäßen aufgespürt werden. Spezielle Ultraschalluntersuchungen (Neurosonografie,  transkranielle Dopplersonographie) werden ebenfalls eingesetzt, um Störungen bei Blutgefäßen fest-stellen zu können. Die Elektroenzephalografie (EEG) wird zur Dosierungssteuerung von Narkosemitteln sowie zum Nachweis von epilepsiehaften Störungen im Gehirn herangezogen.

Durch allgemeine körperliche Untersuchung wird festgestellt, inwieweit Skelett, Weichteil- oder Organverletzungen aufgetreten sind. Der Hals-Wirbel-Säule gilt nach Schädel-Hirn-Traumen besondere Beachtung, sie muss bis zur endgültigen Abklärung ruhig gestellt werden.

Anhand der beschriebenen Untersuchungen und des Protokolls des Unfallarztes kann die Schwere des Traumas festgestellt werden. Erst nach den Untersuchungen können die Ärzte sagen, wo und in welchem Umfang Verletzungen aufgetreten sind und welche Aus-wirkungen (auch sekundäre und späte Folgen des Traumas) zu erwarten sind.

Einteilung der Schweregrade bei Schädel-Hirn-Traumata

Die Schwere eines Schädel-Hirn-Traumas wird üblicherweise nach dem Punktwert in der Glasgow-Coma-Skala (GCS) eingeteilt. In dieser Skala erhält der Patient für bestimmte Reaktionen Punkte. Kriterien sind Augenöffnen, verbale Reaktion auf Ansprache und motorische Reaktion. Bereits bei der orientierenden Untersuchung am Unfallort werden Augenöffnen, Reaktion auf Schmerzreize und sprachliche Äußerungen des Unfallopfers erfasst. Aus den Beobachtungen ergibt sich ein Punktwert zwischen 3 und 15, wobei 15 die höchstmögliche Punktzahl der GCS darstellt. Die Ausprägung der entstandenen Schäden wird dementsprechend in drei Schweregrade eingeteilt:

GCS-Wert von 13 – 15: Das leichte Schädel-Hirn-Trauma (SHT 1)

Kurze Bewusstlosigkeit, die nicht länger als 5 Minuten anhält. Symptome bilden sich innerhalb von wenigen Tagen zurück. Für die Zeit vor oder nach dem schädigenden Ereignis entsteht meist eine Erinnerungslücke. Es sind keine Spätfolgen zu erwarten. Möglicherweise tritt ein so genanntes postkommotionelles Syndrom auf, welches sich jedoch nach einiger Zeit zurückbildet. Man spricht bei einem leichten Schädel-Hirn-Trauma auch von einer Gehirnerschütterung (Commotio cerebri). Da sich aber auch bei einem zunächst harmlos aussehenden Schädel-Hirn-Trauma Komplikationen ergeben können, muss der Patient unter Umständen im Krankenhaus oder zuhause weiter beobachtet werden.

GCS-Wert von 9 – 12: Das mittelschwere Schädel-Hirn-Trauma (SHT 2)

Bewusstlosigkeit dauert länger als 5 Minuten bis hin zu 30 Minuten an. Symptome bilden sich innerhalb von einem Monat zurück; Spätfolgen sind unwahrscheinlich. Auch hier sollte der Patient in der ersten Zeit nach dem Unfall weiter beobachtet werden, um mögliche Komplikationen zu vermeiden.

GCS-Wert von 3 - 8: Das schwere Schädel-Hirn-Trauma (SHT 3)

Länger als 30 Minuten andauernde Bewusstlosigkeit; bei einem schweren Schädel-Hirn-Trauma bleiben in der Regel Schäden bestehen.

Mehr als Dreiviertel (ca. 80%) der in eine Klinik überwiesenen SHT-Patienten haben ein leichtgradiges SHT, das ohne weitere Folgen bleibt. Weitere 10% sind mittelschwer betroffen und weitere 10% schwer.

Postkommotionelles Syndrom

Bezeichnung für Allgemeinbeschwerden nach einer Gehirnerschütterung, die einige Wochen anhalten können u. sich allmählich zurückbilden. Es kommt dabei zum Beispiel zu Apathie, diffusem Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit, rascher Ermüdbarkeit und Reizbarkeit sowie zu vermehrtem Schwitzen.

Fachliche Unterstützung: Dr. med. Uwe Meier (BDN), Grevenbroich