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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Psychosen - Krankheitsbild

Das Krankheitsbild bei Psychosen ist sehr vielfältig. Es gibt jedoch einige Symptome, die häufig auftreten: Führend sind Störungen des Denkens und der Wahrnehmung. Besonders charakteristisch sind Wahnvorstellungen und Halluzinationen (meist akustisch, aber auch Geruchs-, Geschmacks-, Tast- und optische (Gesichts-) Halluzinationen). Wahnsymptome treten häufig in Form von Verfolgungswahn oder Beziehungswahn auf, bei denen der Betroffene Wahrnehmungen fälschlicherweise auf sich bezieht. Manche Betroffene haben den Eindruck, dass die Umwelt nicht mehr real sei oder sie selber nicht die Person seien, die sie sein scheinen, ferner dass die eigenen Gedanken auch von anderen wahrgenommen oder beeinflusst werden können (sog. Ich-Störungen). Die Denkstörungen zeigen sich häufig in der Form von Problemen im formalen Denkablauf, was als Unkonzentriertheit oder Verwirrtheit erscheinen mag. Häufig begleiten Stimmungsschwankungen die psychotischen Symptome.

Daneben treten häufig Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und affektive Störungen wie Depressionen und Ängste auf. Einschränkungen der Leistungsfähigkeit sind jedoch auch durch Störungen des Antriebs, in fortgeschrittenen Stadien oder bei schweren Erkrankungsverläufen auch durch sog. kognitive Störungen, also Störungen der Aufmerksamkeit oder des Gedächtnisses, bedingt.

Während bei einer primären Psychose vor allem psychotische Veränderungen wie Wahn oder Halluzinationen im Vordergrund stehen, treten bei sekundären Psychosen häufig zusätzlich Verwirrtheitszustände (Desorientierung), Bewusstseinsstörungen und Gedächtnisstörungen auf.

Primäre (nicht-organische, funktionelle) Psychosen

Die primären Psychosen sind im Gegensatz zu den sekundären Psychosen körperlich nicht begründbar. Sie unterteilen sich in:

  • Schizophrene Psychosen mit 5 Untergruppen. Hierbei stehen formale und inhaltliche Denkstörungen sowie Wahrnehmungsstörungen im Vordergrund. (Weitere Informationen hierzu im Artikel „Schizophrenie“)
  • Schizoaffektive Psychosen - dieser Begriff wird für Formen der Psychose angewandt, bei der sich Symptome der schizophrenen (Wahn, Halluzinationen) und der affektiven Psychose (depressive, manische Zustände) mischen bzw. nahezu gleichzeitig auftreten. Dabei erfüllen sie weder die Kriterien für Schizophrenie noch für eine depressive oder manische Episode.
  • Schizotype Störung – eine Form der psychotischen Störungen mit ungewöhnlichen Wahrnehmungserlebnissen sowie Denkstörungen, die allerdings nicht den Schwere- und Ausprägungsgrad einer Schizophrenie erreichen. Die Störung zeichnet sich durch Anomalien des Denkens und der Stimmung aus, die schizophren wirken, obwohl nie eindeutige schizophrene Symptome aufgetreten sind. Möglich sind: ein kalter Affekt, Anhedonie, Tendenz zu sozialem Rückzug, paranoische Ideen (keine eigentlichen Wahnvorstellungen), zwanghaftes Grübeln, Denk- und Wahrnehmungsstörungen, gelegentlich Episoden mit Illusionen, akustischen oder anderen Halluzinationen und wahnähnlichen Ideen, meist ohne äußere Veranlassung. Es lässt sich kein klarer Beginn für die Störung feststellen.
  • Anhaltende wahnhafte Störungen – hierbei ist ein langandauernder Wahn das entscheidende klinische Merkmal. Betroffene entwickeln eine einzelne Wahnidee oder mehrere aufeinander bezogene Wahninhalte.
  • Akute vorübergehende psychotische Störungen – charakteristisch sind ein akuter Beginn innerhalb von zwei Wochen und eine rasch wechselnde Symptomatik, bei der neben typischen schizophrenen Symptomen (Wahnvorstellungen, Halluzinationen und andere Wahrnehmungsstörungen) schwere Störung des normalen Verhaltens auftreten. Die Krankheitsdauer beträgt maximal bis zu drei Monaten.
  • Induzierte wahnhafte Störungen – eine seltene Erkrankungsform, bei der die Wahnvorstellungen einer Person auf eine nahestehende ansonsten gesunde Person übertragen (induziert) werden. Beide Personen stehen dabei meist in einer engen emotionalen Beziehung. Gelegentlich betrifft die Störung auch mehr als zwei Personen (z.B. Eltern und Kinder)
  • Affektive Psychosen – hierbei sind vor allem die Stimmung, Motivation und Antrieb beeinträchtigt (psychotische Depression, Manie, bipolare Erkrankungen.

Bei primären Psychosen zeigen sich bereits Monate und Jahre vor einem akuten Schub in der Regel erste klinische Symptome (Prodromalsymptome). Sie sind jedoch unspezifisch und werden meist weder von den  Betroffenen noch von den Angehörigen von Betroffenen mit Frühsymptomen einer Psychose in Verbindung gebracht werden. Die Betroffenen leiden an Antriebsmangel, Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Manche haben monatelang eine gedrückte Stimmung. Sie sind angespannt, zuweilen nervös oder können sich schlecht auf Aufgaben konzentrieren. Häufig ziehen sich die Betroffenen aus ihrem sozialen Umfeld zurück, sodass es zu Problemen in der Ausbildung oder am Arbeitsplatz kommen kann. Falls solche Frühsymptome auftreten, sollte frühzeitig eine ärztliche Diagnostik erfolgen.

Sekundäre (organische, symptomatische) Psychosen

Eine sekundäre Psychose wird auch als körperlich begründbare Psychose, symptomatische Psychose oder organische Psychose bezeichnet. Sekundäre Psychosen können akut oder chronisch-progredient verlaufen. Akute sekundäre Psychosen sind in der Regel reversibel, wenn die zugrunde liegende Ursache/Erkrankung rechtzeitig erkannt und behandelt wird, sie können sich auch spontan bessern. Auch bei chronischen Psychosen sind Besserungen bei adäquater Behandlung möglich.

Akute organische Psychose
Die akute organische Psychose tritt plötzlich auf und geht mit fluktuierenden Störungen von Kognition, Psychomotorik und Affekt einher. Dabei sind Formen mit Desorientierung und Bewusstseinsveränderung (z.B. Delir, Dämmerzustand) und Ausprägungen ohne Bewusstseinsveränderung möglich. Akute organische Psychosen sind meist reversibel, d.h. die vielfältigen Krankheitsanzeichen bilden sich bei entsprechender Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung in der Regel schnell  zurück.

Eine Form der akuten organischen Psychose ist das hirnlokale Psychosyndrom, das mit Bewusstseinsstörungen, Gedächtnisstörungen, Orientierungsstörungen, Ich-Erlebensstörungen, Wahn und Halluzinationen einhergeht. Als Ursachen gelten vielfältige Veränderungen im zentralen Nervensystem, die auf Hirntumore, Schädel-Hirn-Trauma, frühkindliche Hirnschädigungen, Vergiftungen, Infektionen (z.B. Gehirn/Hirnhaut-Entzündung), Epilepsie oder Durchblutungsstörungen des Gehirns zurückgeführt werden können. Eine weitere Form der akuten organischen Psychose ist das Delir (Delirium). Hierunter versteht man einen Zustand fluktuierender Bewusstseinstrübung, der mit einem Krampfanfall einsetzen kann und mit den Symptomen Desorientierung, Gedächtnisstörungen, Halluzinationen, ängstlicher Unruhe, ausgeprägtes Zittern (Tremor) einhergehen kann. Ein Delir kann beispielsweise im Rahmen von hohem Fieber, bei Vergiftungen, Infektionen oder Flüssigkeitsmangel (Dehydrierung) auftreten. Auch bei Alkoholabhängigkeit kann ein Delir im Rahmen des Entzugs oder auch während einer Episode sehr schweren Missbrauchs auftreten. Ein Delir erfordert eine notfallmäßige Sofortversorgung. Weiterhin wird der Dämmerzustand als Form einer akuten organischen Psychose unterschieden, der im Rahmen von Schädel-Hirn-Traumata, Vergiftungen oder Epilepsie auftritt. Ein Sonderfall der akuten organischen Psychose ist das so genannte Durchgangssyndrom, das zeitlich begrenzt nach operativen Eingriffen auftritt. Hierbei stehen Symptome wie Vergesslichkeit, verlangsamte Reaktionsfähigkeit oder Schwindel in Zentrum des Störungsbildes. Bewusstseinstrübung, Halluzinationen und Wahn sind hingegen nur schwach ausgeprägt oder fehlen.

Chronische organische Psychosen
Chronische organisch bedingte psychotische Störungen sind Folge einer chronischen Gehirnerkrankung. Sie zeichnen sich durch eine (erworbene) Beeinträchtigung des Gedächtnisses, eine Einschränkung kognitiver Fähigkeiten (v.a. das abstrakte Denken ist betroffen, ebenso die Konzentrationsfähigkeit und das Urteilsvermögen) sowie durch Veränderungen von Psychomotorik, Antrieb, Affekt und sozialer Beziehungsgestaltung aus.
Hierzu gehören beispielsweise diffuse oder lokale Psychose-Syndrome, die bei chronischen Erkrankungen des Gehirns oder bei Allgemeinerkrankungen (z.B. schwere Stoffwechselstörungen) auftreten können. Ferner können chronische organische Psychosen auch infolge von Substanzgebrauch  (z.B. bei Alkoholabhängigkeit) auftreten. Schließlich gibt es das frühkindliche exogene Psychosyndrom, bei dem es sich um einen frühkindlichen Hirnschaden handelt.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel, Priv.-Doz. Dr. med. Jürgen Zielasek, Düsseldorf (DGPPN) und Prof. Dr. med. Anita Riecher-Rössler, Basel (SGPP)