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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Behandlungsmöglichkeiten bei Schwindel

Für den Betroffenen stellt der Schwindel, selbst wenn er zum Teil nur anfallsweise auftritt, eine große und unter Umständen auch gefährliche Belastung (z.B. lebensbedrohliche Erkrankung, psychische Folgen, Sturzgefahr) dar. Eine Therapie ist also in jedem Falle angebracht. Bei dem Auftreten wiederholter Schwindelepisoden ist der Gang zum Facharzt (Neurologen) schon deshalb wichtig, um gefährliche Erkrankungen wie Schlaganfall oder Tumoren ausschließen zu können. Dies gilt besonders dann, wenn der Schwindel, von heftigen Kopfschmerzen begleitet wird oder Koordinationsprobleme auftreten. Zu einem Arztbesuch ist auch immer dann zu raten, wenn der Schwindel über mehrere Tage anhält oder sehr ausgeprägt ist.

Schwindel muss je nach Ursache und Art ganz individuell behandelt werden. Es stehen sowohl für die akuten Anfälle als auch für mögliche vegetative Begleiterscheinungen wie Übelkeit wirksame Medikamente zur Verfügung. Daneben sind je nach Schwindelform physikalische (z.B. beim gutartigen Lagerungsschwindel) und psychotherapeutische Maßnahmen (z.B. beim Angstschwindel) zur Therapie geeignet.

Einerseits ist der Gleichgewichtssinn aufgrund der komplexen Verschaltung vieler verschiedener Teilsysteme recht störanfällig. Glücklicherweise heilen viele Schwindelsyndrome aber von alleine aus. Die richtige Behandlung kann dabei den Prozess der Heilung zusätzlich beschleunigen.

Medikamente gegen Schwindel
(©djama - fotolia.com) Medikamente sind eine Behandlungsoption bei Schwindel

Spezielle Medikamente, so genannte Antivertiginosa, spielen vor allem bei akuten und starken Schwindelanfällen eine Rolle; sie bessern das Symptom, nicht die Krankheit. Weiter kommen möglicherweise Antihistaminika als Akut-Medikation im Anfall sowie bei der Bewegungskrankheit, oder Betahistin zum Einsatz bei Menière-Patienten  in den anfallsfreien Intervallen, welche die Häufigkeit und Ausprägung der Attacken günstig beeinflussen können. Für begleitende Übelkeit und Erbrechen gibt es ebenfalls wirksame Präparate. Je nach Schwindelart können auch andere Medikamente verordnet werden.

Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen gilt: Training bessert Schwindel, während Ruhe und Schonung ihn eher verschlimmern. Denn so störanfällig dieses Zusammenspiel verschiedener Systeme auch sein mag, so ergeben sich aus seiner Komplexität andererseits auch viele Kompensationsmöglichkeiten, indem andere Systeme teilweise die Funktion von ausgefallenen „Partnern“ übernehmen. Ein wichtiges Element der Behandlung stellen deshalb physiotherapeutische Maßnahmen dar. Dabei werden Übungen durchgeführt, die Haltungsunsicherheiten des Patienten provozieren und auf diese Weise Korrekturbewegungen von ihm erfordern. Die Strategie der krankengymnastischen Behandlung ist es, durch das ständige Hervorrufen von Stand- und Gangunsicherheiten eine Verbesserung der Gleichgewichtsreaktionen des Patienten zu erzielen und vermeintlichen „Schonhaltungen“ vorzubeugen. Bei bestimmten Schwindelerkrankungen wie dem gutartigen Lagerungsschwindel und dem Dauerdrehschwindel bei einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis) lassen sich die Heilungsverläufe durch solche Übungen erheblich verkürzen.

Bei Patienten mit gutartigem Lagerungsschwindel werden z.B. durch bestimmte Lagerung und Drehung des Betroffenen (Lagerungstraining) die Ablagerungen im Gleichgewichtsorgan gelöst. Patienten, die mit diesem so genannten „Befreiungsmanöver“ behandelt werden, müssen darauf vorbereitet sein, dass es nach geglücktem Manöver für ein bis zwei Wochen vorübergehend zu Schwankschwindel mit Gangunsicherheit kommen kann.

Bei psychisch bedingtem Schwindel haben sich psychotherapeutische Maßnahmen (z.B. Verhaltenstherapie) als erfolgreich erwiesen. In schweren Fällen können diese durch eine medikamentöse Behandlung unterstützt werden.

In besonders schwierigen Fällen, beispielsweise bei Morbus-Menière-Patienten mit besonders häufigen oder über Jahre auftretenden Schwindelattacken und einer gleichzeitig extrem eingeschränkten Hörfähigkeit, können operative Behandlungsmaßnahmen wie die Medikamentöse Ausschaltung des betroffenen Gleichgewichtsorgans durch Gentamicin-Injektionen zur Anwendung kommen. Allerdings sind solche operativen Maßnahmen inzwischen die Ausnahme und sollten nur nach gründlicher Abwägung zum Einsatz kommen.

Fachliche Unterstützung: PD Dr.med. Mark Obermann, Essen (DGN)