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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Schwindel: Gestörter Gleichgewichtssinn

Um verstehen zu können, wie eine Missempfindung wie Schwindel zustande kommt, ist es wichtig zu wissen, wie der Gleichgewichtssinn funktioniert, ohne den Menschen weder aufrecht stehen noch laufen könnten.

Balance zu halten und sich in einer Welt zu orientieren, die aus oben und unten, vorne und hinten, rechts oder links besteht, ist für den menschlichen Körper keine einfache Aufgabe. Deshalb bedient er sich für diesen Balanceakt unterschiedlicher Informationen, welche ihm verschiedene Sinne liefern. Zu ihnen gehören das Sehen (optisches System), die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des eigenen Körpers im Raum (propriozeptives System) sowie das Gleichgewichtsorgan (vestibuläres System).

Die übergeordnete Instanz, das Gleichgewichtszentrum, sitzt im Hirnstamm. Hier wird mithilfe der eingehenden Informationen die aktuelle Position im Raum errechnet und mit Bewegungsabläufen abgeglichen, die wir im Laufe unseres Lebens erlernt und abgespeichert haben. Befehle, die dafür sorgen, dass das „Gleichgewicht aufrechterhalten wird, gehen anschließend zu den Muskeln und Augen, die dann notwendige Korrekturbewegungen ausführen und somit für die Aufrechterhaltung unserer Balance sorgen.

Zusammenhang zwischen Gleichgewichtssinn und Schwindel
(©Orlando Florin Rosu - fotolia.com) Gestörte Sinneswahrnehmungen und körperliche Beschwerden sind eng verknüpft

Vestibuläres System

Die Informationen, die unser Gleichgewichtssinn aus optischem, propriozeptivem und vestibulärem System im zentralen Nervensystem (ZNS) aufnimmt und verarbeitet, werden ihm unter anderem von den Gleichgewichtsorganen (Vestibularorgan) geliefert, die, je eines rechts und links, im Innenohr im Felsenbein sitzen. Es handelt sich dabei um einen kleinen „Apparat“ mit einem großen und einem kleinen Vorhoffsäckchen sowie drei bogenförmigen Gängen. Diese sind zum Teil mit Lymphflüssigkeit gefüllt und stehen jeweils im rechten Winkel zueinander - etwa so wie die drei Seiten eines Würfels, die in einer seiner Ecken aufeinandertreffen. An den inneren Wänden befinden sich hochempfindliche Tast- bzw. Sinneshaare, von denen jedes Einzelne mit einem Nerv verbunden ist. Bei jedem noch so kleinen Positionswechsel des Kopfes bewegt sich die Flüssigkeit in den Bogengängen. Das reizt die Sinneshärchen, welche diese Reize an das Gleichgewichtszentrum und Kleinhirn weiterleiten. Diese Bogengänge sind für die Wahrnehmung von Drehbewegungen des Kopfes (oder des Körpers mitsamt dem Kopf) im Raum verantwortlich. Dreht sich eine Person längere Zeit um die eigene Achse und stoppt plötzlich, rotiert die Flüssigkeit im Gleichgewichtsorgan noch eine Weile weiter und ruft so den Eindruck einer entgegengesetzten Drehung hervor.

Optisches System

Die Informationen, die das vestibuläre System liefert, werden von den Reizen, welche die Augen aufnehmen und an das Gehirn senden, ergänzt bzw. mit ihnen abgeglichen.

Propriozeptives System

Zusätzlich leiten die Rezeptoren der Gelenke und Muskeln ständig Informationen über die Stellung der Arme und Beine, aber auch sämtlicher anderer Körperpartien weiter, und helfen damit, die Statik unseres Körpers zu regulieren. Teil dieses propriozeptiven Systems sind auch die Drucksensoren in der Haut, die unserem Gehirn Meldung darüber machen, in welcher Haltung wir uns befinden, auf welchem Untergrund und mit welcher Geschwindigkeit wir uns bewegen.

Probleme wie Schwindelgefühle entstehen, wenn die Informationen, die im ZNS eintreffen, widersprüchlich sind bzw. erscheinen und deshalb nicht richtig zueinander passen. Sie entstehen natürlich aber auch, wenn zwar richtige Informationen ankommen, die zentrale Schaltstelle im Gehirn diese aufgrund von Funktionsstörungen nicht richtig verarbeiten kann. Ersteres kann zum Beispiel dann passieren, wenn jemand bei Windstärke sieben unter dem Deck eines Schiffes sitzt und ein Buch liest, das er in den Händen hält. Dabei melden Gleichgewichtsorgane und Tastsinn ständig, dass der Körper im Takt der Wellen schwankt. Die Augen aber haben die Seiten des Buches fixiert, welches, weil es sich synchron zum Körper bewegt, unbewegt erscheint, und melden infolgedessen an das Gehirn: alles ruhig. So treffen dort widersprüchliche Aussagen aufeinander, die nicht richtig interpretiert werden können.

Vegetative Beschwerden bei Schwindel

Dass gestörte Sinneswahrnehmungen und körperliche Beschwerden so eng verknüpft und mitunter auch schwer zu unterscheiden sind, ist kein Zufall. Denn die Kerne des Gleichgewichtsnervs liegen im Hirnstamm neben den Kernen des Nervus vagus. Letzterer versorgt unter anderem Magen, Herz und Lunge. Wie eng die Verbindungen zwischen dem Nervus vagus und dem Gleichgewichtsnerv sind, zeigt die Tatsache, dass Übelkeit eine regelmäßige Folge von Drehschwindel ist, dass umgekehrt aber auch Übelkeit, die vom Magen ausgeht, Schwindel erzeugen kann. Für andere vegetative Beschwerden gilt Ähnliches.

Fachliche Unterstützung: PD Dr.med. Mark Obermann, Essen (DGN)