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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Polyneurpathie: Diagnostik und Untersuchungen

Diabetische Polyneuropathie

Am Anfang steht das ärztliche Gespräch mit dem Patienten. Der Arzt fragt dabei nach der Art der Beschwerden, wann und in welchem Zusammenhang diese begonnen haben und wie sie sich auswirken. Außerdem möchte er wissen, ob der Betreffende unter anderen Erkrankungen leidet und ob und wie diese behandelt werden. Wichtig ist auch zu wissen, welche Medikamente der Patient einnimmt.

Die weitere Diagnostik umfasst eine gründliche neurologische Untersuchung. Der Arzt testet dabei die Empfindlichkeit der Haut auf Berührung, Vibration und Temperatur. Außerdem werden Muskelkraft und Reflexe untersucht. Zu den wichtigsten Untersuchungsmethoden gehören:

(©bilderstoeckchen - fotolia.com) Überprüfung der Nervenfunktion bei Polyneuropathie notwendig

Überprüfung der Nervenfunktion

Die Berührungsempfindlichkeit bestimmt der Arzt u.a. mit einem Nylonfaden, den er leicht auf den Fuß oder die Hand drückt, bis er sich biegt. Spürt der Patient den Faden nicht oder nur sehr schwach ist die Berührungsempfindlichkeit verloren oder abgeschwächt. Zur Untersuchung der Nervenfunktion gehört auch das Prüfen der Vibrationsempfindlichkeit. Dabei wird eine angeschlagene Stimmgabel an einen Knochenvorsprung gehalten (z.B. Fuß- oder Handknöchel). Der so genannte Stimmgabeltest ist sehr aussagekräftig bezüglich der Tiefensensibilität. Ergänzend wird die Reaktion der Muskeleigenreflexe untersucht. Auffällig sind dabei abgeschwächte oder nicht mehr vorhandene Reflexe.

Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) – Elektroneurografie

Der Arzt reizt bei der Elektroneurografie einen Nerv nacheinander an zwei Stellen mit einem kleinen elektrischen Impuls. An einer anderen Stelle, meist über dem Muskel, bestimmt er die Ankunftszeit des Signals. Am Bildschirm wird dann die Nervenleitgeschwindigkeit für jeden einzelnen Nerv dargestellt. Beginnende Nervenschädigungen können durch eine verminderte Leitgeschwindigkeit angezeigt werden.

Bestimmung der Muskelaktivität - Elektromyografie (EMG)

Das Elektromyogramm zeichnet die Aktivität einzelner Muskeln durch eine in den Muskel gestochene dünne spezielle Nadel auf. Diese Untersuchung zeigt, ob ein Muskel in normal durch einen Nerv versorgt wird. Aus Veränderungen der Reizantworten lässt sich auf einen geschädigten Nerv oder Muskel schließen.

Quantitative sensorische Methode

Mit diesem Test misst man die Reaktion des Nervs auf bestimmte Reize wie Druck und Temperatur (Warm-Kalt-Empfindungen). Die Methode wird zunehmend eingesetzt, um den Verlust der Empfindlichkeit, aber auch eine vermehrte Reizbarkeit von Nerven zu untersuchen. Die Untersuchung dauert lange, erfordert große Aufmerksamkeit und Mitarbeit seitens des Patienten. Sie ist nicht Gegenstand der Routineuntersuchung.

Untersuchung der Herzstromkurve – Elektrokardiogramm (EKG)

Damit  kann der Arzt prüfen, ob das Herz von einer autonomen Neuropathie betroffen ist. Dabei wird der Patient einem EKG unter Mehratmung unterzogen, wobei der Puls kontinuierlich gemessen wird.

Ultraschalluntersuchung der Harnblase

Der Harnblasen-Ultraschall zeigt an, ob die Blase nach dem Wasserlassen leer ist oder ob sich Restharn in ihr befindet. Wenn letzteres der Fall ist, kann dies Zeichen für eine Blasenentleerungsstörung als häufige Folge einer autonomen Neuropathie sein.

Labordiagnostik

Laboranalysen, z.B. in Form spezieller Blutuntersuchungen, werden bei Verdacht auf diabetische Polyneuropathie nur in einzelnen Fällen zur Differenzialdiagnostik, d.h. zur Abklärung bei unklarer Ursache und/oder zur Abgrenzung anderer Krankheitsbilder mit ähnlicher Symptomatik, sowie zur Verlaufskontrolle genutzt. Ein spezieller Laborwert (das HbA1c) eignet sich zur Prüfung, ob ein Patient seinen Blutzucker gut kontrolliert und die verordnete Diät und Medikation einhält.

Polyneuropathien anderer Ursache

Bei jeder Polyneuropathie ist eine ausführliche Krankengeschichte (Anamnese) wichtig. Dabei sollte der Arzt immer nach familiären neurologischen Erkrankungen, einer Zuckerkrankheit, Infektionen, dem Genuss von Alkohol und der Einnahme von Medikamenten fragen.

Infektiöse Ursachen einer Polyneuropathie lassen sich durch Labortests nachweisen. Dazu gehören die Bestimmung von Entzündungsparametern und beispielsweise Antikörpern bei Borreliose, HIV, Masern oder Diphtherie.

Bei einer alkoholischen Polyneuropathie finden sich bei Blutuntersuchungen häufig Anzeichen für einen Vitamin-B-Mangel. Ist die Leber durch den chronischen Alkoholmissbrauch bereits stark geschädigt, fallen Gerinnungsstörungen, Eiweißmangel und erhöhte Leberwerte auf. Vergiftungen lassen sich ebenfalls durch Spuren im Blut und Urin nachweisen.

Nervenbiopsie

Bei der Nervenbiopsie wird durch einen kleinen Schnitt in die Haut eine Gewebeprobe entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. Die Nervenbiopsie ist  jedoch nur in seltenen unklaren Fällen erforderlich. 

Prof. Dr. Peter Berlit, Essen (DGN) und PD Dr. Andrea Jaspert-Grehl, Essen (DGN)