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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Pubertät und Adoleszenz: Körperliche und psychosoziale Reifung

Pubertät

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen geht einher mit biologischen Reifungsschritten, die gemeinhin mit dem Begriff Pubertät bezeichnet werden. Diese körperlichen Veränderungen unterliegen der Steuerung durch verschiedene Hormone, die wiederum Einfluss auf das Körperwachstum, die Veränderungen des Anteils von Muskelgewebe zu Fettgewebe, die Reifung und Belastbarkeit von Atmungssystem und Blutkreislauf sowie die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale und die Reifung der Sexualorgane haben. Zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen gehören Scham- und Körperbehaarung, Brustentwicklung bei Mädchen und Veränderung der Stimmlage. Im Rahmen des Wachstumsschubs im Alter zwischen 12 und 14 Jahren bei Jungen und zwischen 10 und 12 Jahren bei Mädchen erfährt die Körperlänge einen Zuwachs um bis zu 10 Zentimeter pro Jahr. Letztlich wird die Pubertät durch eine vermehrte Ausschüttung von Hypophysenhormonen eingeleitet, die die Wachstums- und Funktionsfähigkeit der Geschlechtsorgane anregen und Einfluss auf das zentrale Nervensystem besitzen. Neben biologisch bedingten Reifungsprozessen können Mangelernährung, extreme körperliche Belastungen und emotionaler Stress das Entwicklungstempo der Pubertät grundsätzlich beeinflussen. Mangelernährung wie sie etwa im Rahmen der Magersucht bewusst herbeigeführt wird oder körperliche Erkrankungen können die Pubertätsentwicklung anhalten oder verzögern. Demgegenüber gibt es Hinweise, dass emotionale Belastungen die körperliche Reifung beschleunigen können. Die zeitliche Streuung der Pubertätsentwicklung ist mit vier bis fünf Jahren bei beiden Geschlechtern relativ hoch, sodass jeder Mensch auf spezifisch individuelle Weise in die Pubertät eintritt, ohne dass entsprechende Unterschiede des Eintrittsalters medizinisch biologisch von Bedeutung wären.

Adoleszenz

Die vielfältigen biologischen Veränderungen werden von einer Reihe psychosozialer Veränderungen begleitet, die den langsamen Eintritt des Heranwachsenden in die Erwachsenenwelt kennzeichnen. Diese „psychosoziale Pubertät“ bezeichnet man als Adoleszenz, die durch tiefgreifende Wandlungen im subjektiven Erleben begleitet wird und ebenfalls eine normative Neuorientierung fordert. Allerdings durchlaufen nicht alle Jugendlichen in dieser Phase eine normative Krise , diese meisten Jugendlichen bewältigen diese Lebensphase ohne krisenhafte Zuspitzung. Zeitlich reicht die Adoleszenz vom 11. bis 21. Lebensjahr. Dabei wird als frühe Adoleszenz das Alter von 11 bis 14 Jahren angesehen, die mittlere Phase umgreift das 15. bis 18. Lebensjahr, die Spätadoleszenz die Jahre 18 bis 21. Im Jugendalter erfahren auch die Hirnfunktionen eine Neustrukturierung, neuronale Netzwerke werden umgebildet, Selektions- und Spezifikationsprozesse im Bereich der einzelnen neuronalen Verbindungen laufen ab. Dabei kommt es zur selektiven Auflösung von neuronalen Verbindungen in unterschiedlichen Hirnzentren, wobei vor allem jene Verbindungen und Bahnungen zurückgenommen werden, die wenig benützt werden, zugunsten von häufig aktivierten neuronalen Netzwerken, die dadurch eine funktionelle Verbesserung erfahren. Dadurch kommt es zu wesentlichen Veränderungen im Bereich der Kognition und der Affektregulation.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ulm (DGKJP)