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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Adoleszenz: Kognitive Entwicklungen und ihre Auswirkungen

Im kognitiven Bereich verändert sich der Stil des Denkens: Die Jugendlichen entwickeln die Fähigkeit, in formalen Operationen zu denken und damit über konkret anschauliche Denkprozesse hinauszugehen. Hypothesen können gebildet, Problemlösungen in Einzelschritten entwickelt, logische Schlussfolgerungen gezogen werden. Auch im sozialen Bereich wird das Wissen erweitert. Jugendliche schenken ihrem sozialen Echo und der Anerkennung durch andere vermehrt ihre Aufmerksamkeit. Die Fähigkeit zur Introspektion und Selbstreflexion erreicht einen ersten Höhepunkt. Bisherige Bewertungs- und Orientierungssysteme verlieren oftmals ihre Gültigkeit. Typischerweise begeben sich die Jugendlichen auf eine Suche nach dem “Eigenen“, dabei werden oftmals Nachforschungen zur eigenen Herkunft angestellt oder geografische Recherchen betrieben. Besonders Jugendliche, die adoptiert wurden oder bei Pflegefamilien aufwachsen, zeigen in dieser Lebensphase ein besonderes Interesse, ihren leiblichen Eltern zu begegnen oder zumindest etwas über ihre Herkunft zu erfahren.

Bei wachsender Kritikfähigkeit nehmen die Jugendlichen eine ganz persönliche Stellung zur Welt ein. Autoritäten und Wertsysteme werden nicht ohne Fragen übernommen. Jugendliche können in Wertekrisen geraten, wenn sie in den unterschiedlichen Lebensfeldern ihrer sozialen Umgebung, beispielsweise in der Familie, der Gruppe von Gleichaltrigen in der Schule, Berufsausbildung und Freizeit unterschiedliche Werthaltungen erkennen, Verlogenheiten entlarven und häufig eine Unvereinbarkeit feststellen. Die meist hohen Werte-Ideale machen Jugendliche kritisch gegenüber Doppelbödigkeiten von so genannten Moralinstanzen oder sozialen Zielsetzungen. Überkritisch werden die alltäglichen Kompromisse der Erwachsenen zwischen hohen Zielen und Bedürfnisbefriedigung mit Argwohn bedacht. Die Beliebigkeit von Werteorientierungen kann jedoch auch zur Diffusion oder zur Verflachung führen, um dann in der Gegenreaktion des “No-Future“-Gefühls enden. Dann werden sämtliche Moralvorstellungen der Erwachsenenwelt nihilistisch interpretiert. Eine andere Kompensation endet im Versuch sich an einem rigiden Maßstab von Macht und Gewalt zu orientieren.

Viele Jugendlichen entwickeln eine zunehmende Kompetenz nicht nur bei der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, sondern auch der Perspektivenkoordination, d.h. sie können bei Konflikten auch die Sichtweise einer anderen, dritten Person einnehmen. Strategien zur Konfliktlösung verbessern sich somit und soziale Formen des Umgangs mit Erwachsenen sowie mit Gleichaltrigen eröffnen neue Erfahrungshorizonte. Auch wenn im Bereich der emotionalen Befindlichkeit durch den Anstieg der Geschlechtshormone affektive Turbulenzen ausgelöst werden, können zumeist die Mechanismen der Affektsteuerung, Selbstregulation und sozialen Anpassung diese Turbulenzen ausgleichen. Allerdings sind manchmal, je nach Temperament, die vorübergehenden Phänomene der Übersteuerung (u.a. Zwanghaftigkeit, Rigidität, Engstirnigkeit) oder Verhaltensweisen einer Untersteuerung in Form von Impulskontrollverlust, affektiver Instabilität, sich gehen lassen und aggressiven Durchbrüchen zu beobachten. Die Jugendlichen lernen zunehmend, dass sie für ihre Entscheidungen Verantwortung tragen müssen. Sie planen voraus, durchdenken Konsequenzen, bewegen sich immer länger im mentalen Vorstellungsraum bevor sie zur Aktion kommen. Die wachsenden kognitiven Leistungen stehen nicht selten im Widerstreit mit den teilweisen hohen affektiven Erregungsspannungen. Erst gegen Ende der Adoleszenz ist das Ziel eines so genannten polyvalenten Denkens erreicht, das den Jugendlichen eine besonnene Abwägung unterschiedlicher Handlungsoptionen erlaubt. Die Phase der Adoleszenz ist durch wichtige Weichenstellungen gekennzeichnet. Nicht nur im Bereich von Ausbildung und persönlicher Karriere, auch in der Zuwendung zu Geschlechtspartnern in der Entwicklung kollegialer und freundschaftlicher Beziehungen werden neue Wege beschritten. Seelische Krisen können allerdings den Zugang zur Lösung solcher Entwicklungsaufgaben enorm erschweren und sich daher nachhaltig ungünstig auf die soziale Entwicklung auswirken.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ulm (DGKJP)