Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Zwangserkrankungen - Ursachen

Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Zwangserkrankung spielen nach heutiger Erkenntnis immer mehrere Faktoren eine Rolle - psychologische und biologische. Dabei ist es individuell unterschiedlich, welche der einzelnen Faktoren in welchem Ausmaß relevant sind.

Genetische Vorbelastung

Untersuchungen belegen, dass die Genetik bei einem Teil der Betroffenen eine Rolle spielt, wobei die erbliche Komponente weniger stark ausgeprägt ist als etwa bei der Schizophrenie. Gen- und Umwelteffekte (z.B. Lebensereignisse) zeigen hierbei vielfältige Wechselwirkungen. Eine familiäre Häufung wurde mehrfach beobachtet, so leiden 3 bis 12% der Verwandten ersten Grades (Geschwister, Eltern oder Kinder) ebenfalls an einer Zwangserkrankung, zwischen 8 und 30% zeigen zumindest gewisse Zwangssymptome oder zwanghafte Verhaltensweisen.

Hirnorganische/neurobiologische Faktoren

Mehrere Anhaltspunkte sprechen für eine Beteiligung hirnorganischer Faktoren bei einem Teil der Betroffenen. So zeigen beispielsweise einige Patienten mit neurologischen Erkrankungen, bei denen bestimmte Hirnbereiche (Basalganglien) involviert sind - etwa den Tic-Störungen - ebenfalls Zwangssymptome. Bildgebende Untersuchungen weisen auf eine Veränderung des Hirnstoffwechsels und der Hirnaktivität in bestimmten Arealen hin. Es ist bis heute aber unklar, ob die Veränderungen von Hirnstoffwechsel und -aktivität eine Ursache der Zwangsstörung oder nur deren Begleiterscheinung  sind. Was aber gut belegt ist: Die auffälligen Hirnaktivitäten normalisieren sich wieder, wenn der Betroffene erfolgreich behandelt wurde.

Psychologische Erklärungsmodelle

Verschiedene psychologische Einflussfaktoren können eine Rolle spielen, insbesondere: Erziehung, verunsichernde und/oder traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit, spätere negative Lebensereignisse und auch die Persönlichkeit des Betroffenen zählen dazu. So können die Erziehung hin zu sehr starker Reinlichkeit oder ein zu geringer Freiraum des Kindes für eigene Entscheidungen zu späteren Zwängen beitragen. Auch ungünstige Umgangsweisen mit ersten Zwängen können dazu führen, dass diese aufrechterhalten werden. Hierzu zählt insbesondere ein starkes Vermeidungsverhalten, welches verhindert, dass die Betroffenen erfahren, dass auch ohne die Ausführung der Zwangsrituale nichts Schlimmes passiert. Im Laufe der Zeit kommt es dann zu einer immer stärkeren Ausbreitung der Zwänge (Generalisierung), so dass die Zwangsrituale ohne adäquate Therapie oft jahre- oder jahrzehntelang bestehen bleiben.

Ein sehr bekanntes psychologisches Erklärungs-Modell betont den Aspekt der Bewertung und Verarbeitung von aufdringlichen Gedanken (kognitives Modell). Danach sind unangenehme und aufdringliche Gedanken, etwa die Befürchtung, beim Autofahren einen Fußgänger zu überfahren, für sich alleine genommen noch nicht problematisch. Sie treten bei den meisten Menschen gelegentlich auf, werden aber nicht weiter beachtet und haben deshalb keine Konsequenzen. Bei Menschen, die darauf besonders stark reagieren, z.B. mit Angst- und Schuldgefühlen, können sich solche Gedanken aber verfestigen und das Handeln bestimmen. Beispielsweise wird dann dieselbe Strecke mehrfach abfahren, um zu überprüfen, ob die Befürchtung stimmen könnte. Zwangspatienten haben oft ein hohes Verantwortungsgefühl, schätzen Risiken stark übertrieben ein und/oder  zweifeln, ob sie ihrer eigenen Wahrnehmung überhaupt trauen können („Habe ich wirklich gesehen, dass das Bügeleisen aus war, als ich das Haus verlassen habe?, War da nicht doch jemand am Straßenrand gelegen?, War da nicht doch noch Schmutz auf meiner Haut?“). Hier spielen möglicherweise so genannte neuropsychologische Defizite eine Rolle; einige Zwangspatienten weisen z.B. eine Schwäche im visuellen Gedächtnis auf, d.h. im Erinnern von dem, was man gesehen hat.

Fachliche Unterstützung: PD Dr. med. Michael Rufer, Zürich (SGPP) und Prof. Dr. Voderholzer, Prien am Chiemsee (DGPPN)