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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Zwangserkrankungen - Krankheitsbild

Bei manchen Betroffenen stehen die Zwangsgedanken, bei anderen die Zwangshandlungen im Vordergrund. Nur ein kleiner Teil leidet ausschließlich an Zwangsgedanken.  

Patienten mit Zwangsgedanken werden von wiederkehrenden oder anhaltenden Vorstellungen überflutet, die Angst, Ekel oder Unbehagen hervorrufen. Dabei dominieren vor allem aggressive Gedankeninhalte (z.B., dass man eine andere Person verletzen könnte)  und solche, die mit Verschmutzung und Sexualität in Verbindung stehen. Darüber hinaus leiden einige Patienten unter „magischen“ Befürchtungen, etwa dass ein bestimmter Gedanke eine Katastrophe bewirken könnte.
Die durch die Zwangsgedanken ausgelösten unangenehmen Gefühle werden oft durch Zwangshandlungen  - sich wiederholende Verhaltensweisen, die meist nach bestimmten Regeln und in immer gleicher (stereotyper) Weise durchgeführt werden - vermindert. Engste Angehörige können dabei in das System der Rituale eingebunden sein.

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sind sehr zeitaufwändig und können viele Stunden am Tag in Anspruch nehmen. Dadurch kommt es zu einer deutlichen Abnahme der Leistungsfähigkeit und zu einem Rückzug aus dem Freundes- oder Familienleben. Meist sind sich die Betroffenen ihres Problems bewusst. Sie erleben die Zwangsgedanken als widersinnig (irrational), aber unkontrollierbar. Gerade weil sie dies erkennen, verheimlichen sie die Störung oft und suchen keinen Arzt auf („Der Arzt denkt sicher, ich bin verrückt“, „Wie soll ich das denn erklären, ich versteh es ja selbst nicht, warum ich das immer wieder tue“, „Ich schäme mich dafür, möchte das lieber niemandem erzählen“). So lebt die Mehrzahl der Betroffenen Jahre oder Jahrzehnte mit ihrer Erkrankung, ohne professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Zwangserkrankungen treten häufig in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen auf.  Es besteht eine große Nähe zu einigen anderen psychischen Erkrankungen, den so genannten Störungen des Zwangsspektrums (Dysmorphophobie, Trichotillomanie, Dermatillomanie und andere).

Zwangserkrankungen verlaufen ohne adäquate Behandlung meist chronisch, wobei die Intensität der Symptome schwanken kann. Meist breiten sie sich mit der Zeit aus und beanspruchen immer weitere Teile des Alltags. Isolation und sozialer Rückzug sind oft die Folgen. Bestimmte Zwänge können aber auch körperliche Folgen haben. So können sich durch einen Waschzwang etwa Hautekzeme bilden.

Patienten mit Zwangsgedanken und/oder -handlungen sollten unbedingt professionelle Hilfe eines Psychiaters und Psychotherapeuten in Anspruch nehmen. Zwangspatienten können dem Teufelskreis in der Regel nicht allein entrinnen, Verheimlichungen verschlimmern das Leiden noch. Den Betroffenen kann mit entsprechender Behandlung geholfen und ein großes Stück Lebensqualität zurückgegeben werden.

Fachliche Unterstützung: PD Dr. med. Michael Rufer, Zürich (SGPP) und Prof. Dr. Voderholzer, Prien am Chiemsee (DGPPN)