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Schweiz: Verbesserte Versorgunglage für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) hat im Rahmen einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Dr. med. Sebastian Euler neue Empfehlungen zur Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) erarbeitet, die auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren aber auch praxisnahe Verfahren berücksichtigen. Die Veröffentlichung dieser Behandlungsempfehlungen schließt eine Lücke in der Versorgungslage von Betroffenen in der Schweiz. Sie soll - auch unter Berücksichtigung nationaler Besonderheiten - Patienten einen freien, niederschwelligen Zugang zu therapeutischen Angeboten schaffen und die Therapiemaßnahmen verbessern. Auf Basis einer validen Diagnose ist eine störungsspezifische Behandlung mit Psychotherapie die Methode der Wahl, um Betroffenen langfristig zu helfen. Die BPS ist mit einem Anteil von zehn Prozent in der ambulanten und 15 bis 25 Prozent in der stationären Versorgung von psychisch kranken Menschen von größter klinischer Bedeutung.

Bei der Borderline-Störung handelt es sich um eine komplexe, schwerwiegende Persönlichkeitsstörung. Als Kernsymptome gelten Emotionsregulations- und Identitätsstörungen sowie die Beeinträchtigung sozialer Beziehungen. Gleichzeitig liegt bei den Patienten eine ausgeprägte Impulsivität vor. Mit der Störung einhergehende Probleme manifestieren sich vielen Lebensbereichen, im Ausbildungs- und Berufsleben und schränken bisweilen das gesamte zwischenmenschliche Beziehungsvermögen ein.

Korrekte Diagnosestellung enorm wichtig

Weil nur eine störungsspezifische Behandlung zu einem anhaltenden Therapieerfolg führt, ist eine korrekte Diagnosestellung zunächst eine wichtige Voraussetzung. Besondere Schwierigkeiten in der Diagnostik ergeben sich oft durch parallel bestehende Begleit- und/oder Folgeerkrankungen wie Depressionen, Substanzmissbrauch und Angststörungen. Die BPS muss daher von anderen psychischen Erkrankungen - unter anderem depressive Störung, bipolare Störung, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitätsstörung (ADHS) sorgfältig abgegrenzt werden. Prognostisch vorteilhaft sind eine möglichst frühzeitige Diagnosestellung und Behandlung – idealerweise bereits ab der Adoleszenz. Die alleinige Behandlung von Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) führt nicht zu einem anhaltenden Therapieerfolg. Jedoch geht die störungsspezifische Therapie der BPS zumeist mit einer Verbesserung der Begleiterkrankungen einher. Eine frühe und transparente Besprechung der Diagnose ist der erste Schritt der Behandlung.

Störungsspezifische Therapie ist wirksam

Die therapeutische Beziehung gilt als einer der wichtigsten Wirkfaktoren in der Psychotherapie und spielt auch bei der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung die zentrale Rolle. Im Rahmen der Therapie müssen die Patienten aber auch selbst eine grosse Verantwortung für ihre Therapie übernehmen und werden zu selbständigem und selbstwirksamem Handeln ermutigt. Die Behandlung der BPS mit einer störungsspezifischen Psychotherapie steht dabei im Vordergrund, sie soll in erster Linie ambulant erfolgen. Dabei müssen die Aufgaben von Patienten mit dem Therapeuten gut besprochen werden sowie Krisenpläne und der Umgang mit therapiegefährdendem Verhalten (z.B. Suizidversuche, selbstverletzendes Verhalten u.dgl.) geklärt werden. In Einzelfällen kann eine stationäre Intervention notwendig sein.

Etablierte Behandlungsverfahren

Für Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ stehen eine Vielzahl ausgearbeiteter und bewährter therapeutischer Verfahren zur Verfügung. Insbesondere vier störungsspezifische Therapien haben sich in den letzten Jahren bewährt: Die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT), die Schematherapie (ST) und die Übertragungsfokussierte Therapie (TFP). Die Wirksamkeit dieser störungssspezifischen Psychotherapieverfahren ist gut dokumentiert. Bei allen vier Verfahren handelt es sich um strukturierte Ansätze mit klarem Bezug zu den erkrankungstypischen Schwierigkeiten.
Wird die Diagnose einer BPS bei Jugendlichen gestellt, sollten die Familie bzw. erwachsene Bezugspersonen in die Behandlung miteingeschlossen werden.

Medikamentöse Behandlung nur bedingt möglich

Aufgrund der Komplexität der Erkrankung, die zugleich mit einer vielschichtigen Symptomatik einhergeht, existiert keine diagnosespezifische medikamentöse Behandlung. Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist also kein Medikament zugelassen oder nachweislich wirksam. Individuell können im Einzelfall aber vorübergehend symptomspezifische Medikamente eingesetzt werden. Eine medikamentöse Behandlung sollte sich hier grundsätzlich primär auf krisenhafte Situationen beschränken und für die kürzest mögliche Zeitspanne eingesetzt werden. Die Verabreichung mehrerer Medikamente gleichzeitig sollte vermieden werden.

Die Versorgungslage der Borderline-Persönlichkeitsstörung in der Schweiz ist wie auch in Deutschland im Vergleich zu anderen Störungsbildern unzureichend. Die nun veröffentlichten Behandlungsempfehlungen der SGPP sollen hier Verbesserungen bringen, indem Fachpersonen neben der Vermittlung der Grundlagen von störungsspezifischen Therapieverfahren auch konkrete Empfehlungen für spezifische Situationen gegeben werden.

Quellen und weitere Informationen: