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Psychische Folgen von Sexuellem Missbrauch

Missbrauchte Kinder reagieren unterschiedlich auf die Geschehnisse. Das zentrale schädigende Element bei sexuellem Missbrauch, vor allem innerhalb der Familie, ist die langfristige Verwirrung, der das Kind auf kognitiver, emotionaler und sexueller Ebene ausgesetzt ist. Das Kind ist irritiert, wenn sich die Rolle einer (väterlichen) Autoritätsfigur mit der eines scheinbaren sexuellen Partners vermischt.

Die Tatsache, dass der Missbraucher den sexuellen Charakter der Handlungen meist vollständig verleugnet, es also abstreitet, dass überhaupt sexuelle Handlungen stattfinden, nimmt dem Kind die Möglichkeit, die emotional intensiven und verwirrenden Geschehnisse zu begreifen und sinnvoll einzuordnen. Darüber hinaus wird es in der Regel gezwungen, alles geheim zu halten. Es kann mit niemandem über die Geschehnisse sprechen, fühlt sich hilflos, allein und dem Missbraucher schutzlos ausgeliefert. Sexueller Missbrauch setzt das Kind also nicht nur traumatischen Erfahrungen aus, durch die seine sexuellen Gefühle und Vorstellungen in einer Weise beeinflusst werden, die seinem Entwicklungsstand und der Qualität seiner Beziehungen nicht entsprechen, sondern das Kind wird auch in seinem Vertrauen zutiefst erschütternt, wenn es entdeckt, dass eine Person, die es liebt und zu der es in einer lebenswichtigen Beziehung steht, es missbraucht und verletzt. Findet das Kind bei seinem Versuch sich mitzuteilen und sich dem Missbrauch zu entziehen zudem durch seine Umwelt keinen Glauben und keine Unterstützung, wird die ganze Situation noch verschärft.

Komplexe Auswirkungen sexuellen Missbrauchs bei Kindern
© Beboy - Fotolia.com Sexueller Missbrauch kann gravierende psychische Auswirkungen haben

Die grundlegende Missachtung des Willens des missbrauchten Kindes und die (fortgesetzte) Verletzung seiner körperlichen Integrität konfrontieren das Kind mit Gefühlen der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. Auch in seinem Selbstvertrauen wird es zutiefst geschädigt, wenn es die Gefühle der Scham, der Schuld und der Wertlosigkeit als dem eigenen Selbst zugehörig verinnerlicht. Das gleichzeitige Zusammentreffen von körperlicher und seelischer Schädigung durch den sexuellen Missbrauch, des Verrats durch eine Vertrauensperson, der Hilflosigkeit und des Empfindens von Beschädigt- und Ausgestoßensein machen den sexuellen Kindesmissbrauch zu einem äußerst gravierenden traumatischen Erlebnis.
Wie die Folgen für die betroffenen Jungen und Mädchen langfristig aussehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Nicht alle Kinder, die sexuell missbraucht wurden, entwickeln auffällige Symptome.

Nach Einschätzung vieler Experten sind die Schädigungen umso schwerwiegender

  • je größer der Altersunterschied (z.B. Generationenunterschied) zwischen Täter und Opfer ist;
  • je größer die verwandtschaftliche Nähe ist (sexuelle Übergriffe durch Autoritäts- und Vaterfiguren werden als besonders gravierend eingestuft);
  • je länger der Missbrauch andauert;
  • je jünger und weniger weit entwickelt das Kind zu Beginn des Missbrauchs ist;
  • je mehr Gewalt angedroht und angewendet wird;
  • je vollständiger die Geheimhaltung ist;
  • je weniger sonstige schützende Vertrauensbeziehungen, etwa zur Mutter, Geschwistern, Gleichaltrigen oder einer Lehrerin bestehen.

Eine Gewichtung der einzelnen Faktoren lässt sich kaum vornehmen. Fest steht: der sexuelle Missbrauch ist ein häufig traumatisches und damit lebensbestimmendes Ereignis.

Jedes Kind entwickelt entsprechend seiner Persönlichkeit und der Missbrauchssituation individuelle Reaktionen und Symptome. Die meisten Mädchen und Jungen, die sexuell missbraucht werden, fühlen sich schuldig und wertlos. Das Erleben von sexuellem Missbrauch kann zu Bindungsunfähigkeit führen. Liebe und Sexualität werden verwechselt, weil gelernt wurde, dass sexuelles Verhalten belohnt wird. Somit wird Sexualität als Mittel eingesetzt, um Zärtlichkeit und liebevolle Zuwendung zu bekommen. Prostitution und aggressives sexuelles Verhalten können die Folge sein, aber auch das Vermeiden von intimen Beziehungen kommt vor.
Viele Kinder, die missbraucht wurden, fühlen sich stigmatisiert. Sie glauben, an ihnen sei etwas, das zum sexuellen Missbrauch führt, in dem sie sich von anderen Menschen unterscheiden. Sie meinen, die einzigen Kinder zu sein, die in sexuelle Handlungen mit Erwachsenen verwickelt werden. Schuldgefühle, ein extrem niedriges Selbstwertgefühl und Selbstbestrafungstendenzen sind die Folge. Auch Suchtprobleme (Alkohol und Drogen), Essstörungen sowie Identitätsstörungen (Borderline-Syndrom) treten auf.

Ein schlimmes traumatisierendes Erlebnis ist der Verrat durch Vertrauenspersonen vor allem dann, wenn der Missbrauch innerhalb der Familie stattfindet. Dieser Verrat wird sowohl durch den Missbraucher selbst als auch durch enge Bezugspersonen begangen, von denen das Kind Schutz und Glauben des Geschehenen erwartet hätte. In einigen Fällen führt dieser Verrat zu einem tiefen Misstrauen gegenüber allen Menschen. Der Aufbau tragfähiger Freundschaften wird somit erschwert. Partnerprobleme treten verstärkt auf und Bindungsängste können die Folge sein.

Auch die Möglichkeit, ihre persönlichen Grenzen kennen zu lernen, wird missbrauchten Kindern verwehrt. Bei den von ihnen nicht gewollten sexuellen Handlungen müssen sie lernen, Übergriffe auszuhalten. Viele Missbrauchsopfer neigen daher später zu extremer Opferbereitschaft bis hin zur Selbstaufgabe.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ulm (DGKJP)