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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Schizophrenie - Krankheitsbild

Schizophrenie ist gekennzeichnet durch ein sehr komplexes und vielfältiges Erscheinungsbild. Man unterscheidet zwischen der akuten und der chronischen Krankheitsphase. Bei der akuten Schizophrenie stehen Phänomene im Vordergrund, die bei gesunden Menschen nicht vorhanden sind. Stimmenhören und Verfolgungswahn zählen beispielsweise zu dieser so genannten Positiv-Symptomatik. Die Patienten lehnen in dieser Phase jegliche Zuweisung eines Krankseins ab. Während der chronischen Phase überwiegt die Einschränkung bestimmter psychischer Funktionen und Emotionalität, welche gesunde Menschen in vollem Masse besitzen. Diese so genannte Negativ- oder „Minus“-Symptomatik (d.h. es fehlt etwas) ist u.a. durch sozialen Rückzug, abnehmende (Freizeit)Interessen, Verarmung des Sprechens, Mangel an Gefühlen, Antriebsstörungen und Vernachlässigung des Äußeren gekennzeichnet.
Im Rahmen einer Schizophrenie können folgende Krankheitsanzeichen auftreten:

Ich-Störung:

Bei einer Ich-Störung verschwimmt die Grenze zwischen der Umwelt und dem „Ich“. Betroffene erleben sich selbst und ihre Umwelt als unwirklich und fremd. Eigene Handlungen können nicht mehr als zusammengehörige Einheit der Person erlebt werden und die Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremden ist gestört. Betroffene glauben z.B., Außenstehende könnten ihre Gedanken lesen, beeinflussen oder sogar „wegnehmen“. Manche Patienten berichten, dass sie sich von außen manipuliert, ferngesteuert oder auch hypnotisiert fühlen.

Störungen emotionaler Regungen (gestörte Affektivität):

Die Gemütslage ist häufig von Schwankungen gekennzeichnet, z.B. durch das gleichzeitige bzw. unmittelbar hintereinander wechselnde Auftreten extremer Stimmungen und Gefühle. Im Zusammenhang mit akuten Episoden und Wahnerleben kommt es häufig zu starker Angst oder niedergedrückter Stimmung. Bei chronischer Erkrankung besteht oft „Affektverflachung“, d.h. die Gefühlslage ist gleichgültig, die Betroffenen fühlen sich innerlich leer. Der Gesichtsausdruck ist starr, Gestik und Mimik verarmt, Blickkontakt wird vermieden. Die gestörte Affektivität drückt sich auch im sozialen Rückzug aus, der Betroffene wirkt wenig interessiert, freudlos und ist unfähig, Nähe zu spüren. Begleitende depressive Episoden kommen relativ oft zum Vorschein. Bei gehobener Stimmung können Albernheit, Distanzlosigkeit und eine rücksichtslose Enthemmtheit vorherrschen. Häufig stimmen bei schizophrenen Patienten der Gefühlsausdruck und die aktuelle Situation nicht überein (z.B. Amüsiertsein bei schrecklichen Ereignissen). Man spricht hier von Parathymie. Auf Verhaltensebene, d.h. Mimik/Gestik und Stimmung passen nicht zusammen, wird diese Diskrepanz als Paramimie bezeichnet.

Kognitive Störungen

Kognitive Beeinträchtigungen - in den Bereichen Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis - sind ein zentraler Bestandteil des Krankheitsbildes der Schizophrenie und betreffen die Mehrheit der Betroffenen oft in starker und behindernder Ausprägung.

Denk- und Sprachstörungen

Das Denken erscheint zerfahren, zusammenhangslos und ohne innere Logik. Aufgrund dessen werden auch die sprachlichen Äußerungen zunehmend skurriler, Wörter werden durcheinander gewürfelt, der Satzbau ist zerstört, Wortneubildungen (Neologismen) werden erfunden. Gedanken- und Sprechfluss können beschleunigt oder verlangsamt sein. Teilweise reden die Patienten daneben, d.h. ihre Äußerungen passen nicht zum Thema oder ihnen „reißen“ plötzlich die Gedanken „ab“, so dass sie im Gespräch den „Faden verlieren“.

Wahn:

Beim Wahn entwickelt der Betroffene krankhafte falsche Vorstellungen, die von der Realität abweichen. Die Wahnvorstellungen sind dabei für ihn so wirklich, dass er unbeirrbar daran festhält, sie nicht anhand der Realität überprüft und sich auch nicht von anderen korrigieren lässt. Nahezu alle Lebensumstände können Gegenstand eines Wahnes werden. Der Betroffene fühlt sich verfolgt (Verfolgungswahn) oder in einer anderen schwerwiegenden Weise beeinträchtigt (z.B. Vergiftungswahn), schwer krank (hypochondrischer Wahn) oder in religiöser bzw. politischer Hinsicht für eine große Aufgabe berufen (Größenwahn). Nicht immer sind einzelne Wahnideen von der Realität einfach zu unterscheiden. Wahnstimmung beschreibt die Stimmung im Vorfeld eines Wahnes, bei welcher der Kranke die Gewissheit hat, dass etwas passiert, was ihn unmittelbar betrifft. Als Wahnwahrnehmung wird eine falsche Bedeutungszuordnung von Vorgängen in der Umgebung bezeichnet, wobei oft Alltagsvorgänge als Signal oder Prüfung erlebt werden.

Halluzinationen:

Halluzinationen sind Störungen der Wahrnehmung, bei denen der Betroffene Dinge wahrnimmt, ohne dass sie in Wirklichkeit vorhanden sind. Diese Störungen können alle Sinne einbeziehen – bei der Schizophrenie existieren vor allem akustische Halluzinationen, weniger häufig Berührungs-Halluzinationen und nur selten optische Halluzinationen. Akustische Halluzinationen sind meist Stimmen, die gehört werden, ohne dass jemand spricht. Werden die Stimmen als das Wahrnehmen des eigenen Denkens erlebt, spricht man von Gedankenlautwerden. Weiter gibt es „dialogische Stimmen“, d.h. der Betroffene meint, Unterhaltungen über seine Person mitzuhören. „Kommentierende Stimmen“, die z.B. aus einem Körperteil kommen können, beschreiben alle Handlungen des Patienten. „Imperative (Auffordernde) Stimmen“ geben dem Betroffenen Handlungsanweisungen. 

Auffälligkeiten der Psychomotorik (katatone Symptome):

Es besteht eine Antriebsminderung hinsichtlich Aktivität, Spontaneität und Initiative. Die emotionale Reaktionsfähigkeit und die spontane Zuwendungs- und Kommunikationsfähigkeit lassen nach. Bei vollem Bewusstsein kann der Kranke völlig bewegungs- und reaktionslos sein (Stupor). Kommt es auf der anderen Seite zu einer starken motorischen Erregung kann sich dies von stereotypen Bewegungsabläufen bis hin zu zielloser Aggressivität äußern. Beim Umgang mit Schizophrenen kann es dazu kommen, dass alles nachgesprochen oder nachvollzogen wird, automatisch das Gegenteil oder generell das Befohlene ausgeführt wird (Stereotypien).

Je nach Vorherrschen bestimmter Symptome kann man Subtypen unterscheiden, die während des Krankheitsverlaufs ineinander übergehen können. Die Subtypen (z.B.  paranoide, hebephrene oder katatone Schizophrenie) bilden keine eigenen Krankheitseinheiten, sondern beschreiben lediglich die individuelle Kombination und Ausprägung der Symptome.
Betroffene weisen häufig weitere psychische Krankheiten wie eine Depression oder Sucht auf. Sehr viele junge Patienten mit Schizophrenie konsumieren Cannabis (neue wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen dafür, dass Cannabis Schizophrenie auslösen kann bzw. den Ausbruch der Erkrankung bei vorhandener erblicher Belastung beschleunigen kann). Auch körperliche Beschwerden wie Verstopfung oder Durchfall sowie Herzrasen und eine beeinträchtigte geistige Leistungsfähigkeit sind bei einigen Patienten zu beobachten.

Fachliche Beratung: Prof. Dr. med. Peter Falkai (DGPPN) und Prof. Dr. med. Anita Riecher-Rössler (SGPP)