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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Bipolare Erkrankungen - Therapie

Wird die Erkrankung frühzeitig erkannt und konsequent behandelt, können die Krankheitsepisoden hinausgezögert oder sogar ganz vermieden werden. Durch die modernen Behandlungsmethoden können zwar die Symptome der Krankheit wirkungsvoll bekämpft und der Verlauf deutlich gebessert werden, es ist jedoch nicht möglich, die Ursachen zu beseitigen. Das wiederum bedeutet: Bipolare Störungen sind chronische Erkrankungen, die eine lebenslange Behandlung erfordern. Nur wenn das den Betroffenen und ihren Angehörigen klar ist, kann die Therapie dauerhaft und wirkungsvoll durchgeführt und die Lebensqualität entscheidend gebessert werden.
Die Behandlung der bipolaren Erkrankung ist je nachdem, in welcher Phase der Erkrankung der Betroffene sich befindet, unterschiedlichen Zielen unterworfen.

Man unterscheidet dabei:

  • Akut-Therapie
    Mit wachsendem Wissensstand zur Behandlung Bipolarer Störungen, und des damit verbundenen Erkennens der Komplexität der Erkrankung, ist immer deutlicher geworden, wie wichtig es ist, die Akutbehandlung bereits unter Berücksichtigung einer gegebenenfalls notwendigen medikamentösen Therapie (Stimmungsstabilisierer) zu gestalten. Die Akut-Therapie beginnt, sobald eine akute Krankheitsphase auftritt. Die Akut-Therapie wird so lange fortgesetzt, bis sich die akuten Symptome deutlich gebessert haben. Je nach Schwere und Art der Symptome werden verschiedene Medikamente und nicht-medikamentöse Behandlungsverfahren angewendet.
  • Erhaltungs-Therapie
    Sie schließt sich an die Akut-Therapie an und soll den Zustand des Betroffenen so weit stabilisieren, dass es nicht zu einem direkten Rückfall kommt. Ziel ist es, diesen stabilen Zustand für mindestens sechs bis 12 Monate zu halten. Hierzu wird eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung angewendet.
  • Rückfall-Prophylaxe
    Sie beginnt, sobald sich die Stimmungslage des Betroffenen wieder normalisiert hat und soll langfristig verhindern, dass es zu einer erneuten akuten Krankheitsepisode kommt. Wie lange die Rückfall-Prophylaxe durchgeführt wird, hängt von der Anzahl der Phasen ab. Bei drei oder mehr  Phasen innerhalb von 5 Jahren ist eine Dauerbehandlung mit Medikamenten zur Verhinderung erneuter Phasen angezeigt.

Medikamentöse Therapie

Bei bipolaren Erkrankungen zeigt jeder Betroffene sein eigenes Spektrum an Symptomen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Deshalb ist es wichtig, die Medikamente immer individuell zusammenzustellen. Heute werden hauptsächlich drei Gruppen von Medikamenten eingesetzt, die Stimmungsstabilisierer, Antidepressiva und atypische Antipsychotika. Diese Medikamente, die auf das zentrale Nervensystem einwirken und psychische Funktionen beeinflussen, entfalten ihre volle Wirkung erst nach einigen Wochen. Deshalb bessern sich die Symptome auch nicht sofort. Daher müssen die Medikamente entsprechend der ärztlichen Empfehlung auch dann weiter pünktlich eingenommen werden, wenn sich noch keine Wirkung eingestellt hat.

Stimmungsstabilisierer
Die Stimmungsstabilisierer werden in der Regel in allen drei Behandlungsphasen (Akut-Therapie, Erhaltungs-Therapie, Rückfall-Prophylaxe) eingesetzt. Sie gleichen übermäßige Stimmungsschwankungen sowohl in einer manischen, als auch in einer depressiven Erkrankungsepisode aus. Diese Wirkung können sie sowohl akut, als auch langfristig entfalten. Dabei wird die vorherrschende Stimmung stabilisiert, ohne dass eine entgegensetzte Episode ausgelöst wird. Diese Eigenschaften machen Stimmungsstabilisierer zu einer wichtigen Behandlungsoption bei der Therapie Bipolarer Störungen, die auch in Phasen relativer Stabilität zur Vorbeugung eines Rückfalls eingesetzt werden. Gerade in dieser Zeit ist die Einnahme wichtig, um erneuten Krankheitsepisoden vorzubeugen.

Zu ihnen gehören Lithiumsalze und so genannte Antikonvulsiva (vor allem Valproat, aber auch Lamotrigin und Carbamazepin). Die Wahl des Wirkstoffs ist vor allem abhängig von der Art der bipolaren Erkrankung, der Verträglichkeit und möglicher Begleiterkrankungen. Lithiumsalze verhindern in bis zu 80% das Wiederauftreten manischer und depressiver Episoden, zumindest schwächen sie die Symptomatik deutlich ab. Bei den Lithiumsalzen kommt es auf eine regelmäßige und exakte Einnahme an, damit sie richtig wirken und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen hervorrufen. Lithium reduziert die Suizid-Wahrscheinlichkeit um 80%, selbst wenn es zu keiner Symptomverbesserung kommt, während andere Medikamente nur indirekt (d.h. über die Verbesserung der depressiven Symptome) anti-suizidal wirken. Bei den Antikonvulsiva ist die Gefahr einer Überdosierung geringer. Während der Einnahme von Stimmungsstabilisierern sollten generell regelmäßig ärztliche Kontrollen durchgeführt werden.

Medikamente zur Behandlung akuter depressiver und manischer Phasen
In der depressiven Akutphase haben sich Quetiapin und die Kombination mit Antidepressiva als wirksam erwiesen. In der manischen Akutphasen muss der Stimmungsstabilisierer oft mit einem atypischen Antipsychotikum (z.B. Risperidon, Olanzapin, Aripiprazol) kombiniert werden, um eine ausreichende anti-manische Wirkung zu erzielen. Bei Unruhe, aggressiven Impulsen und Angstzuständen können vorübergehend Sedativa (z.B. Diazepam, Lorazepam, Alprazolam) eingesetzt werden.

Psychotherapie

Psychotherapeutische Verfahren werden bei der Behandlung von bipolaren Erkrankungen mit Erfolg eingesetzt. Sie sind bei Bipolaren Störungen im Regelfall als Ergänzung und nicht als Alternative zur medikamentösen Therapie (Psychopharmakotherapie) anzusehen. Mit Hilfe der Psychotherapie lernt der Betroffene, mit seiner Erkrankung umzugehen, den Alltag und belastende Ereignisse besser zu bewältigen, seine zwischenmenschlichen Beziehungen zu verbessern und Rückfällen vorzubeugen. Er wird selbstsicherer und damit auch zuverlässiger was zum Beispiel die Medikamenteneinnahme angeht. Unter den verschiedenen Therapieformen, die bei bipolaren Erkrankungen erfolgreich eingesetzt werden können, muss der Psychiater, die Psychiaterin die geeignete für seinen Patienten finden. Besonders wirksam bei der bipolaren Erkrankung sind die kognitive Verhaltenstherapie, Familientherapien und die soziale Rhythmustherapie. Psychoedukation und der Einbezug von Angehörigen sollten zu jeder Behandlung dazugehören.

Weitere Verfahren

Elektrokrampftherapie (EKT)
Bei der EKT wird im Gehirn durch einen schwachen Stromimpuls ein Krampfanfall ausgelöst. Der Anfall dauert normalerweise etwa 20 bis 40 Sekunden und löst sich dann auf. Die Therapie wird in Vollnarkose durchgeführt, die Betroffenen merken deshalb nichts von dem Anfall. Durch diesen Anfall wird die Stimmungslage des Betroffenen normalisiert, der genaue Mechanismus ist derzeit unklar.
Die EKT ist kurzfristig eine sehr wirksame Methode zur Behandlung schwerer depressiver und manischer  Krankheitsepisoden (Erfolgsquote: 80%). Sie wird angewendet, wenn die medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung nicht anschlägt oder eine Medikamentengabe nicht möglich ist. Allerdings kann die EKT nur bei Patienten mit guter körperlicher Verfassung durchgeführt werden. Nach der Elektrokrampftherapie müssen die Betroffenen – wenn möglich - zur Vorbeugung eines Rückfalls entsprechende Medikamente einnehmen.

Wachtherapie/Schlafentzug
Die Wachtherapie wird bei der Akutbehandlung einer schweren depressiven Episode erfolgreich eingesetzt, speziell bei starken Tagesschwankungen. Etwa 50 bis 60% der Betroffenen zeigen eine deutliche Besserung der Symptome - allerdings oft nur für kurze Zeit. Deswegen sollte gleichzeitig mit dem Schlafentzug auch eine medikamentöse Therapie mit Stimmungsstabilisierern und Antidepressiva erfolgen.
Beim Schlafentzug unterscheidet man zwischen dem totalen Schlafentzug (vom Morgen des 1. Tages bis zum Abend des 2. Tages, 40 Stunden) und dem partiellen Schlafentzug (von 1.00 Uhr morgens bis zum nächsten Abend). Beide Formen wirken antidepressiv, letztere ist weniger belastend für die Betroffenen. Der Schlafentzug kann, je nach Schwere der Symptomatik und Wirksamkeit, ein bis zwei Mal in der Woche wiederholt werden.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Gregor Hasler, Bern (SGPP) und Prof. Dr. med. Michael Bauer, Dresden (DGPPN), Dr. Roger Pycha, Bruneck (SIP)