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02.11.2016

Wer Stimmen hört muss nicht krank sein – ärztliche Abklärung aber sehr wichtig

Viele Menschen haben schon einmal Stimmen im Kopf gehört. Manche Personen hören gelegentlich oder auch häufig Stimmen. Für einen Teil dieser Menschen ist dieses Phänomen unproblematisch, während andere extrem darunter leiden können. Stimmenhören kann auch auf eine schwerwiegende Erkrankung der Psyche oder des Gehirns hindeuten und sollte unbedingt fachärztlich abgeklärt werden. „Stimmenhören und andere Halluzinationen können im Rahmen einer beginnenden Psychose auftreten, weswegen es sehr wichtig ist, zeitnah einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufzusuchen. Charakteristisch für eine Psychose ist, dass Betroffene in unterschiedlichem Ausmaß den Bezug zur Realität verlieren und Dinge wahrnehmen, die in Wahrheit nicht vorhanden sind. Das können dann Stimmen sein, die Befehle geben oder Situationen kommentieren aber auch unangenehme Gerüche, Lichtblitze sowie eine veränderte Farbwahrnehmung“ berichtet Prof. Peter Falkai von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. „Besonders gefährdet für eine Psychose-Erkrankung sind junge Erwachsene. Oft ist es ein schleichender Prozess, bei dem sich das Erleben langsam verändert und parallel weitere Symptome auftreten. So können beispielsweise wiederholt die Gedanken chaotisch durcheinandergeraten oder auch von Nebensächlichem unterbrochen werden. Auch erleben Betroffene ihre Umgebung zunehmend als unwirklich oder haben das Gefühl, nur noch neben sich zu stehen.“ Noch bevor solche psychotischen Symptome auftreten, kann es bereits zu Beeinträchtigungen der Stimmung, des Antriebs sowie der kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten kommen, die das soziale Leben und die Ausbildung oder den Beruf behindern. Tritt das Stimmenhören erstmals im höheren Lebensalter auf, kann dies aber auch auf einen degenerativen Prozess hindeuten - wie beispielsweise eine Demenzerkrankung oder eine Stoffwechselentgleisung - die ebenfalls ärztlich genau abgeklärt und ggf. behandelt werden müssen.

Stimmenhören kann auch ein harmloses Phänomen sein

Stimmenhören muss aber nicht zwangsläufig behandlungsbedürftig sein. Sehr viele Menschen kommen sogar mit den Stimmen, die andere Menschen nicht hören, gut zurecht und empfinden sie als Bereicherung in ihrem Leben. „Stimmen zu halluzinieren ist gar nicht mal so selten. Wir gehen davon aus, dass es zwischen drei und zehn Prozent der Bevölkerung einmal im Leben passiert. Personen, die plötzlich diese Erfahrung machen, sollten also möglichst nicht gleich beunruhigt oder besorgt reagieren, denn das bedeutet nicht, dass man krank ist oder wird. Eine Abklärung ist aber notwendig“, meint der Experte. „Das erste Eintreten von Stimmenhören ist für viele allerdings oft ein dramatisches Ereignis. Es kann zu panischen Reaktionen kommen und zu einem inneren Kampf, den Stimmen entfliehen zu wollen. Aus Angst, verrückt zu werden, neigen viele zur Verdrängung oder versuchen, sich abzulenken – was oftmals erfolglos bleibt. Diese Reaktionen sind zunächst nur verständlich. Längerfristig tragen solche negativen Interpretationen und der damit einhergehende Stress aber dazu bei, dass die Symptomatik einen ungünstigen Verlauf nimmt und Betroffene sich eher in Behandlung begeben müssen.“ Einem anderen Teil der Stimmenhörer gelingt von sich aus ein erfolgreicher Umgang mit den Stimmen. Sie begreifen diese als eine Art Besonderheit ihres zentralen Nervensystems oder nutzen die Stimmen auch als Gradmesser der eigenen Befindlichkeit. Die Stimmen zeigen ihnen auf, dass sie vielleicht gerade unter besonderer Anspannung oder in einer Konfliktsituation stehen und man dies als Gelegenheit nutzen kann, sich etwas zurückzunehmen und mehr Regenerationsphasen einzuplanen. Manchen Menschen gelingt es, die Wahrnehmung auf die als positiv empfunden Stimmen zu lenken, Stimmen einzugrenzen, zuzulassen, verstummen zu lassen oder auch in einen konstruktiven «Dialog» mit den Stimmen zu treten. Auch berichten einige, dass die Stimmen ihnen Aufschlüsse über ungelöste Lebensprobleme geben und dies bei der Bewältigung von Problemen helfen kann. Es hat sich gezeigt, dass Menschen, die bereits in jüngeren Jahren von Stimmen begleitet wurden, diese als weit weniger belastend oder verstörend erleben und es eher gelingt, sie in ihr Leben zu integrieren. 

Bei Leidensdruck professionelle Hilfe wichtig

Das Stimmenhören kann vom Kopf, den Ohren, von außerhalb des Körpers oder auch von bestimmten Körperteilen ausgehen. Dies kann für manche Menschen, auch wenn keine psychische oder organische Erkrankung zugrunde liegt, sehr problematisch und belastend sein. „Werden die Stimmen als tyrannisierend empfunden oder fühlt man sich in seiner Lebensführung eingeschränkt, kann psychotherapeutische Hilfe wichtig sein. Selbst wenn das Stimmenhören gar nicht oder nur unwesentlich beeinflusst werden kann, können sich Betroffene einen besseren, weniger belastenden Umgang damit aneignen“, rät Prof. Falkai. „Auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe kann eine gute Möglichkeit sein, das Phänomen leichter in sein Leben zu integrieren, denn dort erhält man Einblick in eine Vielzahl von Selbsthilfestrategien.“ Ein großes Problem ist für viele Betroffene, dass sie mit ihrem Erleben alleine bleiben und aus Angst vor Stigmatisierung oder der Möglichkeit, für verrückt erklärt zu werden, die Stimmen der Umwelt gegenüber verschweigen. Leider reagiert das Umfeld auch oft mit Unverständnis, Zurückweisung und wenig tolerant.

Es gibt keine abschließende Erklärung dafür, warum ein Mensch plötzlich anfängt Stimmen zu hören. Das Stimmenhören kann unter anderem im Rahmen traumatischer oder intensiver emotionaler Ereignissen auftreten, wie bei Unfällen, zwischenmenschlichen Konflikten, Todesfällen, Scheidungen, Erkrankungen oder auch nach der Einnahme von Drogen. Das Stimmenhören kann dabei ganz unterschiedlich in Erscheinung treten. Manche Menschen hören nur eine Stimme oder aber viele. Sie können von bekannten Menschen stammen oder als völlig fremd erscheinen. Auch Lautstärke, Tonalität und der Zeitrahmen, in dem die Stimmen vernommen werden, sind ganz variabel.

Zukünftig sollte über das Phänomen Stimmenhören mehr in der Öffentlichkeit berichtet werden mit dem Ziel, den Begriff zu entstigmatisieren. Dadurch können sowohl die Betroffenen als auch Personen aus ihrer Umgebung besser lernen, damit umzugehen.

Quellen:

  • Albert R. Powers III, Megan S. Kelley and Philip R. Corlett; Varieties of Voice-Hearing: Psychics and the Psychosis Continuum;  Schizophr Bull (2016) doi: 10.1093/schbul/sbw133
  • Bak, M., Myin-Germeys, I., Delespaul, P., Vollebergh, W., de Graaf R. & van Os, J. (2005). ‘Do different psychotic experiences differentially predict need for care in the general population?’ Comprehensive Psychiatry, 46, 192–199
  • http://hearingthevoice.org

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