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13.12.2018

Messie-Syndrom: Durch Verhaltenstherapie mehr Selbstkontrolle und Stärkung des Selbstwertgefühls

Wer unter einem Messie-Syndrom leidet, lebt in einem inneren Chaos, das sich auch in der äußeren Umgebung widerspiegelt. Eine Psychotherapie kann den Betroffenen helfen, sich besser zu organisieren und ihre Psyche zu stärken. Voraussetzung ist allerdings die Einsicht und der Wille, die eigene Situation zu verändern.

Menschen, die unter dem Messie-Syndriom leiden, sind nicht in der Lage, ihr Alltagsleben zu organisieren und ihre Wohnung in Ordnung zu halten. „Die ausgeprägten Probleme von Messies, ihrem Alltag Struktur und Ordnung zu geben, haben ihren Ursprung in ihrer Psyche. Die Gedanken der Betroffenen kreisen andauernd um die Bewältigung der einfachsten alltäglichen Arbeiten ohne sie ordentlich erledigen zu können. Dahinter stehen große Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, beispielsweise um Aufräumarbeiten zu verrichten“, erklärt Dr. Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP) mit Sitz in Krefeld. „Auch schätzen sie den Wert und Nutzen von Dingen häufig anders ein als die meisten anderen Menschen. Dies führt dazu, dass sie sich nicht von Sachen trennen können und diese sich in ihrem Zuhause ansammeln. Zudem sind sie kaum in der Lage, bei anfallenden Tätigkeiten Prioritäten zu setzen.“

Wille zur Veränderung ist Voraussetzung für erfolgreiche Therapie

Zur Behandlung des Messie-Syndroms haben sich psychotherapeutische Maßnahmen bewährt. Durch sie sollen die Betroffenen lernen, sich besser zu organisieren und ihre Psyche zu stärken. Eine Therapie ist allerdings nur dann erfolgreich, wenn der Betroffene den Willen hat, an seiner Situation etwas zu ändern. Da die Selbstwahrnehmung der Patienten in vielen Fällen von der des sozialen Umfeldes abweicht und sie ihre Situation nicht als Besorgnis erregend empfinden, werden Hilfsangebote häufig zunächst abgelehnt. Erst wenn erhebliche Konsequenzen drohen, wie beispielsweise eine bevorstehende Kündigung der Wohnung, stimmen viele einer Therapie zu. „Bei einer Verhaltenstherapie geht es zunächst einmal darum, dass die Betroffenen ihr Verhalten mit dem Therapeuten besprechen und die Gründe und Ursachen dafür verstehen“, erläutert Dr. Roth-Sackenheim. „Gemeinsam werden dann neue Verhaltensformen erarbeitet und langsam in kleinen Schritten umgesetzt. So kann beispielsweise zunächst nur ein Zimmer in der Wohnung aufgeräumt und in Ordnung gehalten werden. Die Menschen sollen das Gefühl bekommen, sich kontrollieren und auf sich selbst verlassen zu können. Dies verbessert auch ihr Selbstwertgefühl, das durch die Störung oft beeinträchtigt ist.“  Für den Behandlungserfolg kann es hilfreich sein, die Angehörigen in die Therapie einzubinden und sie zu unterstützen. In Selbsthilfegruppen finden Betroffene und Angehörige Verständnis und Akzeptanz, die beim Umgang mit der Störung helfen.

Aufräumen zur Unterstützung eher schädlich

Wenig hilfreich ist es, wenn die Wohnung von Dritten aufgeräumt oder gesäubert wird. Dies ändert nichts an der inneren Zerissenheit und Hilflosigkeit, von der die Betroffenen beherrscht werden. Solche Eingriffe von außen können sogar schädlich sein, weil sich die Menschen für das Chaos in ihrem Wohnbereich oft schämen und damit das Selbstwertgefühl weiter beeinträchtigt wird. Auch hängen sie häufig an gehorteten Gegenständen, die bei Aufräum- und Reinigungsarbeiten verlegt oder sogar weggeworfen werden könnten. „Die gut gemeinte Unterstützung kann unter Umständen sogar eine schwere psychische Krise auslösen. Dies passiert insbesondere dann, wenn die Betroffenen das Gefühl haben, dass ihnen mit den weggeworfenen Gegenständen ein wichtiger Halt im Leben oder auch die Kontrolle über den eigenen engsten Lebensbereich genommen wird“, warnt die Expertin. Soziale Beziehungen stellen ein weiteres Problem dar. Durch sie werden Menschen, die unter dem Messie-Syndrom leiden, mit ihren Problemen und ihrer Scham darüber konfrontiert. Sie ziehen sich daher oft zurück, meiden Kontakte und nehmen keine Einladungen an. Auch sind die Familien und mögliche Partnerschaften großen Belastungen ausgesetzt. All dies führt bei den Betroffenen zu Ängsten und großer Anspannung.

Das Messie-Syndrom tritt in allen sozialen Schichten, Altersgruppen und  Einkommensklassen auf. Auch sind Frauen und Männer gleichermaßen davon betroffen. Anders als sich viele vorstellen lebt nur eine Minderheit der Betroffenen zwischen Abfällen, Essensreste, Schmutz und Ungeziefer in der Wohnung. Die Störung kann ein eigenständiges Krankheitsbild sein oder aber gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auftreten, wie beispielsweise einer Depression, Sucht- oder Zwangserkrankung oder einer Psychose. In diesem Fall ist eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung unbedingt erforderlich.

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