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18.06.2018

Früherkennung gerade auch bei psychischen Erkrankungen chancenreich

Die Bereitschaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, hat zwar bei psychischen Erkrankungen erfreulicherweise zugenommen. Doch in der Früherkennung liegt noch ein großes Potential, denn die Prognose ist in der Regel umso besser, je früher eine Hilfestellung und eine Behandlung erfolgt.

Bei zahlreichen körperlichen Erkrankungen sind Früherkennungsuntersuchungen inzwischen etabliert. Die Chance einer frühzeitigen Erkennung und Therapie beispielsweise von Krebsvorstufen oder -erkrankungen oder auch Blutzuckererkrankungen ist vielen Menschen bewusst und sie nehmen entsprechende Angebote wahr. Auch bei psychischen Störungen ist frühes Erkennen und Behandeln sehr wichtig. Denn auch bei ihnen besteht eine große Chance, einen ungünstigen Verlauf abzumildern oder einen chronischen Erkrankungsverlauf zu verhindern. „Psychische Erkrankungen treten häufiger auf, als gemeinhin angenommen und sie können jeden treffen. Das Risiko, im Laufe des Lebens eine psychische Störung zu entwickeln, liegt bei mindestens 30 Prozent“, berichtet Prof. Andrea Pfennig von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit Sitz in Berlin. „Die Bereitschaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, hat zwar bei psychischen Erkrankungen erfreulicherweise zugenommen. Doch in der Früherkennung liegt noch ein großes Potential, denn die Prognose ist in der Regel umso besser, je früher eine Hilfestellung und eine Behandlung erfolgt.“ Bemerken Menschen problematische Veränderungen in ihrem Erleben oder Verhalten, sollten sie sich nicht davor scheuen, professionelle Hilfe aufzusuchen, denn mit einer frühzeitigen Behandlung können oft schwerwiegende Verläufe der Erkrankung verhindert oder zumindest abgemildert werden.

Früh erkennen und initial behandeln – bevor wichtige Weichen im Leben gestellt sind

Psychische Störungen sind mit einem hohen Risiko oft lebenslanger Einschränkungen verbunden, die je nach Erkrankung und Lebensphase variieren. Gerade in der Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter können sie Betroffene daran hindern, ihre persönlichen «Meilensteine» zu erreichen und in der Folge zu einem niedrigeren Schulabschuss, geringerem Einkommen oder auch Arbeitslosigkeit führen. Doch auch das soziale Leben kann beeinträchtigt sein. „Wir wissen heute, dass sich 75 Prozent aller psychischen Störungen bis zum jungen Erwachsenenalter erstmals zeigen. Damit fällt der Erkrankungsbeginn in eine außerordentlich wichtige Lebensphase, in der Entwicklungsaufgaben gemeistert werden müssen wie Erwachsenen werden, die Schule abschließen und die berufliche Laufbahn beginnen oder auch erste Partnerschaften knüpfen oder gar eine Familie gründen“, illustriert Prof. Pfennig. Es ist hier besonders bedeutsam, Einschränkungen durch Erkrankungssymptome rechtzeitig zu erkennen, umfassend über die Behandlungsmöglichkeiten und soziale Hilfen zu informieren und gemeinsam die ersten Behandlungsschritte in Angriff zu nehmen.

Frühsymptome psychischer Erkrankungen sind vielfältig

Das Ziel der Früherkennung ist es, Menschen, die ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung aufweisen, noch vor dem Eintreten des Vollbildes der Erkrankung zu erkennen und zu behandeln. „In den meisten Fällen liegen zunächst über längere Zeit nur einzelne Symptome, wie Traurigkeit, Angst, Grübeln, komische Gedanken, Appetit-, Schlaf- oder Antriebslosigkeit vor. Solche Symptome können Vorboten einer psychischen Erkrankung sein“, erklärt die Expertin. „Hier können informative und aufklärende Ansätze sowie psychotherapeutische Maßnahmen bei Personen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von beispielsweise Depressionen, Angststörungen, Psychosen oder bipolaren (d.h. manisch-depressiven) Störungen hilfreich sein“. Bei länger anhaltenden Symptomen oder einem Verdacht kann ein Psychiater aufgesucht werden. In vielen Städten existieren zudem Früherkennungszentren und andere Angebote, die ohne Überweisung direkt aufgesucht werden können.

Quellen:
Klosterkötter J, Maier W. Handbuch Präventive Psychiatrie. Forschung - Lehre – Versorgung. Schattauer Verlag 2017.

Lambert M, Bock T, Naber D, Löwe B, Schulte-Markwort M, Schäfer I, Gumz A, Degkwitz P, Schulte B, König HH, Konnopka A, Bauer M, Bechdolf A, Correll C, Juckel G, Klosterkötter J, Leopold K, Pfennig A, Karow A. Die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Teil 1: Häufigkeit, Störungspersistenz, Belastungsfaktoren, Service-Inanspruchnahme und Behandlungsverzögerung mit Konsequenzen. Fortschr Neurol Psychiatr. 2013 Nov;81(11):614-27.

Leopold K, Nikolaides A, Bauer M, Bechdolf A, Correll CU, Jessen F, Juckel G, Karow A, Lambert M, Klosterkötter J, Ruhrmann S, Pfeiffer S, Pfennig A. Angebote zur Früherkennung von Psychosen und bipolaren Störungen in Deutschland. Bestandsaufnahme. Nervenarzt. 2015 Mar;86(3):352-8.

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