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02.02.2016

Demenz: Angehörige benötigen Wissen über Krankheit und Entlastungsmöglichkeiten

Die meisten Erkrankungen, die zu einer Demenz führen, wie beispielsweise die Alzheimer-Erkrankung, sind nicht heilbar. Wir wissen jedoch, dass neuronales Wachstum auch beim Gehirn eines demenziell Erkrankten durch körperliche, geistige und soziale Aktivität stimulierbar ist und sich kognitive Leistungsfähigkeiten verbessern können. Auf diesem Prinzip beruht auch die antidementive Pharmakotherapie mit Cholinesterasehemmern und mit Memantine.

Doch auch psychosoziale Interventionen (kognitive Stimulation inkl. Realitätsorientierung vorzugsweise in Gruppen, Reminiszenztherapie und individualisierte Ergotherapie vorzugweise zu Hause) können entsprechende Wirkungen entfalten. Sie können in allen Verlaufsstadien einer Demenz angewendet werden. Zugleich weisen Befunde darauf hin, dass solche Therapien Verhaltensstörungen mildern und so die Verordnung von Neuroleptika reduzieren können, was in Anbetracht deren schädigender Wirkung zusätzlich nützlich ist. „Psychosoziale Interventionen setzen bei der Wechselwirkung zwischen Psyche, Sozialverhalten und der Interaktion mit der Umwelt und den Pflegenden an. Es handelt sich um Maßnahmen, welche die Lebensqualität und Alltagskompetenz sowie die sozialen Beziehungen der Betroffenen verbessern sollen - unter anderem durch Stabilisierung vorhandener Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie einer Steigerung des körperlichen und psychischen Wohlbefindens“, berichtet Prof. Wolfgang Maier von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit Sitz in Berlin.

Therapieformen zu Hause und im Heim ermöglichen

Die verschiedenen Formen wirksamer psychosozialer Therapien haben dabei unterschiedliche Ziele: Einerseits versuchen sie, alltagsnahe kognitive Fertigkeiten und realitätsbezogene Orientierungen zu befördern und zu stabilisieren (kognitive Stimulierung, Ergotherapie). Ein anderer Weg ist das Wachrufen von bedeutsamen Erinnerungen (Reminiszenztherapie) Gefühle zu aktivieren. „Das Gefühlsleben von demenziell erkrankten Menschen bleibt viel länger erhalten als die kognitiven Fähigkeiten. Daher kann über die Aktivierung von Emotionen das Selbsterleben und die Lebensqualität der Erkrankten positiv beeinflusst werden“, betont Prof Maier.  Eine dritte Form psychosozialer Interventionen - die Ergotherapie - ist im häuslichen Umfeld der erkrankten Person besonders hilfreich. Die Verankerung von Demenzpatienten in gewohnter, vertrauter Umgebung erleichtert es ihnen, positive Emotionen zu entwickeln und Aktivitäten des täglichen Lebens zu bewältigen. Zudem erhalten Angehörige dadurch Einblick in das ergotherapeutische Vorgehen. Sie müssen in das Therapiekonzept eingebunden werden, um eine würdevolle und liebevolle Beziehung zwischen ihnen und dem demenziell erkrankten Angehörigen zu ermöglichen und ihn bestmöglich zu unterstützen.

Aufklärung und Training der Angehörigen sehr wichtig

Intensive Trainings für Pflegende - dabei insbesondere für die Angehörigen - sind ebenso Teil psychosozialer Interventionen. Für Familienmitglieder bietet die Erkrankung oft erstmals die Möglichkeit, etwas von dem zurückzugeben, was sie selbst über Jahre erhalten haben, wie Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen und Zuneigung. Um die Aufgabe ausfüllen zu können, ist es notwendig, sich in die Welt des Erkrankten einzufühlen, und sich ein umfassendes Wissen zu den Hintergründen von Verhaltensweisen des Erkrankten anzueignen. Um das Wohlbefinden von dementen Menschen zu fördern, ist es beispielsweise wichtig, ihnen zu positiven Erlebnissen zu verhelfen. Hingegen sollte eine Beschämung der Betroffenen über erlebte Leistungsdefizite unbedingt vermieden werden. Von großer Bedeutung für den Versorgungserfolg von Demenzpatienten ist die Verminderung der psychischen Belastung bei Patienten und auch den pflegenden Angehörigen. „Es besteht eine starke Wechselwirkung zwischen dem Wohlbefinden des Erkrankten und dem der Bezugsperson. Intensive Aufklärung und Angehörigentrainings können die Fähigkeiten pflegender Angehöriger in der Auseinandersetzung mit der Erkrankung stärken. So kann die Kommunikation mit dem Erkrankten verbessert werden und Missverständnisse können reduziert werden. Auch können Pflegende lernen, sich entlastende Strategien und praktische Problemlösungen beispielsweise im Zusammenhang mit erkrankungsbedingten Verhaltensstörungen beim Patienten anzueignen“, erklärt Prof. Maier, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn. „Durch den Aufbau von pflegerischer Kompetenz verringern Angehörige ihre Stressbelastung und ihr Risiko, selbst eine depressive Verstimmung zu bekommen oder unter Überlastung zu leiden. Denn sie haben ein erhöhtes Risiko, eine Depression oder ein Burnout zu erleiden“. Bei allem Bestreben, dem Erkrankten gerecht zu werden und ihm beizustehen, sollten sich Angehörige ihre Grenzen rechtzeitig eingestehen und entsprechende Maßnahmen ergreifen, damit ihre Gesundheit erhalten bleibt.

Neben verschiedenen Beratungsstellen existieren so genannte Angehörigengruppen, die von Fachleuten geleitet werden, und dem Austausch von persönlichen Erfahrungen dienen. Sie vermitteln Kenntnisse über die Krankheit, Anregungen zur Selbsthilfe und Ratschläge zum Umgang mit Krisensituationen. Zudem bieten sie die Möglichkeit, Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Trauer, Schuld, Ärger oder Enttäuschung, die sich bei der Pflege einstellen können, in einer Atmosphäre der Anteilnahme und des Verständnisses frei äußern zu können.

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