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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

13.11.2013

Armut - Risikofaktor für die psychische Gesundheit

Armut drängt Menschen an den Rand der Gesellschaft und bringt eine Vielzahl von Einschränkungen mit sich, die sich auch auf die Gesundheit der Menschen auswirken.

Armut und psychische Erkrankungen in der Bevölkerung

Armut - Risikofaktor für die psychische Gesundheit

Armut und ihre Folgen sind häufige Ursachen für psychische Erkrankungen in der Bevölkerung und sie verringert die Lebenserwartung der Betroffenen. „Armut führt dazu, dass die menschlichen Grundbedürfnisse nach existenzieller Sicherheit und sozialer Integration nicht ausreichend erfüllt werden. Sie erzeugt einen Mangel an Handlungschancen und Wahlmöglichkeiten und erschwert es, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem die Lebensplanung, Freizeitgestaltung oder auch Ernährung für Einzelne oder Familien frei gestaltet werden kann“, berichtet Prof. Peter Falkai, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) die ihren Sitz in Berlin hat. „Für Betroffene bedeutet sie eine finanzielle Notlage, die oft mit Dauerstress verbunden ist. In der Folge treten Selbstwertkrisen und sozialer Rückzug sowie auch psychische Erkrankungen wie beispielsweise Angststörungen, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen oder Suchterkrankungen vermehrt auf.“ Wer erwerbslos, alleinerziehend oder zugewandert ist oder einen schlecht bezahlten Arbeitsplatz hat, ist besonders armutsgefährdet. Frauen sind dabei stärker von Armut betroffen als Männer – insbesondere im Alter.

Soziale Stigmatisierung beeinträchtigt psychische Gesundheit

Verwirklichungschancen werden nicht nur durch ökonomische Einschränkungen vermindert, sondern auch durch soziale Ausgrenzung. In einer Leistungsgesellschaft ist es nur schwer möglich, dem sozialen Stigma zu entgehen, welches mit Armut verbunden ist. „Menschen vergleichen sich und ihren Status mit anderen und reagieren mitunter sehr sensibel. Das Gefühl «man hat es nicht geschafft » kann das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl sowie die allgemeine Zuversicht erheblich beeinträchtigen. Darüber hinaus sehen sich Arme vielfach mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Armut selbst verschuldet zu haben“, ergänzt Prof. Falkai. „Menschen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, haben ein hohes Risiko psychisch zu erkranken.“ Zwischen Armut und seelischen Erkrankungen besteht also ein Zusammenhang, wobei die Armut Ursache sowie auch die Folge psychischer Erkrankungen sein kann.

Armut und psychische Erkrankung befruchten sich gegenseitig

Menschen mit Behinderung und Kranke sind einem erhöhten Risiko für Armut ausgesetzt, da ein Zusammenhang zur Arbeitsunfähigkeit besteht. In den vergangen Jahren hat sich gezeigt, dass insbesondere psychische Erkrankungen einen wachsenden Anteil an Arbeitsausfällen haben, während die Fehlzeiten aufgrund körperlicher Erkrankungen zurückgegangen sind. „Der Prävention psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz kommt daher eine große Bedeutung zu“, betont Prof. Falkai.  „Neben persönlichen Möglichkeiten - wie etwa einem bewussteren Umgang mit den eigenen Ressourcen - sind insbesondere die Betriebe gefordert, psychische Belastungsfaktoren der Arbeitswelt zu reduzieren. Von zentraler Bedeutung sind dabei die Früherkennung von Belastungsfaktoren sowie die Gestaltung von gesundheitserhaltenden Arbeitsbedingungen.“ Damit sich gesundheitsförderliche Maßnahmen nicht in Einzelaktionen verlieren, sollten diese am besten in einem Rahmenkonzept bzw. betrieblichen Gesundheitsmanagement eingebunden sein.

Nach aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes  ist die Zahl der von Armut gefährdeten Menschen in Deutschland gestiegen - fast jeder Sechste war davon bedroht. Von Armut bedroht ist in Deutschland in Anlehnung an die Definition der Europäischen Union, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Im Jahr 2011 waren 13 Millionen Menschen arm beziehungsweise von Armut gefährdet gewesen.
Hartz-IV-Empfänger leiden nach jüngsten Erkenntnissen besonders häufig unter psychischen Erkrankungen - bei mehr als einem Drittel von ihnen wurde innerhalb eines Jahres mindestens eine psychische Beeinträchtigung festgestellt.

Quellen:  
Statistisches Bundesamt
https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2013/10/PD13_361_634.html 
Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bundesministerium für Arbeit und Soziales
http://www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/a334-4-armuts-reichtumsbericht-2013.html
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) - Menschen mit psychischen Störungen im SGB II
http://www.iab.de/185/section.aspx/Publikation/k131029j04

Links:
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Psychische-Belastung-Stress/Psychische-Belastung-Stress.html   
Initiative Neue Qualität der Arbeit
http://www.inqa.de/DE/Informieren-Themen/Gesundheit/inhalt.html
Psychiater im Netz – Patienteninformationsplattform der DGPPN
www.psychiater-im-netz.org