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08.02.2017

Angst vor Orten und Situationen ohne Fluchtmöglichkeit ist gut behandelbar

Eine Agoraphobie ist eine Angsterkrankung, die unbehandelt die Bewegungsfreiheit auf Dauer sehr einschränken kann und problematische Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann.

Manche Menschen erleben an bestimmten Orten oder in bestimmten Situationen starke Angst bis hin zur Panik. Um dieser Furcht zu entgehen, werden diese Situationen und Orte oft künftig gemieden, wodurch sich die Bewegungsfreiheit der Betroffenen zunehmend einschränkt. Diese Angsterkrankung wird auch als Agoraphobie oder Platzangst bezeichnet, es handelt sich dabei um eine komplexe und schwerwiegende Erkrankung, die aber gut behandelbar ist. „Platzangst tritt typischerweise bei Aufenthalten an großen, weiten Orten und öffentlichen Plätzen auf. Doch auch enge, überfüllte Räume sind problematisch, wie beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel, Kinos oder enge Supermärkte. Betroffene leiden unter großer innerer Anspannung und einer starken emotionalen Belastung“, berichtet Dr. Sabine Köhler vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) mit Sitz in Krefeld. „Im Zentrum der Angst steht die Sorge, bei etwaigen Vorfällen nicht schnell genug Hilfe erhalten zu können, in eine peinliche Situation zu geraten oder im Fall einer Bedrohung nicht flüchten zu können. Bei manchen Menschen kann die Agoraphobie so ein Ausmaß annehmen, dass sie langfristig nicht mehr dazu in der Lage sind, ihr Haus zu verlassen.“ Oft löst allein der Gedanke an die Entfernung von sicheren Orten oder Personen oder an die Einengung der Bewegungsfreiheit die Angstattacke aus. Zu Hause mit der subjektiven Wahrnehmung von Sicherheit oder auch in Begleitung einer vertrauten Person, geht es den Betroffenen sofort besser.

Agoraphobie tritt isoliert oder in Kombination mit Panikstörung auf

Die Platzangst ist wie die Furcht vor Spinnen oder die soziale Phobie eine Angsterkrankung, die sich auf bestimmte Auslöser begrenzt. In manchen Fällen tritt parallel jedoch auch eine so genannte Panikstörung auf, die sich wiederum nicht auf spezifische Situationen oder besondere Umstände beschränkt. „Eine Panikattacke geht mit überwältigenden Symptomen wie Herzrasen, Atemnot, Schwindel und auch Entfremdungsgefühlen bis hin zur Todesangst einher. Solche Attacken sind nicht vorhersehbar und können Betroffene zutiefst erschüttern und verunsichern. Im Mittel dauern sie etwa 30 Minuten an“, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. „Vor diesen körperlichen oder geistigen Symptomen, die einmal aufgetreten sind, entwickeln Betroffene dann eine ausgeprägte Erwartungsangst. Diese Angst vor der Angst ist ein zentrales Merkmal der Erkrankung und Betroffene befinden sich in ständiger Sorge vor einer möglichen Panikattacke.“ Aufgrund der körperlichen Beschwerden suchen viele von ihnen - auch wiederholt - einen Arzt oder auch die Notaufnahme auf. Eine körperliche Ursache für den Anfall kann bei psychischer Ursache jedoch nicht festgestellt werden.

Gute Behandlungsaussichten für Betroffene

Häufig beginnt eine Agoraphobie auch erst mit einer erlebten Panikattacke außerhalb der eigenen vier Wände. „Das Auftreten einer Agoraphobie steht oftmals mit Krisen der betroffenen Personen in Zusammenhang, die als existentiell bedrohlich wahrgenommen wurden. In der Folge leiden die Betroffenen an mangelndem Selbstwertgefühl und überschätzen die Anforderung der Umwelt an ihre Person. Zugleich unterschätzen sie ihre eigenen Möglichkeiten und Ressourcen, auf Anforderungen adäquat zu reagieren“, ergänzt Dr. Köhler. „Mit einer gezielten psychotherapeutischen Behandlung kann Menschen, die unter Panikattacken und Agoraphobie leiden, aber in relativ kurzer Zeit geholfen werden. Günstig ist immer eine möglichst zeitnahe Therapie - auch damit sich keine Folgeerkrankungen wie eine Depression oder eine Suchterkrankung entwickeln.“ Bei einer sehr ausgeprägten Angstproblematik können psychotherapeutische Methoden mit Antidepressiva kombiniert werden.

Die Häufigkeit bei Menschen, einmal in ihrem Leben an einer Agoraphobie zu erkranken, liegt bei ca. 5 Prozent. Sie beginnt oft im Alter zwischen 20 und 30 Jahren - Frauen sind offenbar häufiger betroffen als Männer. Eine Panikstörung tritt bei etwa 3 Prozent der Allgemeinbevölkerung auf.

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