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10.10.2017

Alkoholsucht als Erkrankung und nicht als Charakterschwäche wahrnehmen

Neben psychischen und sozialen Einflüssen spielen Stressfaktoren und genetische Vulnerabilitäten eine große Rolle bei der Entwicklung von Suchterkrankungen. Eine Sucht ist eine Krankheit, deren Korrelate im Gehirn nachgewiesen werden können.

Suchterkrankungen gehören zu den häufigsten und schwerwiegendsten psychiatrischen Erkrankungsbildern. Die Alkoholabhängigkeit ist weitverbreitet und unterliegt trotzdem einer ausgeprägten gesellschaftlichen Stigmatisierung. Dies ist ein Grund, weswegen Hilfsangebote oft erst spät aufgesucht werden. Ein anderer liegt darin, dass Sucht vielfach (auch von Betroffenen) fälschlich als selbstverschuldet oder als Folge einer Charakterschwäche betrachtet wird und nicht als Krankheit erkannt wird. Suchtkranke sind daher oft zögerlich, sich helfen zu lassen und unterschätzen die Notwendigkeit und Chancen von professioneller Unterstützung. „Neben psychischen und sozialen Einflüssen spielen Stressfaktoren und genetische Vulnerabilitäten eine große Rolle bei der Entwicklung von Suchterkrankungen. Eine Sucht ist eine Krankheit, deren Korrelate im Gehirn nachgewiesen werden können. So sind gerade die besonders „Trinkfesten“ besonders gefährdet, alkoholabhängig zu werden, da ihnen ein Warnzeichen fehlt, wenn sie zu viel konsumieren – und gerade diese Trinkfestigkeit hat auch erbliche Komponenten“, berichtet Prof. Andreas Heinz von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. „Weil Hilfsangebote oft erst spät aufgesucht werden, entsteht Betroffenen und ihren Familien meist viel Leid. Die Wirksamkeit von motivierenden Verfahren und gezielter Frühinterventionen ist jedoch gut belegt und es gibt für die unterschiedlichen Grade von Abhängigkeit auch unterschiedlich gestaltete Therapieangebote und Ziele.“ Oft wird die totale Abstinenz als alleiniges Therapieziel angenommen. Allerdings hilft es vielen Menschen mit schädlichem Alkoholgebrauch oder beginnender Abhängigkeit auch, ihre Trinkmenge zu reduzieren, und einige schaffen das auch über lange Zeit. Im Zuge der Senkung des regelmäßigen Alkoholkonsums ist oft auch ein Ausblick auf neue Therapieziele möglich. Die Abstinenz bleibt das sicherste und damit erstrebenswerteste Therapieziel.

Gesundheitliche Risiken bestehen allerdings bereits bei einem Trinkverhalten, welches von vielen Menschen noch als normal betrachtet wird. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) empfiehlt für gesunde Erwachsene Grenzwerte. Für Frauen gilt 12 g Alkohol und für Männer 24 g Alkohol pro Tag als moderat. Frauen sollten daher nicht mehr als ein Glas Bier (0,3l) und Männer nicht mehr als 2 Gläser Bier pro Tag trinken. Zusätzlich ist es empfehlenswert, an mindestens zwei Tagen pro Woche keinen Alkohol zu trinken.

Bei beginnender Abhängigkeit Beratungsangebote nutzen

Bei Suchterkrankungen finden sich unterschiedliche Hinweise auf psychischer wie körperliche Ebene für die Abhängigkeit. Eine beginnende Abhängigkeit von Alkohol zeichnet sich durch häufiges Denken an Alkohol - beispielsweise am Feierabend oder auch in Stresssituationen - aus. Auch Schuldgefühle aufgrund des Alkoholkonsums, eine nachlassende Leistungsfähigkeit, Gereiztheit und ein Verlust an Interessen, die sich nicht mit Alkoholkonsum verbinden lassen, können sich neben zunehmendem Konsum einstellen. „An diesem Punkt ist ein Gespräch mit Menschen, die sich mit solchen Problemlagen auskennen, sehr hilfreich. Sie können Betroffenen ihre Handlungsmöglichkeiten klarer aufzeigen, Vorurteile vor Hilfs- und Therapiemöglichkeiten abbauen und ihnen zu Recht Mut machen, anders mit dem Verlangen nach Alkohol umzugehen“, betont Prof. Heinz. „Betroffene können lernen, sich in Situationen, die bisher zu Alkoholkonsum geführt haben, anders zu verhalten und auch generell ihren Konsum einzuschränken.“ Je nach Trinkmenge kann bei einem großen Teil der betroffenen Menschen eine Beratung schon ausreichend sein. Bei stärkerem Konsum empfiehlt sich die Anleitung zur Reduktion der Trinkmenge, wobei dies gegebenenfalls auch gezielt psychotherapeutisch und medikamentös unterstützt werden kann. Bei Auftreten von Entzugssymptomatik, wenn man mal eine Trinkpause einlegt, oder einem zunehmenden Kontrollverlust im Umgang mit der Droge Alkohol ist in der Regel eine qualifizierte Entzugsbehandlung notwendig, die immer eine weiterführende Perspektive durch Vermittlung in Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen oder spezifische Therapien beinhalten sollte.

In Deutschland leben mehr als 1,8 Millionen alkoholabhängige Menschen und 1,6 Millionen Personen, die einen schädlichen Gebrauch von Alkohol betreiben. Die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums umfassen eine Vielzahl psychischer und körperlicher Komplikationen. Begleitend treten oft depressive Störungen, Angsterkrankungen, Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, Persönlichkeitsakzentuierungen sowie ein alkoholinduziertes aggressives Verhalten auf.

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