Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Verbitterung kann chronisch verlaufen und Krankheitswert haben

Gravierende, kritische Lebensereignisse können bei manchen Menschen eine Verbitterungsstörung auslösen, die längerfristig andauert, erhebliche psychische Beeinträchtigungen nach sich zieht und Krankheitswert haben kann. Großteils wird diese psychische Störung im Kontext beruflicher oder privater Konflikte beobachtet, sie kann sich aber auch als Reaktion auf andere schwerwiegende negative Lebensereignisse wie beispielsweise eine schwere Erkrankung oder einen Unfall entwickeln. In der Folge durchdringt die Verbitterung meist sämtliche Lebensbereiche und geht über einen längeren Zeitraum mit Symptomen wie Verzweiflung, Aggression und dem Gefühl von Machtlosigkeit einher. Die Posttraumatische Verbitterungsstörung zählt zu den psychischen Erkrankungen aus der <link 330 - internal-link "Gruppe der Anpassungsstörungen">Gruppe der Anpassungsstörungen</link>.

Auslösende Ereignisse für Verbitterung sind insbesondere Erlebnisse, die als Herabwürdigung, als Vertrauensbruch oder als subjektiv erlebte Ungerechtigkeit empfunden werden. Im Zentrum steht dabei ein subjektives Empfinden, um etwas betrogen oder beraubt worden zu sein, von dem man überzeugt war, dass es einem zusteht. Gleichzeitig hatten die Betroffenen nicht die Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen, dieses Unrecht zu verhindern oder in der Folge produktiv zu bewältigen. „Es sind erlebte menschliche Ungerechtigkeiten, Kränkungserlebnisse oder auch grobe Verletzungen zentraler psychologischer Grundannahmen und Wertvorstellungen, die manchen Menschen so sehr zusetzen können, dass sie innerlich darüber verbittern. Solche Reaktionen können insbesondere dann vorkommen, wenn schmerzliche Enttäuschungen in Bereichen erlebt werden, die Menschen besonders viel bedeuten“, erklärt Dr. Christa Roth-Sackenheim vom Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP). „Grundannahmen haben einen entscheidenden Anteil daran, was Menschen für wichtig erachten und wofür sie sich einsetzen. Gleichzeitig sind Menschen vor allem in den Bereichen, in denen sie besonders engagiert und performant sind, auch besonders kränkbar“. Die Verbitterung kann sich dann geradezu als lebensfeindliches Gefühl manifestieren und mit Fremd- und Selbstaggressionen einhergehen. Betroffene leiden unter Emotionen wie Zorn, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Resignation aber auch Scham und Selbstvorwürfen, das Ereignis für (sich selbst) nicht verhindert haben zu können.

Kritisches Ereignis bleibt lebhaft in Erinnerung

Werden betroffene Menschen auf das kritische Ereignis angesprochen wird, reagieren sie in der Regel mit emotionaler Aufregung. Zuweilen erlebe sie auch eine phobische Symptomatik, die an den Ort oder Verursacher des kritischen Lebensereignisses gebunden ist. Unter anderem können sich auch eine Reihe unspezifischer körperlicher Beschwerden zeigen, z.B. Schlafstörungen, Appetitverlust oder unterschiedliche Schmerzen. „Menschen mit einer Posttraumatischen Verbitterungsstörung erleben oft wieder und wieder intrusive Erinnerungen an die schmerzliche Situation. Mitunter ist es ihnen sogar wichtig, dieses Ereignis im Detail nicht zu vergessen, weil sie sich dadurch eine bessere Bewältigung erhoffen“, ergänzt die Psychiaterin. „Im Nachhinein lassen sich Dinge allerdings nicht mehr ändern, aber entscheidend ist, dass sich die Haltung zum Geschehenen verändern lässt.“ In einer Therapie geht es in erster Linie darum, diese Menschen in die Lage zu versetzen, das kritische Ereignis und die damit einhergehende Kränkung oder Verletzung zu verarbeiten. Durch bewährte kognitive Strategien der Einstellungsänderung und Problemlösung können Betroffene sich erfolgreich von der Herabwürdigung, dem Vertrauensbruch oder der Ungerechtigkeit distanzieren und ein neue Lebensperspektive aufbauen.

Die Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED für Posttraumatic Embitterment Disease) hat mit der bekannteren Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) einige Aspekte gemeinsam, ist von dieser aber abzugrenzen. Anders als bei der Posttraumatischen Belastungsstörung, die durch ein lebensbedrohliches Ereignis ausgelöst wird, steht am Anfang der Posttraumatischen Verbitterungsstörung ein eher lebensübliches Kränkungs- oder Ungerechtigkeitserlebnis, bei dem Verbitterung und nicht Angst die vorherrschende Emotion ist.

(äin-red) Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.psychiater-im-netz.org. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des Patientenportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.