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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Tabakabhängigkeit: Unterstützung bei Motivation und Aufbau von Handlungsfähigkeit sind wichtige Therapieinhalte

Nikotinabhängigkeit ist eine schwerwiegende Suchterkrankung, denn sie erhöht unter anderem das Erkrankungsrisiko für verschiedene Krebserkrankungen sowie für stark lebenseinschränkende chronische Atemwegserkrankungen und kardiovaskuläre Erkrankungen. Das Risiko mittel- oder langfristig zu erkranken ist enorm hoch. Freiheitseinschränkend ist zudem das so genannte Craving, das starke Verlangen nach Nikotin und der Drang nach dem Anstecken einer Zigarette, das abhängige Menschen im Lebensalltag verspüren. Das Craving kann ihr Verhalten im Sinne einer Beeinträchtigung der Entscheidungsfähigkeit für oder gegen das Rauchen stark dominieren. „Auch wenn Nikotin keine mit Alkohol vergleichbare betäubende Wirkung hat, ist es doch ein Suchtmittel, das mit körperlicher Abhängigkeit, Gewohnheitsbildung und psychischer Abhängigkeit einhergeht. Nikotin ist eine psychotrope Substanz und sie greift in Funktionen des zentralen Nervensystems ein“, betont Prof. Dr. Anil Batra von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Etwa 50 bis 60 Prozent der regelmäßigen Raucher gelten als abhängig, das sind bundesweit in etwa 7,5 bis 9 Millionen Menschen.“

Fehlende Vorbereitung auf Tabakverzicht erhöht Rückfallrisiko

Viele Raucher hindert die Erwartungsangst vor dem Rauchstopp und dem damit verbundenen Gedanken an einen Verzicht daran, den Schritt zu wagen. Oft erschweren zurückliegende gescheiterte Versuche einen neuen Anlauf zusätzlich. Der häufigste Grund für ein Scheitern ist die fehlende Vorbereitung auf den Rauchstopp mit Hilfe professioneller Unterstützung. Viele Raucher benötigen im Vorfeld des Rauchstopps eine professionelle Beratung, um die Entscheidung zum Tabakverzicht umsetzen zu können. Das gilt insbesondere dann, wenn die Tabakabhängigkeit stark ausgeprägt ist und die Verhaltensgewohnheit schon über einen langen Zeitraum besteht. Verhaltenstherapeutisch konzipierte Einzel- oder Gruppenbehandlungen, ggf. unterstützt durch Medikamente, die den Entzug abmildern, sind die wichtigsten und erfolgreichsten Therapieformen bei Tabakabhängigkeit. „Schätzzahlen gehen davon aus, dass etwa 13,5 Prozent der Mortalität durch den Tabakkonsum mitbedingt sind. Zigarettenrauchen verursacht damit jährlich mehr Todesfälle als AIDS, Alkohol, illegale Drogen, Verkehrsunfälle, Morde und Suizide zusammengenommen“, berichtet der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Geriatrie und Suchtmedizin sowie Supervisor für Verhaltenstherapie und ergänzt: „Raucher leben durchschnittlich 10 Jahre kürzer als Nichtraucher.“

Dabei ist der Aufbau einer starken Motivation zum Rauchstopp ein erstes Therapieziel. Raucher, die den Wunsch haben aufzuhören, ohne dies aus eigener Vorsatzbildung heraus umsetzen zu können, sollten eine professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Abhängige Raucher werden darin unterstützt, Rauchverlangen bzw. Craving frühzeitig zu erkennen und damit umzugehen und verfestigte Gewohnheiten – wie etwa die Zigarette zum Kaffee oder bei Stresserleben – zu überwinden. Es ist notwendig persönliche Risikosituationen zu kennen, um diese mit Hilfe von alternativen Strategien zu meistern. Manche Raucher benötigen zudem - begleitend zum Rauchstopp - Medikamente, die dabei unterstützen, ausgeprägte Entzugserscheinungen abzumildern.

Leider nehmen zu wenige Raucher professionelle Unterstützung beim Rauchstopp in Anspruch. „Nach derzeitiger Gesetzeslage ist die Finanzierung einer Unterstützung von Personen, die einen Rauchstopp beabsichtigen, nur im Rahmen von Präventionsmaßnahmen möglich – selbst dann, wenn eine Tabakabhängigkeit oder eine schwere tabakassoziierte somatische Erkrankung vorliegen. Krankenkassen bezuschussen die verhaltenstherapeutisch orientierten Rauchergruppen, finanzieren jedoch nicht die medikamentöse Unterstützung und die in Einzelfällen notwendige verhaltenstherapeutische Behandlung“, ergänzt Prof. Batra. Vielen Rauchern hilft es jedoch, nicht nur Motivationshilfen für einen Rauchstopp zu erhalten, sondern während des Rauchstopps und in der Zeit danach weiterhin therapeutisch begleitet zu werden.

Anlässlich des Weltkrebstag 2021 betonten Experten, dass mehr als ein Drittel aller Krebserkrankungen durch Vermeidung von Risikofaktoren abwendbar wären. Rauchen ist dabei ein wichtiger Krebsrisikofaktor, aber auch Alkoholkonsum, ungesunde Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht und Bewegungsmangel sind weitere beeinflussbare Faktoren. Vor diesem Hintergrund würde es die DGPPN begrüßen, wenn Politik und Krankenkassen jegliche Maßnahmen, die zum dauerhaften Rauchverzicht beitragen, unterstützen und fördern und Beratungsangebote und Behandlungsangebote systematisch im Gesundheitssystem verankern.

Weiterführende Informationen:

  • <link https: www.dgppn.de leitlinien-publikationen leitlinien.html external-link-new-window external link in new>S3-Leitlinie Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung (2020)
  • <link https: www.dgppn.de presse pressemitteilungen pressemitteilungen-2021 pk-sucht-ll.html external-link-new-window external link in new>DGPPN-Pressemitteilung: Medikamente, Alkohol, Tabak: Drei neue S3-Leitlinien klären über Suchterkrankungen auf
  • <link https: www.uicc.org what-we-do convening world-cancer-day external-link-new-window external link in new>Informationen zum Weltkrebstag 2021 von der Welt-Krebsorganisation Union for International Cancer Control (UICC)