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Herausgegeben von den Berufsverbänden für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland.

Psychische Belastungen von Geflüchteten früh erkennen

Damit geflüchtete Menschen im Genesungs- und/oder Integrationsprozess nicht gefährdet sind, ist es wichtig, dass sie nach ihrer Flucht sofort förderliche Lebensumstände vorfinden, die ihnen positive Zukunftsaussichten ermöglichen.

In Deutschland erfüllt mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Für viele dieser Betroffenen und ihre Angehörigen ist so eine Krankheit mit massivem Leid verbunden, sie kann zu schwerwiegenden Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben führen. Auch ein Teil der Menschen mit Fluchterfahrung leidet an psychischen Erkrankungen. Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge sind aus einer Vielzahl politischer, wirtschaftlicher und sozialer Gründe gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen. Oft sind sie über einen sehr langen Zeitraum erheblichem Stress ausgesetzt: Belastungssituationen beginnen mitunter während der Kriegszeiten im Heimatland und können über eine (lebens)gefährliche ungewisse Flucht sowie auch im Aufnahmeland weiter andauern. Die Geflüchteten sind oft von ihren Familien getrennt, haben Sorge um Angehörige und können darüber hinaus mit Gewalt in Massenunterkünften oder durch fremdenfeindliche Übergriffe konfrontiert sein. Traumatische Erfahrungen erhöhen das Risiko, psychisch zu erkranken. „Verschiedene psychische Erkrankungen wie posttraumatische Belastungsstörungen, Angsterkrankungen und Depressionen sowie auch Psychosen treten bei Geflüchteten häufiger als in der Allgemeinbevölkerung auf, was auf die vielfältigen körperlichen und psychischen Belastungen zurückzuführen ist, denen Flüchtlinge häufig ausgesetzt sind“, berichtet Prof. Andreas Heinz von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit Sitz in Berlin. „Für diese Menschen, die aus Not nach Europa kommen, können psychische Erkrankungen mit erheblichem Leid verbunden sein und sie stellen zudem Integrationshindernisse dar. Damit Geflüchtete eine Perspektive und Chancen auf Teilhabe in der Gesellschaft haben, müssen psychische Störungen früh erkannt und durch entsprechende Versorgungsangebote behandelt werden.“ Gleichsam ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle Geflüchteten, die schlimme Ereignisse erlebt haben, traumatisiert sind. Keinesfalls sollte man dieser Menschengruppe pauschal unterstellen, sie leide unter traumabedingten psychischen Störungen.

Günstige Lebensumstände und kultursensible Versorgungsangebote notwendig

Die Behandlung von psychischen Erkrankungen ist generell ganzheitlich und damit komplex. Bei Menschen mit anderer kultureller Herkunft und Sprachbarrieren sind adäquate Therapieangebote eine besondere Herausforderung. Zudem spielen die aktuelle sozialrechtliche Situation der Flüchtlinge sowie aufenthaltsrechtliche Fragestellungen eine Rolle. „Damit die therapeutische Hilfestellung gelingen kann, sind kultursensible Sprachmittler oder Dolmetscher unabdingbar, die eine gute Beziehung zwischen Patient und Therapeut ermöglichen und dabei helfen, kulturell bedingte Besonderheiten bei der Ausprägung psychischen Leidens besser zu verstehen. Dolmetscherkosten werden jedoch meist gar nicht oder nur nach äußerst hohem bürokratischem Aufwand erstattet“, erklärt der DGPPN-Experte. „Übersetzungen mit Hilfe von Angehörigen durchzuführen ist unzumutbar, weil Betroffene ihr Leid keinem Familienmitglied offenbaren wollen. Zudem könnten Angehörige selbst Opfer so genannter sekundärer Traumatisierungen werden, wenn sie den Belastungen ihrer Familienmitglieder ausgesetzt würden. “ Die fehlende Finanzierung von Dolmetschern ist ein zentrales Problem für die massive Unterversorgung von psychisch kranken Asylsuchenden und Geflüchteten.

Ausgrenzung vermeiden und Wissensstand zu psychischen Erkrankungen verbessern

Damit diese verwundbaren Menschen im Genesungs- und/oder Integrationsprozess nicht gefährdet sind, ist es wichtig, dass sie nach ihrer Flucht sofort förderliche Lebensumstände vorfinden, die ihnen positive Zukunftsaussichten ermöglichen. Dabei leisten gerade auch ehrenamtliche Helfer einen wichtigen Beitrag zur Integrationsarbeit und sind meist die ersten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für Geflüchtete. Aktive ehrenamtliche Flüchtlingshilfe, wie zum Beispiel Sprachunterricht, Begleitung bei Arztbesuchen oder gemeinsame Freizeitgestaltung leisten etwa 11 Prozent der Bevölkerung*. „Für Ehrenamtliche und Hauptamtliche in der Flüchtlingsarbeit ist es vorteilhaft, wenn sie über die Symptome von psychischen Erkrankungen informiert sind. Dies erleichtert zum einen das Verständnis der Lebenssituation und damit die Zusammenarbeit mit Geflüchteten. Zweitens können sie darauf achten, ob Geflüchtete eventuell qualifizierte psychotherapeutische Unterstützung brauchen“, ergänzt Prof. Heinz. Um eine Ausgrenzung und Gettoisierung psychisch kranker Geflüchteter zu vermeiden, ist die Vernetzung des Hilfesystems im Wohnbezirk notwendig. Eine zeitgemäße Versorgung von psychisch erkrankten Menschen konzentriert sich auf ihr Lebensumfeld und muss lokale Beratungsstellen, Praxen, Ambulanzen und im Einzelfall auch stationäre Angebote umfassen.

Weltweit sind laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) über 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Davon haben fast zwei Drittel nicht einmal die eigenen Staatsgrenzen überwunden. 86 Prozent der Flüchtlinge weltweit leben in sogenannten Entwicklungsländern, die kaum Versorgungsangebote für traumabedingte psychische Störungen haben.
Am 20. Juni findet der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Weltflüchtlingstag statt.

Quellen:
DGPPN-Faktenblatt: Zahlen und Fakten der Psychiatrie und Psychotherapie (Stand: Januar 2019)

*Engagement in der Flüchtlingshilfe - Ergebnisbericht einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Stand November 2017)