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News

10.04.2017

Bausteinspiel Tetris verringert traumatische Erinnerung nach Unfall

Zeugen eines Verkehrsunfalls hatten anschließend weniger belastende Erinnerungen an das Ereignis, wenn sie kurz nach dem Unfall in der Notaufnahme einer Klink das visuell-räumliche Computerspiel Tetris spielten.

Menschen, die ein Trauma erlebt haben, leiden oft anschließend wiederholt unter Erinnerungen an das Situationsgeschehen. So genannte intrusive Erinnerungen (Intrusionen) können plötzlich auftreten und die damit verbundenen Emotionen für Betroffene äußerst belastend sein. Solch ein Wiedererleben wird unter anderem durch Geräusche, Gerüche, Orte oder andere Stimuli ausgelöst, die mit dem traumatischen Geschehen in Verbindung gebracht werden. Intrusionen umfassen Bilder, Flashbacks und Albträume und können Hand in Hand mit posttraumatischen Belastungsstörungen gehen.

Forscher der Universität von Oxford in Großbritannien und des Karolinska-Instituts in Schweden führten vor dem Hintergrund neurowissenschaftlicher Kenntnisse aus früheren experimentellen Untersuchungen eine kleine Studie durch. Damit wollten die Experten klären, ob kognitive Aufgaben mit speziell hohen visuell-räumlichen Anforderungen dazu beitragen können, den Prozess der Gedächtniskonsolidierung - also der Verfestigung von Erinnerungen im Langzeitgedächtnis - beeinflussen zu können. Sie überprüften, inwieweit eine kurze psychologische Intervention in Kombination mit dem Spielen des Computerspiels Tetris einen Einfluss auf die Gedächtnisbildung von potentiell traumatisierten Personen haben könnte. Bei dem Computerspiel handelt es sich um ein hochvisuell-räumliches Spiel aus den 1980er Jahren, bei dem einzelne Bausteine möglichst passend ineinandergesteckt werden müssen. Die Studienergebnisse wurden von Lalitha Iyadurai und Emily Holmes in der Zeitschrift "Molecular Psychiatry" von Springer Nature veröffentlicht.

An der Untersuchung nahmen 71 Patienten teil, die aufgrund eines potentiell traumatisierenden KFZ-Unfalls in der Notaufnahme des John Radcliffe Hospitals in Oxford warteten. Alle bekamen eine kurze psychologische Intervention und es wurde geklärt, ob ihre Verfassung eine Studienteilnahme zuließ. Einem Teil der Probanden wurde zudem der Spielablauf von Tetris erklärt und sie wurden gebeten, sich ihre Erinnerungen nochmal in den Sinn zu rufen sowie das Puzzlespiel für etwa 20 Minuten zu spielen. Diese Maßnahmen erfolgten in einem Zeitfenster von sechs Stunden nach dem Unfall. 

In der darauffolgenden Woche berichteten alle Studienteilnehmer von aufdringlichen Erinnerungen an das traumatische Geschehen. Es zeigte sich auch, dass diejenigen Personen, die eine psychologische Intervention in Kombination mit dem Computerspiel hatten, deutlich weniger intrusive Erinnerungen hatten. Gegenüber den Teilnehmern aus der Kontrollgruppe war die Anzahl solcher Erinnerungen bei ihnen um 62 Prozent niedriger. Zudem berichtete die Gruppe der „Spieler“ auch, dass die Intrusionssymptome weniger Gefühle von Bedrängnis bei ihnen verursachten. Ein positiver Einfluss auf andere Symptom-Komplexe oder ein längerfristiger Effekt auf die Intrusionssymptome wurde jedoch nicht beobachtet.

Chance für die psychologische „Erst-Versorgung“ von Traumatisierten

Patienten warten oft bis zu vier Stunden oder länger, um in einer Notfallabteilung versorgt zu werden. Die Forscher glauben, dass die Einführung von wissenschaftlich fundierten psychologischen Behandlungsmethoden wie Verhaltensprotokollen, die auch das Spielen von Tetris beinhalten, ein Weg sein könnte, um psychische Traumata bei bestimmten Patientengruppen zu verringern. Vorteile dieses Verfahrens wären die Kürze der Intervention, die niedrigen Kosten und die Tatsache, dass es auch von Nicht-Spezialisten durchgeführt werden kann. Diese ersten Studienergebnisse legen nach Ansicht der Studienautoren nahe, in einer größeren Untersuchung zu klären, ob visuell-räumliche Computerspiele - wie etwa auch Candy Crush -  als Teil einer psychologischen Intervention auch eine längerfristige vorteilhafte Wirkung auf den Verlauf von Traumata haben können.

Quelle: ScienceDaily, Springer Nature