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Diagnostik: Anamnese und neurologische Untersuchungen

Am Anfang eines Besuchs beim Neurologen steht immer ein ausführliches ärztliches Gespräch (Anamnese). Im Rahmen dieses Gespräches teilt der Patient seine Krankheits(vor)geschichte zu allgemeinen Aspekten (z.B. Vorerkrankungen und Operationen) und seine jetzigen Beschwerden mit. Diese so genannte Anamnese liefert wesentliche diagnostische Hinweise und zugleich Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen. Dieser Bericht wird durch gezielte Fragen des Arztes auf Beschwerden und Merkmale gerichtet, die für die Klärung der Diagnose wichtig oder doch hilfreich sind.

Testung der Reflexe bei einer neurologischen Untersuchung
(©Kzenon - fotolia.com) Ablauf einer neurologischen Untersuchung

Die neurologische Untersuchung ist nach dem Erheben der Anamnese der nächste Schritt, um Ausfälle und Funktionsabweichungen des Nervensystems zu erkennen. Sie bildet die Grundlage jeder neurologischen Diagnostik. In den meisten Fällen kann sogar eine richtungsweisende Verdachtsdiagnose gestellt werden. Weiterführende so genannte apparative Untersuchungen (z.B. Ultraschall, EEG, EMG, CT, MRT) sollten daher immer erst im Anschluss erfolgen.

Die neurologische Untersuchung gliedert sich auf in die genaue Betrachtung des Patienten (Inspektion), eine kurze allgemeine internistische Untersuchung, das Untersuchen der Hirnnerven, die Prüfung der Reflexe, die Testung der Muskelkraft und der Bewegungsabläufe, die Sensibilitätsprüfung, die Untersuchung der vegetativen Funktionen und die Feststellung des psychischen Befundes. Jeder Neurologe geht die einzelnen Schritte in einer eigenen Reihenfolge durch. Mitunter werden bestimmte Tests hinzugefügt oder einzelne weggelassen, um die erhobenen Befunde besser einordnen zu können.

Inspektion

Beim genauen Betrachten des Patienten kann der Neurologe erkennen, ob z.B. das Gangbild oder die Haltung gestört ist oder eine Störung der Gleichgewichtsfunktion vorliegt. Außerdem dient die Inspektion zum Erfassen von Verletzungsfolgen und Veränderungen der Haut.

Allgemeine internistische Untersuchung

Dabei werden u.a. die Herzfunktion und die großen Halsgefäße sowie die Arm- und Fußpulse untersucht.

Untersuchung der Hirnnerven

Hierbei achtet der Neurologe besonders auf die Fähigkeit zu sehen, zu riechen, zu schmecken und das Hören, auf Augenbewegungen, Gesichtsmimik, Schlucken und Sprechen. - Der Mensch besitzt 12 Hirnnerven. Bei Hirnerkrankungen oder Verletzungen kann die Funktion dieser Nerven gestört sein. Da jeder Hirnnerv eine ganz bestimmte Aufgabe hat, kann diese mit Funktionstests überprüft werden. Als Beispiel können dienen der Gesichtsnerv (Nervus facialis), der geprüft wird indem der Patient Grimassen schneidet. Für den Riechnerv werden verschiedene Aromastoffe (z.B. Kaffee, Bittermandel) eingesetzt, für das Schmecken Salz und Zucker. Das Hörvermögen wird orientierend mit der Stimmgabel geprüft.

Prüfung der Reflexe

Reflexe sind unwillkürlich ablaufende Reaktionen des Nervensystems auf einen Reiz. Mit Hilfe eines Hammers kann der Neurologe die so genannten Muskeleigenreflexe oder Muskeldehnungsreflexe (z.B. Achillessehnenreflex oder Patellarsehnenreflex) auslösen, d.h. die reflexartige Kontraktion des Muskels auf eine plötzliche Dehnung. Bei den Fremdreflexen betreffen Reizort und Reizantwort verschiedene Strukturen (z.B. Bauchhautreflexe). Bei diesen Tests achtet der Arzt v.a. auf Seitenunterschiede. 

Untersuchung des motorischen Systems

Hierbei beurteilt der Neurologe den gesamten Bewegungsapparat (Wirbelsäule, Gelenke, Gliedmaßen) und die Muskulatur. Mit dieser Untersuchung kann man z.B. eine verminderte Muskelkraft oder eine Muskellähmung erkennen.

Zunächst prüft der Arzt passiv die Beweglichkeit der Gliedmaßen, d.h. der Patient lässt sich bewegen ohne aktiv beteiligt zu sein. Beim Untersuchen der groben Kraft werden Arme und Beine anschließend gegen einen Widerstand bewegt, um somit deutlich kraftgeminderte Muskeln oder Seitenunterschiede beurteilen zu können.

Durch Halteversuche (Arm- oder Beinhalteversuch), z.T. mit geschlossenen Augen, kann der Neurologe wichtige Informationen auf latente (d.h. noch nicht ausgeprägte) Lähmungen z.B. nach einem Schlaganfall erhalten.

Aber auch das Prüfen der Feinbeweglichkeit ist sehr aufschlussreich. Kann ein Patient z.B. nicht mehr Knöpfe schließen oder nicht mehr richtig schreiben, kann dies mitunter der einzige Hinweis auf eine zentrale (d.h. im Gehirn begründete) Lähmung sein.

Der Muskeltonus wird geprüft, indem der Arzt die großen Gelenke (Kniegelenk, Ellbogengelenk) langsam und schneller hin- und herbewegt.

Prüfung der Koordination

Mit Hilfe dieser Untersuchung kann sich der Arzt ein gutes Bild vom Zusammenspiel mehrerer Muskeln machen. Dazu bedient er sich u.a. so genannter Zielversuche, bei denen der Patient z.B. im großen Bogen den Zeigefinger zur Nase führen muss (Finger-Nase-Versuch). Es wird beobachtet, wie der Patient stehen und gehen kann, auch mit geschlossenen Augen, wie er rasche Bewegungsabläufe meistert. Auch Schreiben und Sprechfunktion gehören dazu.

Sensibilitätsprüfung

Bei dieser Untersuchung erhält der Neurologe Aufschluss über Schmerz- und Temperaturempfinden sowie über Druck- und Berührungswahrnehmung. Durch Reizung der Haut sucht der Arzt nach Störungen der so genannten Oberflächensensibilität, durch Bestreichen der Haut mit einem Stück Zellstoff oder Watte  nach Störungen der Berührungsempfindung, durch spitze Gegenstände nach dem Schmerzempfinden. . Das Anhalten einer kräftig angeschlagenen Stimmgabel an verschiedenen Knochenvorsprüngen dient dem Überprüfen der Tiefensensibilität. Alles wird im Seitenvergleich bewertet.

Untersuchung der vegetativen Funktionen

Das vegetative oder auch autonome Nervensystem ist Teil des peripheren Nervensystems. Es ist an der Steuerung von Körperfunktionen beteiligt, auf die der Mensch normalerweise keinen Einfluss hat, z.B. Atmung, Verdauung, Puls und Schwitzen.

Die Prüfung durch Auslösung von Rötung der Haut nach Kratzreiz, Bildung von Gänsehaut und durch genaues Erfragen der Blasen- und Darmfunktion, Beobachtung der Atmung und einen kurzen Kreislauftest (Puls- und Blutdruckmessung) ergänzt.

Kognitive Funktionen

Höhere Leistungen des Gehirns werden am Beispiel von Sprache, Sprache verstehen rechnen oder Erkennen der Gestalt von in die Hand gegebenen Gegenständen geprüft.

Feststellung des psychischen Befundes

Bei neurologischen Erkrankungen kann auch der psychische Zustand des Patienten beeinträchtigt sein, sei es durch eine eingeschränkte Merkfähigkeit, verminderte Konzentration, eine geänderte Bewusstseinslage (z.B. Schläfrigkeit) oder eine veränderte Grundstimmung. Im Rahmen einer neurologischen Untersuchung überprüft der Arzt daher regelmäßig geistige und seelische Funktionen gegebenenfalls mit Hilfe von Gedächtnistests.

Weitere Untersuchungen
Je nach Beschwerdebild kann der Neurologe zusätzliche Untersuchungen veranlassen, um die Diagnose zu sichern wie z.B. Labortests (Blut, Urin, Hirnwasser), Ultraschall, Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT) oder Elektroenzephalografie (EEG) Elektromyografie (EMG), evozierte Potentiale (EVP), Elektrookulografie (EOG) u.a.

Fachliche Unterstützung: Dr. med. Uwe Meier (BDN), Grevenbroich