Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

06.09.2012

Schulverweigerung: Warnsignal für psychische Probleme

Schulverweigerung kann - besonders zu Schulbeginn - zu einer erheblichen Verunsicherung und Stressbelastung in Familien führen. Ist das Verhalten besorgniserregend? Kann man zuwarten oder muss etwas getan werden? Prognostisch ist Schulverweigerung unterschiedlich zu beurteilen.

Schulverweigerung  kann - besonders zu Schulbeginn - zu einer erheblichen Verunsicherung und Stressbelastung in Familien führen. Ist das Verhalten besorgniserregend? Kann man zuwarten oder muss etwas getan werden?  Prognostisch ist Schulverweigerung unterschiedlich zu beurteilen.  Je nach zugrunde liegender Ursache kann  sie eine vorübergehende kurze Störung sein, die durch richtige Hilfestellung rasch behoben werden kann. Sie kann aber, und das vor allem bei länger bestehender Symptomatik, zu weiteren Problemen wie schulischem Versagen, eingeschränkten Berufschancen  und somit zu gravierenden Folgen für die Lebensperspektive junger Menschen führen.

Die Gründe, warum Kinder und Jugendliche wiederholt die Schule meiden, sind nicht einheitlich, sondern beruhen auf verschiedenen Aspekten.

„Im Kindesalter tritt häufig eine angstbedingte Schulverweigerung auf. Man spricht auch von Schulphobie. Sie drückt sich durch eine Reihe von körperlichen Beschwerden wie morgendliche Übelkeit, Kopf- und Bauchschmerzen aus. Dahinter liegt eine Trennungsangst, die durch die reale oder befürchtete Trennung des Kindes  von nahen Bezugspersonen entsteht. Die Angst  wird so stark, dass sie  normale Alltagsabläufe wie z. B. den Gang zur Schule beeinträchtigt. Hierbei handelt es sich um ein Vermeidungsverhalten ohne direkten Bezug zur Schulsituation, denn die Trennungsangst des durch übermässig eng an eine Bezugsperson gebundenen Kindes ist das ursächliche Problem“, erläutert Dr. Sibille Kühnel von der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (SGKJPP) mit Sitz in Bern.

„Eine andere Ursache der Schulverweigerung sind Leistungsängste. Im Vergleich zur Schulphobie haben Kinder und Jugendliche bei der Schulangst deutliche Ängste, die direkt mit schulischen Faktoren wie Leistungsanforderungen oder auch Personen aus dem schulischen Umfeld zusammenhängen. Man kann Scheuheit im Sozialkontakt mit anderen Mitschülern oder Lehrern beobachten, oder auch Mobbingerfahrungen. Die Kinder vermeiden die Schule dann aus Angst vor Leistungsversagen, Kränkungen oder Demütigungen in der Schule. Auch die Schulangst kann sich durch psychosomatische Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen zeigen.“ Bleiben die Schulphobien oder -ängste unbehandelt, bestehen die psychischen Probleme meist weiter und können in der Folge weitere Störungen – wie etwa Depressionen – nach sich ziehen.

Eine weitere Form der Schulverweigerung ist das Schulschwänzen im Jugendalter.  „Jugendliche zeigen Auffälligkeiten im Sozialverhalten bis zu dissozialen Tendenzen. Sie  fallen durch aggressive und unsoziale Verhaltensweisen auf, halten sich nicht an Regeln und Vorgaben und sind oft ungehorsam, oppositionell und trotzig. Sie vermeiden die unlustgetönte schulische Leistungssituation und wechseln in lustbetontes Freizeitverhalten. Die Gefahren von Drogenmissbrauch und ein Abgleiten in die Kriminalität sind hier vorhanden. Typisch für das Schulschwänzen ist, dass in der Regel keine körperlichen Beschwerden auftreten und auch keine Ängste“ ergänzt die Expertin.

Das frühzeitige Entdecken dieser Anzeichen sowie eine gezielte Diagnostik und gegebenenfalls Therapie kann Betroffene vor weiteren Problemen wie Entwicklungsverzögerungen, -sozialen Integrations- oder psychischen Problemen bewahren. Voraussetzung dafür ist eine schnelle Reaktion auf dieses Verhalten und eine gemeinsame Hilfestellung durch die Eltern, die Lehrer, Jugendinstitutionen sowie auch Kinder- und Jugendpsychiater. „ Die Hilfe kann beispielsweise in der Therapie von Trennungsängsten, der  Klärung der weiteren schulischen Perspektive oder der Lösung von Mobbingsituationen bestehen sowie in der Beratung  betroffener Eltern“ ergänzt Dr. Kühnel.

Je früher die Störung erkannt wird, umso besser sind die Heilungschancen. Bei leichteren Formen von Schulphobie  liegen die Erfolgsraten nahezu bei 100%.

Weitere Informationen unter www.kinderpsychiater-im-netz.org