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29.08.2019

Internetspielstörung: Wenig Sozialkontakte und gedankliche Vereinnahmung sind Warnzeichen

Die Übergänge zwischen normalem Mediengebrauch und krankhaftem Nutzungsverhalten von Computerspielen sind fließend. Es können jedoch einige Symptome bemerkt werden, die auf eine problematische Entwicklung hinweisen - unter anderem im Hinblick auf das Kontaktverhalten, die Nutzungszeiten und ein fortgesetztes Problemverhalten der Jugendlichen.

Rund drei Millionen Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren spielen in Deutschland regelmäßig am Computer. Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen zeigen 15,4 Prozent dieser Minderjährigen ein riskantes oder pathologisches Spielverhalten. Die Übergänge zwischen normalem Mediengebrauch und krankhaftem Nutzungsverhalten von Computerspielen sind fließend. Es können jedoch einige Symptome bemerkt werden, die auf eine problematische Entwicklung hinweisen - unter anderem im Hinblick auf das Kontaktverhalten, die Nutzungszeiten und ein fortgesetztes Problemverhalten der Jugendlichen. „Wird Computerspielen anderen Aktivitäten vorgezogen, und lässt das Interesse an vormals vorhandenen Freizeitaktivitäten deutlich nach, kann das ein Warnsignal für ungesundes Verhalten sein. Auch eine gedankliche Vereinnahmung durch die Computerspiele kann bemerkt werden, wenn das Kind auch in Phasen, wo nicht gespielt wird, im Denken und Handeln davon dominiert wird“, berichtet Dr. Ingo Spitczok von Brisinski vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP) in Köln. „Der Spielen bekommt eine überhöhte Bedeutung, welches andere Interessensfelder und Alltagsaktivitäten verdrängt.“ Typischerweise kommt es zu einer Art Toleranzentwicklung und zum Kontrollverlust. Der Spieler verspürt also zunehmend mehr das Bedürfnis, Zeit mit Computerspielen zu verbringen und es gelingt ihm nicht, Beginn und Beendigung des Spielens selbst zu regulieren. Das Spielverhalten wird trotz negativer Konsequenzen weiter fortgesetzt, obwohl das Kind bzw. der Jugendliche nachteilige psychosoziale Auswirkungen - wie beispielsweise Konflikte mit der Familie oder in der Ausbildung - bemerkt.

Flüchtiges Kontaktverhalten und launischer Charakter

Neben dem Spielverhalten kann sich auch das Kontaktverhalten von betroffenen Jugendlichen verändern. Sie neigen vermehrt dazu, Begegnungen aus dem Weg zu gehen und Gespräche verlaufen eher oberflächlich und flüchtig. Haben die Jugendlichen keinen Zugang zu Internet und Computer, können sie launisch und wütend aber auch depressiv verstimmt reagieren. „Bei einer Internetspielstörung können richtige Entzugserscheinungen auftreten, mit dem Versuch, zu pausieren und dann doch rückfällig werden“, ergänzt der Kinder- und Jugendpsychiater. „Eine Computerspielstörung begrenzt sich aber nicht nur auf ein ausuferndes Nutzungsverhalten. Sucht kann auch emotionale Probleme und Labilität befördern. Betroffene Kinder und Jugendliche können gereizt und unruhig oder auch traurig und besonders ängstlich ein. Zudem kann es zu Konzentrationsproblemen kommen, wenn nicht gespielt wird.“ Ein Hinweis auf eine problematische Entwicklung ist auch, wenn sich der Tag-Nacht-Rhythmus von Jugendlichen verschiebt und es zu Schlafstörungen kommt.

Computerspielen als Stressbewältigung

Untersuchungen zeigen, dass bestimmte Menschen stärker gefährdet sind, sich in der virtuellen Welt «zu verlieren». Insbesondere Jugendliche, die im realen Leben nur in begrenztem Maße Erfolg und Freude erleben, können diesen Bedürfnissen im Netz manchmal eher nachkommen. „Wird Computerspielen bereits als Stressbewältigung eingesetzt, um damit negative Gefühle zu regulieren oder Probleme zu bewältigen, ist das ein starker Hinweis auf eine problematische Entwicklung. Treten mehrere solche Warnzeigen auf, sollte ein Kinder- und Jugendpsychiater zu Rate gezogen werden“, rät Dr. Spitczok von Brisinski.

Nutzung transparent einschränken und Gespräch suchen

Wenn Anlass zur Sorge besteht, können Eltern durch verschiedene Maßnahmen gegensteuern. So können sie beispielsweise den Computer aus dem Kinderzimmer oder unmittelbaren Wohnraum entfernen. Die Onlinespielzeiten können eingeschränkt werden und die Dauer in Form eines Wochenplans festgelegt werden. „Eltern können ihre Kinder auch dabei unterstützen, ein altes Hobby wieder aufzunehmen oder sich ein neues zu suchen. Zudem sollten sie hinterfragen, was das Kind beim Internetspielen sucht und findet und warum dies im normalen Leben möglicherweise zu kurz kommt“, meint der Kinder- und Jugendpsychiater.

Computerspielen gehört heute fest zum Alltag der Kinder und Jugendlichen in Deutschland und sollte daher nicht komplett verboten werden. Im vergangenen Jahr hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Online-Spielsucht offiziell als Krankheit bewertet – die "Gaming Disorder" findet sich im neuen Katalog der Krankheiten (ICD-11).

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