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16.07.2014

Gestörtes Sozialverhalten kann sich auch in verdeckter Aggression äußern

Zeigen Kinder über mehrere Monate wiederholt aggressive Verhaltensweisen, halten sich nicht an Regeln und sind ungehorsam, kann dies auf eine Störung des Sozialverhaltens hindeuten. Beispiele für typische Verhaltensweisen bei gestörtem Sozialverhalten sind ein extremes Maß an Streiten oder Tyrannisieren, Grausamkeiten gegenüber anderen Menschen oder Tieren sowie eine erhebliche Destruktivität gegenüber Eigentum. Doch auch weniger offenkundige Aggressionen wie etwa das Weglaufen von zu Hause oder Mobbing sind mögliche Anzeichen.

„Gestörtes Sozialverhalten zeigt sich nicht nur in offener, direkter Form wie beispielsweise in Wutausbrüchen, Beschimpfungen, physischem Einschüchtern oder Zerstören von fremdem Eigentum. Aggressionen können auch verdeckt ausgeübt werden - beispielsweise in Form von Stehlen oder Lügen. Auch das Ignorieren von anderen Personen, das Streuen von Gerüchten oder der Ausschluss von Personen aus einer Gruppe können als indirekte Form der Aggression zutage treten“, berichtet Dr. Ingo Spitczok von Brisinski vom Vorstand des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP). Zeigt ein Kind über mehrere Monate solches Verhalten, sollte das Kind einem Kinder- und Jugendpsychiater vorgestellt werden, damit dieser eine mögliche Störung des Sozialverhaltens abklären und dem Kind helfen kann.

Untersuchungen deuten darauf hin, dass insbesondere Mädchen häufiger verdeckte Formen aggressiven Verhaltens zeigen und dass das Auftreten dissozialer Symptome bei ihnen lange Zeit unterschätzt wurde. Aggressives Verhalten bei Mädchen ist bisher jedoch noch unzureichend erforscht. „Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Störung des Sozialverhaltens rücken zunehmend in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Symptome wie «Weglaufen» und «Prostitution» werden bereits als kennzeichnend für Mädchen angenommen. Auch der überwiegende Einsatz nicht-konfrontativer, verdeckter Aggressionen gilt als Symptomatik, die eher für Mädchen mit entsprechenden Störungen typisch ist“, ergänzt Dr. Spitczok von Brisinski. „Inwieweit die Häufigkeit von gestörtem Sozialverhalten bei ihnen bislang unterschätzt wird ist noch unklar. Fest steht jedoch, dass in den letzten Jahrzehnten allgemein eine Zunahme von Störungen des Sozialverhaltens beobachtet wird. Auch haben Untersuchungen gezeigt, dass bei Mädchen parallel häufiger Angsterkrankungen, depressive Störungen sowie Ess- und Somatisierungsstörungen auftreten. Während bei Jungen häufiger Aufmerksamkeitsstörungen im Zusammenhang mit Störungen des Sozialverhaltens stehen.“ Untersuchen zeigen auch, dass es mit steigendem Alter von Kindern und Jugendlichen tendenziell zur Zunahme von Störungen des Sozialverhaltens kommt, im späteren Jugendalter und im jungen Erwachsenenalter jedoch wieder zu einer Abnahme.

Frühzeitige Therapie bei Störungen des Sozialverhaltens hilfreich
Symptome für Störungen des Sozialverhaltens werden bei ungefähr 14 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen in Europa beobachtet. Die Forschung geht davon aus, dass Mädchen und Jungen mit einem hohem Aggressionspotenzial im Kindes- und Jugendalter später eher straffällig werden und auch häufiger andere psychische Störungen entwickeln. Entsprechend sollten im Kindes- und Jugendalter auftretende dissoziale Störungen adäquat behandelt werden. „Es ist wichtig, betroffene Kinder und Jugendliche frühzeitig einer wirksamen therapeutischen kinder- und jugendpsychiatrischen Intervention zuzuführen. Denn für eine erfolgreiche Behandlung sind frühzeitig einsetzende, umfassende Maßnahmen wichtig“, betont der Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Bei stabileren Störungen bestehen ansonsten erhöhte Risiken, dass Betroffene keinen angemessenen Schulabschluss erreichen, Probleme in der beruflichen Ausbildung haben und sich Folgeerkrankungen, wie Depressionen oder Suchterkrankungen ausbilden können.

Quelle: Übersichtsarbeit – Mädchen mit Störungen des Sozialverhaltens, Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 42 (2),2014,95-108, Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

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