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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Begriffserklärung: Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie

(© Yuri Arcurs - Fotolia.com) Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: Erkennung, Behandlung, Prävention und Rehabilitation

Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie „umfasst die Erkennung, Behandlung, Prävention und Rehabilitation bei psychischen, psychosomatischen, entwicklungsbedingten und neurologischen Erkrankungen oder Störungen sowie bei psychischen und sozialen Verhaltensauffälligkeiten im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter und bei Heranwachsenden auch unter Beachtung ihrer Einbindung in das familiäre und soziale Lebensumfeld“ (Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer in der Fassung vom 25.06.2010).

Diese Leistungen werden von einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie erbracht oder von einem Team verschiedener Berufsgruppen unter Leitung eines Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Untersuchungen und Behandlungen können je nach Erfordernis ambulant, tagesklinisch oder vollstationär durchgeführt werden. Je jünger die Kinder, desto wichtiger ist die Einbeziehung, Beratung und Unterstützung der Familie.

Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie

Obwohl die ersten auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen spezialisierten Krankenhausabteilungen und Kliniken bereits in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstanden, gibt es einen eigenständigen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Kinder- und Jugendpsychiater) in Deutschland erst seit 1968. Ergänzt um „und -psychotherapie“ wurde die Facharztbezeichnung 1992, um deutlich zu machen, dass psychotherapeutische Kompetenz einschließlich Richtlinienpsychotherapie Bestandteil der Weiterbildung ist.

Abgrenzung zu anderen Gebieten

Während die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie für Patienten zuständig ist, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben (bei deutlichen Entwicklungsdefiziten auch für Heranwachsende bis zum vollendeten 21. Lebensjahr), werden von Ärzten für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin Erwachsene behandelt. Eine Aufteilung in Psychiatrie und Psychosomatik, wie sie sich in Deutschland für die Behandlung von Erwachsenen mit psychiatrischen bzw. psychosomatischen Störungen mit jeweils eigenen Facharztweiterbildungen etabliert hat, existiert für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen nicht. Vielmehr wird der Großteil psychosomatischer Erkrankungen wie z. B. Magersucht (Anorexia nervosa) oder psychogene körperliche Symptome (z. B. Dissoziative Störungen, Somatoforme Störungen) von Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie behandelt. Daher tragen die kinder- und jugendpsychiatrischen Fachverbände (Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BAG), Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP)) sowie viele Krankenhausabteilungen und Fachkliniken außer der ‚Psychotherapie‘ auch die ‚Psychosomatik‘ im Namen.

Einige vorwiegend körperlich verursachte Erkrankungen mit psychosomatischem Anteil wie z. B. Asthma werden überwiegend von Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin (Kinderheilkunde, Pädiatrie) behandelt, manchmal unter Beteiligung der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.

Während Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin die ‚Hausärzte‘ aller Kinder und Jugendlichen sind sowie Spezialisten für körperliche (somatische) Störungen bzw. Erkrankungen, sind Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie die Experten für psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter.

Im Gegensatz zu den nichtärztlichen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bzw. Psychologischen Psychotherapeuten verfügen Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie nicht nur über psychotherapeutische Kompetenzen, sondern können zusätzlich auch medizinische Diagnostik (z. B. körperliche Untersuchung, Blutabnahme) und Behandlung (z. B. medikamentöse Therapie) durchführen.

Sonderpädagogik, Sozialpädagogik, Jugendhilfe: Auch wenn in diesen Bereichen psychotherapeutische Aspekte mitunter eine gewisse Rolle spielen mögen, so stehen doch in der Regel pädagogische, d. h. erzieherische Methoden im Vordergrund und nicht die Behandlung von psychischen Störungen im engeren Sinn. Da Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen jedoch oftmals von optimiertem erzieherischen Verhalten des Umfeldes profitieren, wenn gleichzeitig eine Therapie durch einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie bzw. ein kinder- und jugendpsychiatrisches Team erfolgt, ist eine enge Abstimmung und Zusammenarbeit dieser Bereiche sinnvoll und notwendig (Eikenbusch & Spitczok von Brisinski 2007).

Beispiele für kinder- und jugendpsychiatrische Störungen

Außer Verhaltens- und emotionale Störungen, die typischerweise in der Kindheit und Jugend beginnen wie z. B. AD(H)S, Störungen des Sozialverhaltens, Emotionale Störungen, Elektiver Mutismus, Bindungsstörungen, Ticstörungen, nichtorganischem Einnässen und/oder Einkoten, Fütterstörung im frühen Kindesalter und Autismusspektrumstörungen können viele psychische Störungen des Erwachsenenalters auch bereits im Kindes- oder Jugendalter auftreten. Hierzu zählen u. a. Abhängigkeitserkrankungen, Schizophrenie, Depression, Manie, Angst- und Zwangsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa, psychogene körperliche Störungen, Schlafstörungen, Persönlichkeitsstörungen wie z. B. Borderline-Störung und Störungen der Impulskontrolle wie z. B. Trichotillomanie oder Pathologischer Internetgebrauch (Spitczok von Brisinski & Habermeyer 2009).

Erklärungsansätze für kinder- und jugendpsychiatrische Störungen

Psychische Störungen und Erkrankungen haben in der Regel keine einfache und auch keine einzige Ursache. Fast immer handelt es sich um das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren: sowohl familiäre und persönliche Veranlagungen als auch Lebenseinflüsse (soziales Umfeld, persönliche Lebensgeschichte). Die Diagnosestellung erfolgt nach ICD-10 und dem Multiaxialen Klassifikationsschema MAS (Remschmidt et al. 2012). In er Beratung und Therapie spielen Ursache, Anlass und Symptom erhaltende Faktoren je nach Konstellation und Störungstyp unter Umständen sehr unterschiedlich wichtige Rollen. Oftmals sind Ursachen nicht bekannt und Anlässe können nicht rückgängig gemacht werden, so dass vor allem die Beeinflussung Symptom erhaltender Faktoren sowie Verstärkung bzw. Aktivierung von Stärken, Ressourcen und Resilienz erfolgreich sind.

Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie ist ‚Entwicklungspsychiatrie’, d. h. die umfassende Berücksichtigung des Zusammenhangs von Lebensalter, psychischer und körperlicher Reifung, zeit- und lebensgeschichtlichen Einflüssen sowie Entwicklungsaufgaben einerseits und Symptombildung, psychischen Störungen bzw. Erkrankungen sowie genetischen und anderen somatischen Aspekten steht bei Diagnosestellung und Therapie im Zentrum.

Diagnostik und Therapie

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie kommen heutzutage in erster Linie Evidenz basierte (Spitczok von Brisinski 2012a), d. h. hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und möglicher Nebenwirkungen wissenschaftlich und damit möglichst neutral und objektiv untersuchte Methoden der Diagnostik und Therapie zur Anwendung. Ein wichtige Orientierung stellen dabei die Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter (DGKJP et al. 2007) dar, aber auch internationale und innovative Entwicklungen.

In der Diagnostik spielt die Begegnung von Kind/Jugendlichem und Familie bzw. Familienersatz wie Pflegefamilie, Jugendhilfeeinrichtung oder individualpädagogischer Maßnahme mit dem Kinder- und Jugendpsychiater in Verbindung mit der Erhebung der Vorgeschichte und des psychischen Befundes eine wichtige Rolle. Aber auch standardisierte testpsychologische Untersuchungen mittels Intelligenztest, Rechen-, Lese- oder Rechtschreibtest, Tests zur sozioemotionalen, sprachlichen und/oder sensomotorischen Entwicklung sowie Selbst- und Fremdfragebogen, projektive Verfahren, usw. sind oftmals unverzichtbar, um ein klares diagnostisches Bild zu erhalten. 

Ergänzend werden körperliche einschließlich feinneurologischer Untersuchung, Hirnstrommessung (EEG, evozierte Potentiale), ggf. auch Blut- und Harnuntersuchung, EKG, Magnetresonanztomographie (MRI, NMR, Kernspintomografie) des Schädels, Schilddrüsen- und/oder genetische Untersuchungen, u. a. durchgeführt.

Zu den Behandlungsmethoden der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie zählen Psychotherapie (insbesondere Verhaltenstherapie, psychoanalytische bzw. tiefenpsychologische Psychotherapie, systemische Therapie, Spieltherapie, aber auch Musiktherapie, Kunsttherapie, usw. als Einzel-, Gruppen- und/oder Familien- bzw. Mehrfamilientherapie (Asen & Scholz 2009) oder auch als tiergestützte Therapie) , Beratung und Coaching (Spitczok von Brisinski 2012b, c) von Patient, Eltern, weiteren Angehörigen, Betreuern, Erziehern und Lehrkräften, störungs- und symptomspezifische Trainingsprogramme, Milieutherapie (insbesondere in der tagesklinischen und vollstationären Behandlung), Fachtherapien wie Ergotherapie, Bewegungstherapie oder Logopädie, sowie medikamentöse Therapie, Neurofeedback und andere medizinisch-physikalische Behandlungsmethoden.  

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Quellen

  • Asen, E., Scholz, M. (2009) Praxis der Multifamilientherapie. Heidelberg: Carl-Auer
  • DGKJP, BAG, BKJPP (2007) Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 3. Aufl.
  • Eikenbusch, G., Spitczok von Brisinski, I. (Hg.) (2007) Jugendkrisen und Krisenintervention in der Schule. Hamburg Bergmann+Helbig Verlag
  • Remschmidt, H., Schmidt, M. H., Poustka, F. (2012) Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO. Huber, Bern
  • Spitczok von Brisinski, I. (2012a) Evidenz. In: J. V. Wirth, H. Kleve (Hrsg.) Lexikon des Systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik & Theorie. Heidelberg: Carl-Auer, 95-99
  • Spitczok von Brisinski, I. (2012b) Therapie. In: J. V. Wirth, H. Kleve (Hrsg.) Lexikon des Systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik & Theorie. Heidelberg: Carl-Auer, 418-422
  • Spitczok von Brisinski, I. (2012c) Tiergestützte Kinder- und Jugendpsychiatrie. Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie 22(1), 41-92
  • Spitczok von Brisinski, I.; Habermeyer, E. (2009) Abnorme Gewohnheiten und Störungen des Impulskontrolle In: Fegert, J.M.; Streeck-Fischer, A.; Freyberger, H. J. (Hg.) Adoleszenzpsychiatrie. Psychiatrie und Psychotherapie der Adoleszenz und des jungen Erwachsenenalters. Stuttgart: Schattauer, 430-456
  • Warnke, Andreas; Lehmkuhl Gerd (2011): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Deutschland. Die Versorgung von psychisch kranken Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Stuttgart, 4. Auflage: Schattauer Verlag 

Fachliche Unterstützung: Dr. Ingo Spitczok von Brisinski, Viersen (BKJPP, BAG)