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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Ursachen von Störungen des Sozialverhaltens

In einem gewissen Umfang gehören oppositionelles Trotzverhalten und dissoziale Verhaltensweisen (z.B. Lügen, kleinere Diebstähle,  gelegentliche körperliche oder verbale Auseinandersetzungen) zu normalen Entwicklungsphasen bei Kindern. Sie dienen der Erkundung des eigenen Einflusses, der Abgrenzung sowie der Identitätsentwicklung der Kinder. Dem Großteil der Kinder gelingt es, im Verlauf der Entwicklung ihre aggressiven und antisozialen Impulse zu kontrollieren. Einem kleineren Teil der Kinder gelingt die Impulskontrolle, Reifung und Sozialisation nicht oder nur unzureichend.

Die Ursachen für Störungen des Sozialverhaltens im Kindes- und auch Jugendalter sind vielfältig, es können biologische Faktoren, das Erziehungsverhalten sowie Umweltfaktoren aber auch bestimmte Eigenschaften des Kindes (Temperament, Impulskontrolle) eine Rolle spielen.
Für sich genommen haben Temperament oder Geburtsfaktoren keinen wesentlichen Einfluss auf spätere Verhaltensstörungen. Entscheidend ist, wie Eltern und sonstige Erziehungspersonen auf die besonderen Eigenschaften ihres Kindes eingehen. Erziehung ist der wichtigste Faktor bei Verhaltensproblemen und die leidet vor allem unter drei Aspekten: Zu wenig Aufmerksamkeit - bedingt durch Desinteresse, Zeitmangel oder Stress -, mangelnde soziale Unterstützung und psychische Probleme. Leiden die Eltern unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Alkohol- oder Drogensucht sind sie in der Regel nicht in der Lage, für das Kind in einem angemessenen Rahmen da zu sein und ihre Vorbildfunktion zu erfüllen. Familiärer Stress und die Erziehungskompetenz für Kinder im Vorschulalter besitzen eine besondere Bedeutung für die Stabilität aggressiven Verhaltens.

Gewalttätiges Verhalten der Eltern
(©designfgb - fotolia.com) Gewalterfahrungen im Elternhaus gelten als eine Ursache

Eltern, die selbst gewalttätiges Verhalten zeigen, übertragen dies auf ihr Kind. Der Zusammenhang zwischen erfahrener und selbst ausgeübter Gewalt ist groß. 25 bis 40% der misshandelten Kinder geben die Gewalt weiter. Laut Umfragen werden noch immer rund 30% der Kinder und Jugendlichen von ihren Eltern zu Hause gezüchtigt oder misshandelt. Damit übertrifft die familiäre Gewalterfahrung die durch Gleichaltrige.
Nicht selten fehlt in der Familie auch ein fester Lebensrhythmus. Regeln und Strukturen, wie sie gerade sehr unruhige, impulsive Kinder - z.B. auch Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung brauchen - sind heute schwer zu schaffen. Außerdem ist für die Eltern häufig weniger Unterstützung - z.B. durch Großeltern, die ihnen zur Seite stehen – greifbar in der Nähe.

Eine besondere Bedeutung kommt auch dem Einfluss der Peer-Gruppe zu: Insbesondere bei Substanzmissbrauch und aggressiv-dissozialem Verhalten bestehen negative Einflüsse durch Gleichaltrige. Für die Entwicklung von Aggressivität sind bei Mädchen familiäre Bedingungen wie das erlebte Erziehungsklima und Persönlichkeitsmerkmale, für Jungen hingegen Peergruppen, d.h. der Einfluss Gleichaltriger, entscheidender.

Zusammenfassung der Einflussfaktoren

  • Biologische Faktoren:
    Männliches Geschlecht, niedriges Aktivitätsniveau, prä- und perinatale Risiken (Alkohol, Rauchen);
  • Familiäres Umfeld und Erziehung:
    Gewalttätiges Verhalten der Eltern, niedriger sozialer Status der Eltern, inkonsequentes Erziehungsverhalten; Erziehungsverhalten, unzureichende Erziehungskompetenzen;
  • Schule:
    Besuch bestimmter Schultypen wie Hauptschule oder Sonderschule, schlechte Qualität der Ausbildung, schlechtes Schulklima (u.a. bedingt durch den Umgang zwischen Lehrern und Schülern, Angeboten in der Schule, Gestaltung der Schulumgebung, autoritärer oder restriktiver Unterrichtsstil);
  • Psychische Merkmale:
    Unzureichende Impulskontrolle und Emotionsregulation, verzerrte sozial-kognitive Wahrnehmung, schlechte Problemlösestrategien, unzureichendes Einfühlungsvermögen, niedrige Frustrationstoleranz;
  • Sonstiges: 
    Gewalttätige Peergroup (Gleichaltrigengruppe), sozialer Druck, unzureichende soziale Integration, Einflüsse der Medien

 

 

Fachliche Unterstützung: Univ.-Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl, Köln (DGKJP)