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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Ursachen einer Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)

Die Legasthenie ist ein komplexes Störungsbild. Die Ursachen einer Lese-Rechtschreibstörung sind noch nicht vollständig geklärt, aber es scheint sich um ein multifaktorielles Geschehen zu handeln. Genetische Faktoren spielen eine große Rolle, denn die schulischen Entwicklungsstörungen kommen in Familien gehäuft vor. Vergleiche von eineiigen mit zweieiigen Zwillingen belegen eine genetische Veranlagung (Disposition), die Erblichkeit der Lese- und Rechtschreibfähigkeit liegt bei etwa 60 bis 70%. Ist ein Elternteil von einer Lese-Rechtschreibstörung betroffen, besteht für dessen Nachwuchs ein deutlich erhöhtes Risiko für eine LRS. Sind beide Eltern Legastheniker, ist das Risiko noch höher. Die bisher gefundenen genetischen Veränderungen wirken sich auf die neuronale Plastizität während früher Entwicklungsphasen des Gehirns aus, sogenannte Kandidatengene und deren gestörte Funktion finden sich in Gehirnregionen, die mit der sprachlichen Verarbeitung, der Buchstaben-Laut-Zuordnung und der Wortverarbeitung in Verbindung stehen. Ein wesentlicher Prädiktor für die Lesestörung ist die geringer ausgeprägte Fähigkeit, einzelne Laute zu unterscheiden, im Gedächtnis zu speichern und abzurufen. Entscheidend für den erfolgreichen Lese- und Rechtschreibprozess ist die Buchstaben-Laut- und die Laut-Buchstaben-Zuordnung, die bei Kindern mit einer Legasthenie deutlich verzögert entwickelt und nicht selten unvollständig entwickelt ist.

Legasthenie - geringere Aktivität in temporalen Gehirnrealen
© Deminos - Fotolia.com Ein multifaktorielles Geschehen bedingt die Entwicklung einer Legasthenie

Mit bildgebenden Verfahren konnte bei betroffenen Kindern eine geringere Aktivität in temporalen Gehirnrealen der linken Hemisphäre, die normalerweise bei der Buchstaben-Laut-Zuordnung aktiviert werden,  dargestellt werden. Eine weitere Ursache für Legasthenie sind die gestörte Wortwahrnehmung und -verarbeitung, eine Beeinträchtigung im Aufbau von orthographischem Wissen. Hiermit wird das erworbene Wissen über Regelmäßigkeiten und Struktur der deutschen Schriftsprache und über Rechtschreibregeln zusammengefasst. 

Durch eine unsystematische, den Stufenaufbau des Lese-und Rechtschreiblernprozess missachtenden Eingangsunterricht kann die Problematik bei Kindern mit einem Risiko für eine Legasthenie verstärkt werden. Der Verlauf der Störung wird wesentlich durch die schulische und familiäre Unterstützung beeinflusst. Jedoch ist bei aktuellem Kenntnisstand nicht davon auszugehen, dass die Störung vollkommen kompensiert werden kann. Oft ist eine zentrale Herausforderung für die Betroffenen und ihre Familie, die Störung in ihr Leben zu integrieren und Strategien zu entwickeln, mit der Legasthenie zu leben.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne, München (DGKJP)