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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Therapie bzw. Behandlung von Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht)

Wie bei anderen Essstörungen ist auch bei Bulimia nervosa die eigene Motivation und der Wille des Patienten Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. In erster Linie erfolgt die Behandlung der Bulimie ambulant. Es stehen verschiedene Psychotherapieformen wie die Verhaltenstherapie, Familientherapie sowie die psychoanalytisch orientierte Therapie zur Verfügung. Die Behandlung erfolgt in Einzel- und Gruppentherapien, möglichst unter Einbeziehung der Sorgeberechtigten und des familiären Systems.

Gerade bei den adoleszenten Essstörungsformen ist es besonders wichtig, die Eltern der Patienten in die Behandlung mit einzubeziehen. Dabei haben sich familienberatende und familientherapeutische Maßnahmen als besonders effektiv erwiesen. Begleitend zur Psychotherapie können Selbsthilfegruppen sehr hilfreich sein bzw. Behandlungserfolge stabilisieren.

Bei sehr ausgeprägter Symptomatik oder wenn schwere Persönlichkeitsstörungen, selbstschädigende Verhaltensweisen oder aber Suizidgefahr vorliegen, wird unter Umständen eine stationäre Behandlung notwendig sein. Bestehen Stoffwechsel- oder andere körperliche Störungen (wie z.B. Morbus Crohn oder Diabetes) ist eine medizinische Behandlung unumgänglich. Bei manchen Bulimie-Patienten liegt z.B. ein ausgeprägter Mangel an Kalium vor, infolge chronischen Missbrauches von Abführmitteln können Herzrhythmusstörungen und Nierenprobleme auftreten. Psychosoziale Kriterien für eine Krankenhausbehandlung sind zudem ein festgefahrenes familiäres Interaktionsmuster, soziale Isolation oder das wiederholte Scheitern ambulanter Behandlungsversuche.

Die Therapie von Essstörung steht grundsätzlich auf den folgenden drei Säulen:

  • körperliche Rehabilitation und Ernährungstherapie
  • individuelle Psychotherapie
  • Einbeziehung der Familie

Körperliche Rehabilitation und Ernährungstherapie

Ziel der Behandlung von Bulimie-Patienten ist das Durchbrechen des Teufelskreises von Heißhungerattacken und Erbrechen und eine Normalisierung des Essverhaltens. Um Essattacken zu vermeiden, sollten sich Bulimie-Patienten im Rahmen einer Ernährungsberatung und -therapie gründlich mit Ernährung und Essverhalten auseinandersetzen. Denn sie können zwar häufig exakte Angaben zum Kaloriengehalt einzelner Speisen machen, über gesunde Ernährung und Nahrungsbestandteile weisen sie aber nur wenig fundiertes Wissen auf. Studien haben gezeigt, dass ausschließliche psychoedukative Maßnahmen (mit Aufklärung und Information über gesunde Nahrungszusammensetzung und Zubereitungsmöglichkeiten) allein schon zu einer deutlichen Verringerung der Heißhungerattacken führen. Dazu gehört auch eine Ernährungsanamnese (Erhebung der bisher eingehaltenen Diät mit den jeweils erlaubten und verbotenen Speisen, Analyse der Häufigkeit und situativen Besonderheiten der Heißhungerattacken). Über einen Essensplan, der Haupt- und Zwischenmahlzeiten beinhaltet, können Hungergefühle gedämpft und Heißhungerattacken vermieden werden. Das bewusste Anbieten bisher verbotener Speisen soll Gefühle der Entbehrung abbauen und damit die Wahrscheinlichkeit von Kontrollverlust verringern.

Auch für die Eltern der Betroffenen ist es hilfreich, an einer psychoedukativen Gruppe teilzunehmen, in der Sie über die Folge von Essstörungen auf den Organismus und das Verhalten ihres Kindes aufgeklärt werden. Das erleichtert zum einen das Verständnis für das Kind, und kann zum anderen eine Ent-Emotionalisierung und den Abbau von Schuldgefühlen herbeiführen.

Individuelle Psychotherapie der Essstörung

In der psychotherapeutischen Behandlung der Bulimie haben sich zwei Verfahren, zumindest bei Jugendlichen ab 17 Jahren und Erwachsenen als besonders wirksam erwiesen: Die kognitive Verhaltenstherapie und die interpersonale Therapie. Für jüngere Jugendliche und Kinder liegen allerdings kaum Erfahrungen vor. Hier besteht ein großer Forschungsbedarf, da Behandlungserfolge bei erwachsenen Patienten nicht ohne weiteres auf jugendliche Patienten übertragen werden können.

Ziel der kognitiven Verhaltenstherapie ist eine Stärkung des Selbstbewusstseins der Patienten durch die Korrektur dysfunktionaler, mit der Essstörung verbundener Einstellungen und den Aufbau alternativer, selbstwertsteigernder Bereiche, unabhängig von Essverhalten, Gewicht und Aussehen. Mit einer kritischen Analyse der Vor- und Nachteile der Essstörungen gelingt es häufig aufzuzeigen, welche persönlichen Defizite und Probleme mit der Essstörung kompensiert wurden. Der Blick auf die Nachteile kann zur Motivationssteigerung genutzt werden. Diese Therapieform ist eher für ältere und motivierte Patienten geeignet, zumal sich jüngere Betroffene und solche mit geringer Krankheitseinsicht (das gilt vor allem bei chronischer Magersucht) oft weigern, ihr Verhalten und ihre Überzeugungen in Frage zu stellen.

Ziel der interpersonalen Therapie (IPT) ist die persönliche Auseinandersetzung der Patienten mit den Folgen ihrer Essstörung auf ihre sozialen Beziehungen (das sogenannte interpersonale Bezugssystem) und eine Verbesserung insbesondere ihrer Beziehungsfähigkeit und ihrer gegenwärtigen Lebenssituation. Sie legt ihren Schwerpunkt auf mögliche aktuelle zwischenmenschliche Konflikt und auf Schwierigkeiten im Übergang zu neuen, altersgerechten Rollen.

Bei Essstörungen, die noch nicht chronisch sind, sondern sich in einer Lebens- oder Reifungskrise entwickelt haben, sowie bei traumatischen Kindheitserfahrungen (z.B. sexueller Missbrauch) können u.U. auch psychodynamische Behandlungsansätze hilfreich sein.

Einbeziehung der Familie

Bei der Therapie von essgestörten Jugendlichen ist die Einbeziehung der Familie besonders wichtig. Den Eltern sollte dabei vermittelt werden, dass die Familie nicht als Ursache der Erkrankung angesehen wird, sondern als wirksame Ressource für deren Überwindung. Studien haben erwiesen, dass eine Familientherapie wirksamer ist als eine einzeltherapeutische Behandlung, wenn die Erkrankung vor dem 19. Lebensjahr auftritt und zudem noch nicht lange (möglichst weniger als drei Jahre) besteht. Auch eine Familienberatung, in der Eltern und Kinder getrennt behandelt werden, ist möglich. Bei älteren Patienten zeigt hingegen die Individualtherapie die besseren Heilungserfolge.

Weitere hilfreiche Maßnahmen

Gruppentherapeutische Verfahren, die ambulant oder stationär durchgeführt werden, sind gut dazu geeignet, das Selbstwertgefühl, die Selbstakzeptanz und die soziale Kompetenz der Betroffenen zu fördern, was vor allem bei jungen Patientinnen mit Essstörungen oft in besonderem Maße notwendig ist. Sonst kann es leichter zu Rückfällen kommen, da sich die Patienten erneut auf Gewicht und Figur als den scheinbar einzigen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Selbstbehauptung und –Akzeptanz fokussieren. Gerade bei völlig auf Figur und Gewicht fixierten Patienten können auch gestaltende Therapien oder körperorienteierte Verfahren hilfreich sein (z.B. Ergo- und Kunsttherapie sowie Entspannungstraining und Musiktherapie).

Medikamentöse Behandlung

Die Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI wie Fluoxetin oder Fluvoxamin) zur Behandlung einer Bulimie hat sich in vielen Fällen als wirksam erwiesen, und zwar unabhängig davon, ob der Patient depressive Verstimmungen hat oder nicht. Dabei beträgt die therapeutische Dosis für Bulimie das Drei- bis Vierfache derjenigen für Depressionen. Bei stark untergewichtigen, anorektischen Patienten scheinen SSRI hingegen keine Erfolge herbeizuführen, vermutlich weil es den Patienten mangelernährungsbedingt an Neuroransmittervorstufen (Tryptophan) mangelt.

Fachliche Unterstützung: Dr. Freia Hahn, Viersen (BKJPP)