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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Therapeutische Möglichkeiten bei Autismus-Spektrum-Störungen

Es besteht bis heute keine medizinische Möglichkeit, Autismus-Spektrum-Störungen zu heilen. Es gibt allerdings verschiedene Therapiemöglichkeiten, um kognitive und sprachliche Fertigkeiten zu bessern, die soziale Interaktion und Kommunikation zu trainieren und den Betroffenen somit ein Leben im sozialen Umfeld zu erleichtern. Wissenschaftlich bisher etablierte effektive Therapieverfahren basieren alle auf verhaltenstherapeutischen und übenden Ansätzen verbunden mit Psychoedukation von Eltern, Erziehern, Lehrern und Betroffenen.

Therapieoptionen bei Autismus-Spektrum-Störungen
© VAlex - Fotolia.com Es gibt verschiedene Therapiemöglichkeiten bei Autismus-Störungen

Ja nach Alter, Schweregrad der Erkrankung, komorbider anderer psychiatrischer Störungen sowie kognitiven Fertigkeiten sind unterschiedliche psychotherapeutische und medikamentöse Formen der Therapie notwendig. Grundsätzlich müssen sie Autismus-spezifisch sein, d.h. die spezifischen Einschränkungen und Fertigkeiten von Patienten mit Autismus-Spektrum-Störungen müssen beachtet und behandelt werden. Ganz allgemein brauchen Patienten mit Autismus-Spektrum-Störungen ein überschaubares, vorhersagbares Umfeld, um sich sicher zu fühlen. Dies gilt sowohl für die Situation der Psychotherapie (einzeln oder Gruppe) als auch für Schule und Beruf sowie den elterlichen und ärztlichen Umgang mit den Patienten. Psychoedukation und Einbezug der Eltern sowie zentraler Bezugspersonen sollte im Rahmen jeder Therapie erfolgen. Je älter die Kinder sind, desto notwendiger ist die Aufklärung über das eigene Krankheitsbild im Rahmen einer diesbezüglichen Psychoedukation.

Frühförderung

Die frühe intensive Verhaltenstherapie ist verhältnismäßig gut erforscht und zeigt – bei ausreichender Intensität und Dauer – gute Effekte bezüglich der kognitiven Fertigkeiten. Das natürliche oder inzidentielle Lernen ist insbesondere hilfreich, Spontansprache und sprachliche Fertigkeiten zu fördern. Im Rahmen verhaltenstherapeutisch eng angeleiteter Kleingruppen kann die soziale Interaktion mit Gleichaltrigen auch schon im Vorschulalter erfolgreich geübt werden, wenn das Kind zuvor die Interaktion mit Erwachsenen gut beherrscht.

Kleinkinder mit Autismus-Spektrum-Störungen werden über operante Verfahren dazu motiviert, zunächst die korrekte Verwendung von Spielzeug und anderen Übungsmaterialien, Spielverhalten, Imitation sowie gemeinsame Aufmerksamkeit zu üben. Im weiteren Verlauf folgen Übung von sprachlichen Lauten, des passiven und aktiven Wortschatz‘ (auch unter Einsatz von Bildkarten) sowie non-verbaler und verbaler Kommunikation. Weiterführend werden dann vor allem der korrekte und kommunikative Einsatz von Sprache sowie die soziale Interaktion mit Gleichaltrigen und Erwachsenen im Spiel und in Alltagssituationen geübt. Je nach Notwendigkeit können auch Toilettentraining, Exposition bei spezifischen Ängsten oder Zwangshandlungen, sowie ein Training Alltagspraktischer Fertigkeiten in der Psychotherapie erfolgen. Verhaltensversuche und angemessenes Verhalten werden zunächst materiell, dann sozial verstärkt. Bei manchen Kindern ist ein sehr kleinschrittiges Anleiten im Rahmen des diskreten Lernformats über Führung (prompting), Verhaltensverkettung (chaining) und Verhaltensmodifikation (shaping) mit sehr viel Wiederholung und Üben von einzelnen Schritten notwendig. Andere Kinder lernen basale Fertigkeiten von sich aus schneller (insbesondere wenn sie leichter betroffen sind und von Beginn an bessere kognitive Fertigkeiten haben). Bei diesen Kindern ist das diskrete Lernformat oft nicht mehr ausreichend, sondern etwas weniger, aber noch immer hochstrukturierte verhaltenstherapeutische Methoden des zufälligen oder natürlichen Lernens sowie des Trainings von Schlüsselverhaltensweisen und das Lernen am Modell kommen dann zum Tragen. Idealerweise sind Eltern sowie Erzieher und Lehrer in die Therapie einbezogen und arbeiten zuhause und im Kindergarten / schulischen Rahmen in derselben Art und Weise mit dem Kind, zumindest an denselben Therapiezielen. Dies steigert die Anzahl der Übungseinheiten und führt zu einer Generalisierung der erlernten Fertigkeiten. Gerade die Generalisierung fällt Patienten mit Autismus-Spektrum-Störung schwer, deshalb muss sie besonders gut geübt werden.

In der Regel wird Frühförderung ab dem Alter von ca. 2-3 Jahren bis zur Einschulung durchgeführt (Dauer ca. 3 Jahre). Danach sollte die weitere pädagogische Förderung über die Schule erfolgen. Autismus-Spezifische Einzeltherapien sind für das Grundschul- und Jugendalter nicht untersucht und evaluiert. Sie stehen auch nicht im Vordergrund der weiteren therapeutischen Bemühungen, sondern die Psychoedukation der Eltern und Lehrer, wobei der fördernde Umgang mit den Kindern und Jugendlichen im schulischen und häuslichen Bereich besonders im Mittelpunkt steht.

Training sozialer Kompetenzen in der Gruppe

Bei Kindern, Jugendlichen und zunehmend auch bei Erwachsenen, die kognitiv durchschnittlich begabt sind, sind Autismus-Spezifische Soziale Kompetenztrainings in der Gruppe besonders effektiv, um die soziale Interaktion, die eigene Handlungsplanung und den eigenen Umgang mit Ärger und Wut zu verbessern. Die Dauer ist in der Regel 12 bis 18 Doppelstunden; teilweise kann die Gruppentherapie auch ein Jahr dauern. Es kann ein „Auffrischtraining“ nach einem halben oder ganzen Jahr Pause erfolgen. Bisher gibt es keine Studien im Vergleich von begrenzten zu fortlaufenden Therapien. Um aber Therapiemüdigkeit vorzubeugen und die Integration der Kinder und Jugendlichen in den schulischen Alltag und den Freundeskreis zu fördern, ist eine begrenzte Gruppentherapie von ca. 4 – 6 Monaten (d.h. 12 – 18 wöchentlichen Doppelstunden) empfehlenswert, da diese zielorientierter vorgeht und mehr auf das Üben im Alltag ausgerichtet ist.

Psychotherapeutische Behandlung komorbider Erkrankungen

Falls eine komorbide Angst- oder Zwangsstörung vorliegt, kann und sollte diese – wenn die kognitiven Voraussetzungen gegeben sind – lege artis anhand klassischer kognitiver Verhaltenstherapie sowie Expositionsverfahren zusätzlich behandelt werden. Eine Studien konnten zeigen, dass angst-spezifische Gruppentherapien bei Patienten mit Asperger Syndrom und Angststörung die Ängste deutlich reduzieren konnten.

Verschiedene Psychopharmaka helfen insbesondere bei komorbiden Erkrankungen sowie zusätzlichen Verhaltensauffälligkeiten. Sie können allerdings die autistische Kernsymptomatik nur im Bereich stereotypen Verhaltens lindern. So genannte atypische Antipsychotika (z.B. Risperidon) können Selbst- und Fremdaggressionen sowie Stereotypien und komorbide Zwangshandlungen bessern. Hyperaktivität und Impulsivität (überstürzte Verhaltensweisen) können mit speziellen Stimulanzien (z.B. Methylphenidat) oder auch Atomoxetin gebessert werden. Remergil kann gegen depressive Verstimmung helfen; gelegentlich auch selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI), die allerdings einen deutlich geringenen Effekt als bei nicht autistischen Patienten mit depressiver Störung haben.

Begleiterkrankungen wie epileptische Anfälle müssen mit entsprechenden Medikamenten (z.B. Antiepileptika) behandelt werden.

Um Sprache, Bewegung und Sinnesempfinden zu verbessern, können Patienten mit Autismus-Spektrum-Störung zusätzlich Logopädietherapie erhalten, welche die expressiven Sprachfertigkeiten, Tonlage und Lautstärke verbessern kann. Ergotherapie kann durch den Umgang mit vielfältigen Materialien sowie Übungen der Feinmotorik bei entsprechenden Schwierigkeiten zusätzlich wirksam sein. Die Wirksamkeit von Musik-, Kunsttherapien oder Therapien mit Tieren (z.B. Delfinen) sind wissenschaftlich bisher nicht belegt. Physiotherapie ist in der Regel nicht notwendig, außer beim Vorliegen zusätzlicher Erkrankungen, die eine physiotherapeutische Behandlung notwendig machen, wie z.B. einer Skoliose oder einer infantilen Zerebralparese.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Dipl. Theol. Christine M. Freitag, Frankfurt (DGKJP)