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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Symptome und Störungsbild von Autismus-Spektrum-Störungen

Für autistische Störungen sind vor allem ein grundlegendes Defizit im Bereich des sozialen Miteinanders und der gegenseitigen Verständigung typisch. Daneben kommen Sonderinteressen und stereotypes Verhalten in variabler Ausprägung vor. Drei Hauptmerkmale sind bei den meisten Personen mit Autismus-Spektrum-Störung zu beobachten:

  •        gestörte soziale Interaktion
  •        beeinträchtigte Kommunikation und Sprache
  •       wiederholte, stereotype Verhaltensweisen und Interessen.

Gestörte soziale Interaktion

Autistischen Personen fehlt das natürliche Verständnis für die Gefühle, Gedanken und Vorstellungen anderer, ihr Einfühlungsvermögen in sich und andere ist begrenzt, vor allem, wenn es um das Verstehen von Gedankengängen anderer geht. Aufgrund dieses Unverständnisses halten sie sich oft nicht an gesellschaftliche Regeln und Normen und haben Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen. Sie verstehen ihre Umwelt oft in einer anderen Art und Weise als gesunde Menschen, und zeigen ein eingeschränktes Interesse an ihrem jeweiligen Gegenüber. Sie vermeiden meist den Blickkontakt und weisen wenig Mienenspiel oder sonstige Gesten zum Ausdruck ihrer Emotionen auf. Sie zeigen beispielsweise keine oder sehr selten Freude, die sie mit anderen teilen.

Autistische Kinder suchen wenig Kontakt zu Gleichaltrigen und reagieren selten positiv auf Annährungsversuche anderer. Meist genießen sie es, alleine zu spielen oder zu lesen. Oft bevorzugen sie die Kontaktaufnahme durch Riechen, Tasten und andere Sinne. Fantasie- und Gruppenspiele ihrer Altersgenossen sind ihnen in der Regel fremd. Besonders schwer fällt Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung das Imitieren, und damit auch die Einsicht in vermittelnde Verhaltensweisen anderer sowie das Lernen durch Nachahmung.

Beeinträchtigte Kommunikation und Sprache

Vielen autistischen Kindern – gerade beim frühkindlichen Autismus – ist gemeinsam, dass sie Besonderheiten in der Sprachentwicklung zeigen. Manchmal entwickelt sich die Sprache gar nicht, stark verzögert oder ist durch ein stereotypes Wiederholen von Worten gekennzeichnet (Echolalie). Die Kinder neigen auch zu eigenen Wortkompositionen (Neologismen) und fallen durch eine eigenartige monotone Betonung auf.

Besondere Schwierigkeiten haben autistische Kinder mit dem Wort "Ich". Das Kind kann sich erst spät oder gar nicht mit "Ich" bezeichnen. Die mangelnden Sprachfähigkeiten können sie – im Gegensatz zu gehörlosen Menschen – weder durch Mimik oder Gestik noch durch spontanes Nachahmen der Handlungen anderer ausgleichen.

Alles Gesagte wird zudem meist wörtlich verstanden, Ironie, Witze und Sprichwörter können sie in der Regel nicht deuten. Viele Patienten mit Autismus-Spektrum-Störung erwerben Sprache, die sie dennoch in der Regel nicht gut zum Dialog einsetzen können. Sie klingen oft altklug und mechanisch, und gehen auf die Aussagen ihres „Gesprächpartners“ nicht ein.

Wiederholte, stereotype Verhaltensweisen und Interessen

Autistische Patienten können viel Zeit mit Wiederholungen von immer gleich ablaufenden Bewegungen (Stereotypien) wie z.B. Drehen/Flackern der Finger vor den Augen, auf der Stelle schaukeln oder merkwürdigen Verdrehungen verbringen. Die Betroffenen lieben zudem Rituale im Alltag, haben ein hohes Bedürfnis nach Gleichförmigkeit ihrer Umwelt und besitzen meist eine ausgeprägte „Veränderungsangst“.

Autistische Kinder spielen häufig nicht mit den „üblichen“ Spielsachen wie Puppen (und veranstalten damit keine Rollenspiele) und Autos, sondern widmen sich meist ausgiebig Teilaspekten (z.B. den Rädern eines Autos) oder entwickeln eng begrenzte Spezialinteressen. Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung tragen häufig einen "Lieblingsgegenstand" mit sich herum. Sie beobachten auch gern stundenlang technische Geräte, wie eine Waschmaschine oder eine Ampel.

Für fließendes Wasser können sich fast alle autistischen Menschen begeistern. Zusätzlich zeigen gut begabte Personen mit Autismus-Spektrum-Störung häufig auch ausgeprägte Sonderinteressen, die einerseits das Lernen anderer Inhalte stören kann, die aber teilweise auch gewinnbringend beruflich eingesetzt werden können.

Weitere Auffälligkeiten

Viele autistische Patienten haben Probleme mit der Sauberkeitsentwicklung im Kleinkindalter. Das Registrieren einer/s gefüllten Blase bzw. Darms wird oft nicht richtig empfunden. Teilweise verweigern sie den Gang zur Toilette und bestehen auf eine Windel. Hinzu kommen aufgrund eines stereotypen, ritualisierten Essverhaltens eine meist sehr einseitige, ungesunde Ernährung und in der Folge öfter Verstopfungen.

Auch das Schmerzempfinden vieler Betroffener ist gestört. So kann ein Mensch mit Autismus beispielsweise auf die kleinste Berührung mit heftigem Schmerz reagieren, während ein anderer dagegen auch bei schwereren Verletzungen so gut wie keine Schmerzen spürt, sich aber schmerzerfüllt die Ohren zuhält, wenn ein Bleistift auf den Boden fällt. Zum Teil neigen Menschen mit autistischen Störungen zu Selbstverletzungen – sie schlagen z.B. ihren Kopf gegen die Wand, reißen sich die Haare aus oder beißen ihre Finger blutig.

Viele Kinder mit autistischen Störungen sind motorisch unruhig, impulsiv und zeigen Aufmerksamkeitsprobleme, die mit den Anzeichen einer Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung oder einer Tic-Störung übereinstimmen. Einige Patienten entwickeln in der frühen Kindheit oder auch erst nach der Pubertät eine Epilepsie. Ebenso kommen gehäuft Angststörungen und depressive Störungen vor allem bei durchschnittlich begabten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störung vor.

Die intellektuelle Begabung autistischer Personen kann sehr unterschiedlich sein: Sie können geistig behindert sein, aber auch normal intelligent mit erstaunlichen Fähigkeiten, z.B. besonderer Merkfähigkeit in Teilgebieten (Inselbegabung) wie Mathematik, Musik oder in anderen Bereichen, in denen das soziale Verständnis keine Rolle spielt.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Dipl. Theol. Christine M. Freitag, Frankfurt (DGKJP)