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Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Wirkung und Folgen von Alkoholmissbrauch bzw. -abhänigkeit bei Kindern und Jugendlichen

Die Wirkung von Alkohol hängt von der getrunkenen Menge, dem jeweiligen körperlichen und seelischen Zustand, dem Alter und der Trinkgewöhnung ab. Jugendliche und insbesondere Kinder reagieren aufgrund ihres geringen Körpergewichts grundsätzlich sehr viel empfindlicher auf Alkohol als Erwachsene. Der Alkoholgehalt steigt im Blut stärker und schneller an als bei Erwachsenen. Auch der Alkoholabbau erfolgt langsamer, da der Körper, der sich noch in der Entwicklung befindet, das dafür verantwortliche Enzym (Alkohldehydrogenase) noch nicht wie bei Erwachsenen produzieren kann. Da Kinder und Jugendliche schneller lernen als Erwachsene, gewöhnen sie sich auch schneller an den Umgang mit alkoholisierten Zuständen. Bei Kindern und Jugendlichen kann sich eine Alkoholabhängigkeit innerhalb weniger Monate oder Jahre entwickeln.

Bei zusätzlicher Einnahme von anderen Drogen (oder auch bestimmten Medikamenten) wird die Wirkung sowie auch das gesundheitliche Risiko durch Alkoholkonsum, meist nachhaltig verstärkt.

Akute Auswirkungen

In kleineren Mengen wirkt Alkohol stimmungsaufhellend, beruhigend, entspannend und angstlösend. Eine dämpfende Wirkung und ein gesteigertes Wohlbefinden bergen die Gefahr, dass eine verminderte Kritikfähigkeit und eine gesteigerte Risikobereitschaft eintreten (Selbstüberschätzung). In der Folge erhöht sich - insbesondere in Kombination mit einem nachlassenden Reaktionsvermögen - die Wahrscheinlichkeit für Unfälle. So stehen beispielsweise ein Drittel aller Verkehrsunfälle bei den 15 bis 20-Jährigen im Zusammenhang mit Alkohol.
Höhere Alkoholmengen können zu einem Umschlagen der Stimmung und zu Gereiztheit und Aggressionen führen. Die Aufmerksamkeit, das Urteilsvermögen und die Koordination lassen zunehmend nach, wodurch sich die Gefahr für Unfälle erhöht. Aber auch die Gefahr von aggressiven Entgleisungen und sexuellen Übergriffen steigt (aktiv und passiv).
Große Mengen Alkohol können - insbesondere wenn sie in einem kurzen Zeitraum eingenommen wurden – zu Alkoholvergiftungen (Intoxikation) führen. Hierbei kann es durch die Intoxikation zu organischen Funktionsbeeinträchtigungen und zu lebensbedrohlichen Zuständen kommen. Diese können auch durch Unterkühlung oder durch das Einatmen von Erbrochenem eintreten.

Längerfristige Auswirkungen

Die längerfristigen Folgen von riskantem Alkoholkonsum betreffen die psychische sowie die körperliche Gesundheit.

Folgenschwer ist der Konsum von Alkohol, wenn Kinder oder Jugendliche Alkohol beim Umgang mit Schwierigkeiten und Konflikten oder unerwünschten Gefühlszuständen einsetzen, statt sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Durch das Manipulieren der emotionalen Befindlichkeit wird verhindert, dass der Betroffene lernt, andere Möglichkeiten zu nutzen, seine Gefühle (günstig) zu beeinflussen. Insbesondere bei frühem, regelmäßigem Alkoholkonsum versäumt ein Kind, wichtige Entwicklungsaufgaben „nüchtern“ zu bewältigen und adäquate Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Regelmäßiger oder übermäßiger Alkoholkonsum erschwert die Entwicklung des Kindes oder des Jugendlichen zu einer stabilen Persönlichkeit und damit auch die Einreihung als selbstständiges Mitglied in die Gesellschaft. Dieser Umstand trägt auch dazu bei, dass Jugendliche in ihrer altersgerechten psychosozialen Entwicklung sozusagen stehenbleiben können und dann in der späten Adoleszenz mehr oder weniger ausgeprägte Entwicklungsstörungen aufweisen. Zu den alten Problemen kommen neue hinzu, die mit der Abhängigkeit in Verbindung stehen. Als weitere psychische Beeinträchtigungen müssen Konzentrations-, Gedächtnis- und Lernstörungen sowie Beeinträchtigungen in Form von Gereiztheit, Aggressivität sowie Ängsten und Depressionen gesehen werden.

Übermäßiger Alkoholgenuss wirkt sich auf alle Organsysteme sowie das zentrale Nervensystem (ZNS) aus. In der Pubertät reifen manche Gehirnregionen besonders ausgeprägt. Übermäßiger Alkoholkonsum im Jugendalter kann das Volumen in manchen Gehirnbereichen verringern. Je früher Alkohol (oder andere psychoaktive Substanzen) konsumiert werden, desto größer sind die Auswirkungen auf die Hirnreifung, die erst im jungen Erwachsenenalter abgeschossen ist. Davon betroffen können Areale sein, die mit der Motivation und der Impulssteuerung zusammenhängen sowie das „Suchtgedächtnis“.

Recht häufig treten bei Jugendlichen allgemeines Unwohlsein, Kopfschmerzen und eine eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit auf. Gravierende körperliche Schäden, wie Leberschäden, aber auch Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse und die Schädigung von Nervenzellen (Polyneuropathie), die zu den typischen Folgekrankheiten kontinuierlichen Alkoholkonsums gehören, treten häufig erst im Erwachsenenalter auf. Auch das klassische Entzugssyndrom eines Delirium tremens (mit Desorientiertheit, Unruhe und Halluzinationen) ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen selten zu finden, da die Dauer des Missbrauchs zu kurz ist.

Trinken während der Schwangerschaft kann dazu führen, dass das Baby mit einem verminderten Geburtsgewicht zur Welt kommt. Außerdem besteht eine erhöhte Gefahr von Fehlbildungen wie schmale Oberlippen, Augenspalten sowie Kleinwüchsigkeit, aber auch von geistigen und körperlichen Entwicklungsverzögerungen (FAS: Fetales Alkoholsyndrom, früher Alkoholembryopathie).

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Rainer Thomasius, Hamburg (DGKJP)