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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Was sind Tic-Störungen / ist das Tourette-Syndrom?

Tics sind unwillkürliche, nicht zweckgebundene Bewegungen und/oder Lautäußerungen von Menschen. Sie werden entsprechend ihrer Ausprägung in motorische oder vokale Tics sowie in einfache oder komplexe Tics unterteilt.

Motorische Tics sind abrupt einsetzende und mitunter sehr heftige Bewegungen, die unwillkürlich ablaufen und nicht zweckgebunden sind. Die Bewegungen laufen oft wiederholt in immer gleicher Weise ab, sind aber nicht rhythmisch. Sie können einzeln oder in Serie auftreten. Insbesondere bei schweren Ausprägungen können komplexe (kombinierte) motorische Tics auftreten, bei denen mehrere Muskelgruppen beteiligt sind oder bei denen scheinbar zweckgerichtete Bewegungen ausgeführt werden, wie beispielsweise Hüpfen, Drehungen oder Aufstampfen. Besondere Formen komplexer motorischer Tics sind die Kopropraxie und die Echopraxie. Motorische Tics finden sich am häufigsten im Gesicht und am Kopf, sie können sich z.B. in Form von Augenblinzeln, Kopfrucken und Schulterrucken äußern.

Tourette-Syndrom
Tics sind ein häufiges Symptom bei Kindern

Vokale Tics stellen sich durch das unwillkürliche Äußern von Lauten und Geräuschen dar, wie beispielsweise Räuspern, Schniefen, Grunzen, Quieken und in seltenen Fällen lautem Schreien. Besondere Formen der komplexen vokalen Tics sind die Koprolalie, die Echolalie und die Palilalie.

Treten komplexe vokale und multiple motorische Tics kombiniert auf, spricht man von dem so genannten Tourette-Syndrom. Hierunter fallen auch Tic-Störungen, die mehrmals täglich, ohne Rückbildung (Remission) über die Dauer eines Jahres  (= chronische Tic-Störung) auftreten und sich vor dem 18. Lebensjahr manifestiert haben. Benannt ist das Syndrom nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette, der die Symptomatik erstmals um 1885 auf wissenschaftlicher Basis beschrieb. Eine Koprolalie, für die das Tourette-Syndrom durch Filme und Dokumentationen bekannt geworden ist, kommt tatsächlich nur bei 10 bis 20 Prozent der Patienten mit Tourette-Syndrom vor. Das Tourette-Syndrom geht bei dem Großteil der Betroffenen mit weiteren Störungen einher, wie z.B. ADHS, Zwangsstörungen, Affektiven Störungen oder Angststörungen. Nur etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder mit Tourette-Syndrom weisen keine weiteren kinder- und jugendpsychiatrischen Probleme auf.

Der psychische Leidensdruck der Betroffenen, ist aufgrund der auffälligen, nicht kontrollierbaren Symptome in manchen Fällen hoch - insbesondere beim Tourette-Syndrom. Die Komplexität mancher Tic-Störungen ruft mitunter bei der Umwelt (Familienmitglieder, Freunde, Lehrer) großes Erstaunen und auch Ärger oder Zurückweisung hervor. Viele Nicht-Betroffene können sich nicht vorstellen, dass diese Handlungsweisen und Lautäußerungen tatsächlich unwillkürlich und krankheitsbedingt sind, z.B. da die Betroffenen zumindest zeitweise eine Kontrolle über ihre Tics erlangen können. Manche Personen fühlen sich durch die Tics provoziert; insbesondere wenn es sich um Koprolalie/Kopropraxie handelt.
Daher sind berechtigte Angst vor Spott aufgrund der Tics und auch Schamgefühle sehr häufig bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Tic-Störungen bzw. Tourette-Syndrom zu finden. Anderseits sind viele Betroffene gut sozial integriert, sofern die Symptomatik nicht zu ausgeprägt ist oder sie in einem aufgeklärten Umfeld aufwachsen.

Häufig bemerken die betroffenen Kinder ihre Tics zunächst  gar nicht. Meistens werden die Eltern bzw. Erzieher auf diese - in ihren Augen - Verhaltensauffälligkeiten aufmerksam. Sie fühlen sich oftmals gestört, machen sich Sorgen und überlegen, ob sich nicht Erziehungsfehler dahinter verbergen können, selbst wenn die sonstige Entwicklung der Kinder gut verläuft.

Tics sind ein häufiges Symptom. Sie beginnen meist im Grundschulalter zwischen 6 und 8 Jahren, wobei die Symptome am stärksten zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr ausgeprägt sind. Jungen entwickeln 3-4-mal häufiger Tics als Mädchen. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 10 und 15 Prozent aller Grundschulkinder vorrübergehend betroffen sind. Das Tourette-Syndrom wird mit einer Häufigkeit von 1% angenommen.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Veit Roessner, Dresden (DGKJP)