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Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Informationen zu Schulvermeidung (Schulangst, Schulphobie) und Schulschwänzen

Die Gründe, warum Kinder nicht in die Schule gehen, sind nicht einheitlich, sondern beruhen auf verschiedenen Ursachen und Hintergründen. Grundsätzlich unterscheidet man zwei verschiedene Ursachenkomplexe, die zum Fernbleiben vom Unterricht, also zur Schulvermeidung, führen können:

Die Schulverweigerung kann weiter unterteilt werden in Schulangst, Schulphobie und andere Ursachenkomplexe (Knollmann et al., 2010) - häufig kommen Mischformen vor.

Jugendlicher der die Schule schwänzt
(©Gina Sanders - fotolia.com) Schulverweigerung und Schulschwänzen haben unterschiedliche Hintergründe

Normalerweise ist der Schulbesuch für Kinder eine aufregende und interessante Angelegenheit, aber für einige von ihnen der Grund für Angst oder Panik (Schulangst und Schulphobie). Ursachen hierfür können sein, dass das Kind aus Sorge vor nicht erfüllbaren Leistungsanforderungen, aus Angst vor sozialen Kontakten den Schulbesuch scheut. Oder die Ursachen liegen im häuslichen Milieu, zum Beispiel in Trennungsschwierigkeiten vom Elternhaus begründet. Die möglichen Langzeitfolgen für ein Kind, das immer Ängste hat und keine adäquate Hilfe bekommt, sind schwerwiegend. Wenn es nicht zur Schule geht und für längere Zeit von seinen Freunden getrennt ist, kann das Kind schwere schulische und/oder soziale Probleme entwickeln. Für die Eltern und das Kind kann es dann sehr hilfreich sein, einen Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten aufzusuchen.

Schulschwänzen hat im Gegensatz zu den zuvor genannten Angststörungen nicht primär mit Angst zu tun. Vielmehr handelt es sich hierbei häufig um ein Symptom im Rahmen einer Störung des Sozialverhaltens. Mit diesem Verhalten bringen die Kinder und Jugendlichen zum Ausdruck, dass sie nicht bereit sind, sich an gesellschaftliche Normen und Konventionen zu halten. Ihr Motiv für Schulverweigerung ist zumeist Unlust.

Motivation für Schulvermeidung

Für jede Art von Schulvermeidung gilt, dass sie aus Sicht des Individuums einen Sinn macht (Kearney, 2001): Durch sein Fernbleiben vom Unterricht vermeidet der Schüler eine negativ besetzte Situation bzw. entflieht ihr. Lästiges kann so abgewehrt, Bedrohliches vermieden oder Selbstwert geschützt werden. Das bringt ihm vorübergehend eine gefühlsmäßige Erleichterung. Dann allerdings treten Schuldgefühle hinzu, da er die Erwartungen von Lehrern und Eltern (und evtl. auch die eigenen) nicht mehr erfüllen kann. Dadurch entsteht zusätzliches Unbehagen oder noch mehr Angst vor der Rückkehr in die Schule und den zu erwartenden Reaktionen von verärgerten Lehrern oder spottenden Mitschülern. Insofern ist Schulverweigerung ein Verhalten, das sich immer weiter selbst verstärkt. Ist das Verhaltensmuster einmal entstanden, kann es sehr stabil sein. Der Schüler steckt in einem Teufelskreis.

Häufigkeit der Schulvermeidung

Fernbleiben vom Unterricht ist ein Phänomen, das vor allem in Industriestaaten auftritt. Man geht davon aus, dass es bei etwa 10 bis 20% der Schüler in Deutschland zu Schulvermeidung kommt (z. B. Jans und Warnke, 2004), wobei teilweise nicht angegeben wird, wie oft und aus welchen Motiven sie dies tun. Die Zahlen für ängstlich motiviertes schulvermeidendes Verhalten häufen sich im Allgemeinen, wenn Schulwechsel oder neue Schulsituationen anstehen. Das betrifft vor allem die Altersgruppen der 6-Jährigen (Einschulung) und 10- bis 11-Jährigen (Wechsel in höhere Schule).
Die Mehrzahl der Vermeider (fast drei Viertel) sind 14 bis 16 Jahre alt und besuchen die Haupt- und Sonderschulen (80%). Mehr als 9% eines Altersjahrgangs verließen 1999 die Schulen ohne Abschluss und haben damit ein siebenfach erhöhtes Risiko, arbeitslos zu werden (im Vergleich zu Hochschulabsolventen). (1) Im Jahre 2010 war diese hohe Zahl rückläufig; immerhin noch 7,5% des Jahrgangs verließ in diesem Jahr die Schule ohne Abschluss (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/schueler-ohne-abschluss-atlas-der-bildungsverlierer-a-721779.html).  

Mögliche Folgen von Schulverweigerung

Schulvermeidung führt oft zu schulischen Lerndefiziten und schlechten Zeugnisnoten. Dies kann einen geringeren Schulabschluss und spätere gesellschaftliche Nachteile zur Folge haben. Die Schule stellt aber auch einen wichtigen Ort der Sozialisation für junge Menschen dar. Deshalb kann häufiges Fernbleiben vom Unterricht auch große Einbußen in der Entwicklung von Sozialkompetenz und einer gesunden Persönlichkeit der Kinder bedeuten. Manche von ihnen rutschen in die Kriminalität und Drogenabhängigkeit ab. Eine emotionale Bindung an andere Menschen, die Akzeptanz des konventionellen, gesellschaftlichen Wertesystems und die Einbindung in gesellschaftliche Gruppen reduzieren hingegen das Risiko für das Straffälligwerden und exzessiven Drogenkonsum.

Fehlzeiten in der Schule sind außerdem mit einem erhöhten Risiko für psychische Störungen verbunden. Zum Beispiel finden sich bei Betroffenen später (und zwar vermehrt während ihrer Ablösung von den Eltern und sozialen Eingliederung in die Gesellschaft) häufiger soziale Phobien, Bipolare Störungen, Depressionen und Zwangsstörungen. (2)

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Johannes Hebebrand, Essen und Dr. med. Volker Reissner, Essen (DGKJP)