Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

Was ist Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

Unter Selbstverletzendem Verhalten (SVV) versteht man Handlungen, bei denen es zu einer bewussten Schädigung der Körperoberfläche kommt. Diese Handlungen sind sozial nicht akzeptiert und nicht suizidal intendiert. Selbstverletzung ist kein eigenständiges Krankheitsbild sondern tritt als Symptom einer psychischen Störung oder Erkrankung oder aber auch ohne begleitende komorbide psychiatrische Erkrankung auf. Die häufigste Form der Selbstverletzung ist das Zufügen von Schnittverletzungen mit scharfen oder spitzen Gegenständen wie Messern, Rasierklingen, Scherben oder Nadeln. Dieses so genannte „Ritzen“ oder „Schneiden“ findet vorwiegend an Armen und Beinen sowie im Bereich von Brust und Bauch statt. Aber auch Verbrennung oder Verätzungen kommen bei selbstverletzendem Verhalten vor.

Jugendliche mit psychischen Störungen oder Problemen haben ein besonders hohes Risiko selbstverletzendes Verhalten zu entwickeln. Neben Erkrankungen - wie Depressionen, Ess- Zwangs- oder  Angststörungen - können auch mangelndes Selbstwertgefühl, die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken und schwach ausgeprägte Selbstregulierungskräfte ursächlich sein. Besonders häufig kommt es im Rahmen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu Selbstverletzungen.
Selbstverletzungen hatten in der Vergangenheit oft einen religiösen Hintergrund, z.B. peitschten sich so genannte „Flagellanten“ im mittelalterlichen Christentum, um Buße zu tun. Von ähnlichen Praktiken wurde aber auch schon in vorchristlichen Religionen berichtet. Seit den neunziger Jahren beobachtet man in Europa und Amerika sowie in östlichen Ländern eine Häufung selbst verletzender Verhaltensweisen bei Jugendlichen. SVV kann aber ebenso bei älteren Menschen vorkommen. Körperliche Schädigungen im Rahmen von stereotypen Selbstverletzungen (etwa bei Autisten oder bei geistig behinderten Menschen) wird nicht zu SVV im eigentlichen Sinne gezählt. 

In Deutschland wurden bei Jugendlichen Lebenszeitprävalenzraten von 25% und Ein-Jahres-Prävalenzraten von 14% beschreiben. Etwa 4% der Jugendlichen zeigen wiederholt Selbstverletzendes Verhalten (repetitives SVV). Aus dem Erwachsenenalter liegen keine Daten vor. Weltweit wird eine Prävalenz von SVV im Jugendalter von ca. 19% berichtet.

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ulm (DGKJP)