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31.08.2015

Regelmäßiger nichtmedizinischer Cannabis-Gebrauch birgt Risiken

Der Konsum von Cannabis geht mit einem breiten Spektrum an körperlichen und psychischen Effekten einher. Dabei hängt die Wirkung unter anderem von der Zusammensetzung des Präparates, der Dosis, der Häufigkeit der Einnahme sowie der Einnahmeform zusammen. Auch die Konsumerfahrung einer Person sowie die Situation, in der die Droge eingenommen wird, spielen eine Rolle.

Früher, langjähriger und regelmäßiger Cannabiskonsum kann sich besonders problematisch darstellen, er erhöht das Risiko für diverse körperliche und psychische Folgeschäden. „Zu den akuten Beschwerden infolge des Gebrauchs von Cannabis gehören beispielsweise Herzrasen, Übelkeit, eine gestörte motorische Koordination sowie  Aufmerksamkeits- und Konzentrationseinbußen. Auch Panikattacken und psychotische Symptome wie Angstzustände und veränderte Sinneseindrücke sind typische Effekte, die belastend sein können“, berichtet Professor Dr. Ursula Havemann-Reinecke, vom Referat Suchtpsychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit Sitz in Berlin. „Die Akutwirkung geht überwiegend auf die psychotrope Hauptsubstanz, das Tetrahydrocannabinol zurück, welches insbesondere Gehirnregionen beeinflusst, die mit dem Gedächtnis, dem Lernen, dem Belohnungszentrum und der Steuerung von Körperbewegungen in Zusammenhang stehen. Dabei entfaltet das Tetrahydrocannabinol bereits nach wenigen Minuten seine Wirkung. Nach dem Abklingen der pharmakologischen Wirkung bilden sich die Symptome wieder zurück.“ In den letzten Jahren ist der Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC)  in Cannabis-Präparaten deutlich angestiegen, wohingegen der Gehalt des für medizinische Zwecke eingesetzten Cannabinols  in vielen Züchtungen nicht mehr vorhanden ist.

Facettenreiches Entzugssyndrom bei Substanzverzicht

Konsumenten, die einen schädlichen oder abhängigen Gebrauch aufweisen, müssen mit Entzugssymptomen rechnen. Innerhalb eines Zeitraums von  zwei Tagen können sich unterschiedliche Beschwerden einstellen. „Häufige körperliche Entzugserscheinungen sind Schwitzen, Zittern aber auch Schmerzen sowie eine erhöhte Körpertemperatur. Ebenso können Reizbarkeit und Unruhe, Ängstlichkeit und Depressivität sowie Aggressivität, Appetitverlust und Schlafprobleme auftreten. In der ersten Woche eines Entzugs sind die Beschwerden am ausgeprägtesten - sie können bis zu vier Wochen vorliegen“, erläutert die Expertin. „Derartige Entzugssymptome sind ein Hinweis auf eine Abhängigkeitserkrankung oder schädlichen Cannabis-Gebrauch.“ In Deutschland erfüllt ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung die Kriterien von Cannabismissbrauch oder  -abhängigkeit.

Körperliche und psychische Folgestörungen bei langfristigem Gebrauch

Etwa neun Prozent aller Cannabis-Konsumenten entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Cannabis-Abhängigkeit. Wird bereits im Jugendalter mit dem Konsum von Cannabis begonnen, steigt die Wahrscheinlichkeit, über die Lebenszeit eine Abhängigkeit zu entwickeln, deutlich. „Besonders problematisch und am folgenreichsten ist ein beginnendes Konsumverhalten im Jugendalter. In diesem Lebensabschnitt ist die Hirnentwicklung noch nicht abgeschlossen, weswegen sich psychotrope Substanzen besonders negativ auswirken können. Dauerhafter exzessiver Konsum kann bei Jugendlichen das Auftreten psychotischer Symptome fördern, wenn zusätzlich weitere Belastungsfaktoren vorhanden sind“, warnt Prof. Havemann-Reinicke. „Studien stellen zudem einen Zusammenhang zwischen frühem Cannabis-Konsum und einem erhöhten Risiko für einen frühzeitigen Schulabbruch her.“ Nicht zuletzt muss man davon ausgehen, dass auch die körperlichen Schädigungen gravierender sind, je früher und länger der Konsum von Cannabis erfolgt – insbesondere wenn Cannabis-Präparate zusammen mit Tabak geraucht werden.

Cannabis ist weltweit die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Sie wurde in Deutschland z.B. in 2012 von 4,5 Prozent der Erwachsenen konsumiert. Zur Behandlung von gesundheitlichen Störungen durch Cannabis stehen verschiedene therapeutische Maßnahmen zur Verfügung. Aktuell gilt die Kombination von  Motivationsförderung und Verhaltenstherapie als am meisten effektiv.

Quelle:
E. Hoch, U. Bonnet, Rainer Thomasius, F. Ganzer, U. Havemann-Reinecke, U. Preuss,  Dtsch Arztebl Int. 2015 Apr; 112(16): 271–278.
Published online 2015 Apr 17. doi:  10.3238/arztebl.2015.0271

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