Neurologen und Psychiater im Netz

Das Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen

Herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.

04.09.2017

Welttag der Suizidprävention am 10. September: Menschen in schweren Krisen auf mögliche Suizidgedanken ansprechen - darüber reden kann Leben retten

Es sind verschiedene Risikofaktoren für Suizidalität bekannt, wobei diese nicht allein, sondern stets durch ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren zum Suizid führen können. Suizidale Handlungen treten oft am Höhepunkt von Verzweiflung, Angst, Wut sowie Hilf- und Hoffnungslosigkeit oder auch eingeengten Denk- und Wahrnehmungsstörungen auf.

Suizidgedanken betreffen alle Bevölkerungsgruppen und können in allen Lebenslagen auftreten. Sie können aus akuten Krisen heraus entstehen aber auch aufgrund von längerfristig bestehenden Belastungen. Hat man den Eindruck, ein Mensch aus dem persönlichen Umfeld erlebt eine scheinbar ausweglose Situation oder befindet sich in sehr schlechter seelischer Verfassung, kann man ihn sachlich und ruhig auf mögliche Selbsttötungsgedanken ansprechen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man Menschen erst recht dazu bringt einen Suizid zu verüben, wenn man mit ihnen darüber spricht. „Suizidales Verhalten und Denken ist in den meisten Fällen kein Ausdruck von freier Wahlmöglichkeit, sondern vielmehr von Einengung und großer erlebter Not. Je länger ein Mensch einen unerträglichen psychischen Schmerz empfindet, desto öfter und stärker können Suizidgedanken als vermeintlicher Ausweg aufkommen. Es ist keine Schande, dass Menschen in bestimmten Lebenslagen darüber nachdenken. Die betroffenen Personen empfinden es dann zumeist als Entlastung, wenn sie mit jemandem über ihre Gedanken sprechen können“, betont Prof. Barbara Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit Sitz in Berlin. „Äußern Personen Suizidabsichten von sich aus, sollte dies in jedem Fall ernst genommen werden. Dann sollte man den Betroffenen ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Am besten suchen Angehörige oder Freunde dann zusammen mit dem suizidgefährdeten Menschen einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder auch eine psychiatrische Klinik auf. Kommt es nachts zu einer Krisensituation kann umgehend die psychiatrische Notfallambulanz oder der ärztliche Notdienst aufgesucht werden. Bundesweit gibt es zudem eine Vielzahl von Beratungsstellen für Menschen mit Suizidgedanken. Eine Übersicht gibt die Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Gewisse Faktoren erhöhen das Risiko

Es sind verschiedene Risikofaktoren für Suizidalität bekannt, wobei diese nicht allein, sondern stets durch ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren zum Suizid führen können. So ist das Suizidrisiko im Vergleich mit dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung unter anderem im höheren Lebensalter, bei Männern, bei Menschen mit gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung und bei jungen Frauen mit Migrationshintergrund erhöht. „Auch traumatisch erlebte oder kritische Lebensereignisse wie Arbeitslosigkeit, sexueller Missbrauch, der Verlust von Bezugspersonen, Partnerschaftskonflikte, Schulden, chronische Erkrankungen oder Trennungen können suizidales Verhalten auslösen. Daneben sind verschiedene psychische Erkrankungen – insbesondere Depressionen – aber auch Suchterkrankungen, Schizophrenie sowie Persönlichkeitsstörungen mit einem höheren Risiko für Suizidalität verbunden“, ergänzt Prof. Schneider. Menschen, die schon einmal in ihrem Leben versucht haben, sich das Leben zu nehmen, haben ein deutlich erhöhtes Risiko.

Innerseelisches Geschehen mündet in psychischer Ausnahmeverfassung

Suizidale Handlungen treten oft am Höhepunkt von Verzweiflung, Angst, Wut sowie Hilf- und Hoffnungslosigkeit oder auch eingeengten Denk- und Wahrnehmungsstörungen auf. „Das kann die Hoffnungslosigkeit im Rahmen einer tiefen Depression sein, die Bedrohlichkeit, ausgelöst durch schwerwiegende psychotische Wahrnehmungsstörungen oder die Einengung und Perspektivlosigkeit vor dem Hintergrund einer existentiell bedrohlichen Situation“, illustriert die Professorin. „Solch innerseelische Krisensituationen können aber beispielsweise auch durch Konflikte, Schuld- oder Schamgefühle ausgelöst werden“. Suizidversuche und Suizide sind dann zumeist Impulshandlungen. Andererseits kann der akute Impuls auch von einer Ruhe und Gelöstheit überlagert sein, die sich manchmal bei Menschen einstellt, die den Entschluss gefasst haben, sich das Leben zu nehmen. Professionelle Hilfe zu organisieren ist der wichtigste Schritt überhaupt, um einen Menschen vor dem Suizid zu retten.

Das Suizidrisiko steigt bei Frauen und Männern mit dem Lebensalter. Das durchschnittliche Lebensalter eines durch Suizid verstorbenen Menschen liegt bei ca. 57 Jahren. In Deutschland sterben laut Statistischem Bundesamt deutlich mehr Menschen durch Suizid wie durch Verkehrsunfälle, AIDS, illegale Drogen und Gewalttaten zusammen. Jedes Jahr versterben in Deutschland ungefähr 10.000 Menschen durch Suizid.

Links:
Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS): https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen/ (Übersicht von Hilfsangeboten)

Quellen: Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS)