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14.04.2011

Krebserkrankung: Die Psyche stärken

Hilfe bei Krebs bieten Psycho-Onkologen - im Idealfall geben sie den Patienten neuen Lebensmut und helfen so bei der Genesung.

Wenn Menschen erfahren, dass sie an Krebs erkrankt sind, reagieren die meisten erst einmal geschockt. Sie fühlen sich verzweifelt und ängstlich. Hilfe bieten Psycho-Onkologen - im Idealfall geben sie den Patienten neuen Lebensmut und helfen so bei der Genesung.Malignes Karzinom, Tumor-Recidis, Metaplasie. Bei solchen Worten verstehen viele Nichtmediziner nur Bahnhof. „Trotzdem wirst Du, wenn Du als Krebskranker das Gespräch mit den Ärzten suchst, ständig mit solchen Ausdrücken konfrontiert“, sagt Gabriel Melling*. Selbst auf Nachfrage bleibe es oft bei einer Erklärung der medizinisch-technischen Art, erzählt der Münchner, bei dem 2005 Mundschleimhautkrebs diagnostiziert wurde. „Was der Krebs mit Deinem Kopf macht, geht völlig unter.“ Dabei ist die psychische und emotionale Belastung eines Krebskranken enorm. Sie fühlen sich hilflos, haben Angst vor Schmerzen oder dem Tod, aber auch davor, ihre Rolle in Familie und Beruf nicht mehr ausfüllen zu können.

Die Psycho-Onkologie hat sich vor etwa 30 Jahren im Bereich der Psychotherapie und der psychologischen Forschung herausgebildet. Im Mittelpunkt steht die Erkrankung an Krebs und die seelischen Faktoren, die mit ihr verbunden sein können. „Die Psycho-Onkologie untersucht die Wechselwirkung zwischen der Psyche und Entstehung, Behandlung und Verlauf einer Krebserkrankung“, erläutert Susanne Singer, Psycho-Onkologin an der Uniklinik Leipzig und Sprecherin der Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psycho-Onkologie (PSO).Anfangs stand die Frage nach den psychischen Ursachen und Risikofaktoren für Krebs im Vordergrund. Heute beschäftigt sich die Forschung eher mit den psychosozialen Auswirkungen von Krebs auf den Betroffenen sowie der Krankheitsbewältigung und deren Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung. Nachgegangen wird Fragen wie „Wie beeinflusst eine Krebserkrankung den Lebensweg eines Menschen?“ oder „Durch welche Maßnahmen kann man psychisch labile Patienten stabilisieren?“. Daraus entstehen dann die Behandlungsansätze.

Jeder ist anders. Deshalb ist es erst einmal oberste Priorität, herauszufinden, was für den Einzelnen im Mittelpunkt steht. Nur so kann ihm geholfen werden. „Manche sind regelrecht paralysiert vor Angst davor, dass der Krebs fortschreiten oder wiederkehren könnte, andere sind komplett kontrolliert und haben eine genaue Theorie dazu, warum sie krank sind“, berichtet die zweite Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (dapo) aus jahrelanger Praxis.

Entsprechend individuell sei der Behandlungsansatz: Gelte es bei einem Patienten, tiefsitzenden Ängsten entgegenzuwirken, müsse man den Nächsten vom Gedanken lösen, schuld an seiner Erkrankung zu sein. „Ziel ist es, dass der Betroffene mit sich ins Reine kommt und der großen Belastung durch den Krebs besser standhalten kann.“  Teil der Behandlung sind neben psychologischen Einzelsitzungen und Gesprächsrunden mit anderen Betroffenen oft Entspannungsübungen sowie Musik-, Bewegungs- und Kunsttherapie. Sie können Stress abbauen, dem Patienten ein neues Selbstwertgefühl vermitteln und Ventil für Ängste und Sorgen sein. „Gerade weil man so vielseitig ansetzt, kann man auch viel bewirken: entängstigen, entlasten, aufbauen und teils sogar die Schmerzen erträglicher machen“, sagt Singer.

Die Psycho-Onkologie leistet also einen wichtigen Beitrag, um die Lebenssituation Krebskranker zu verbessern, doch kann sie auch den Krankheitsverlauf beeinflussen? „Der Zusammenhang zwischen dem psychischen Zustand eines Patienten und seiner Heilung ist genauso wenig beweisbar wie jener bestimmter charakterlicher Dispositionen mit der Entstehung von Krebs“, erklärt Prof. Matthias Theobald vom Universitätsklinikum Mainz. Unbestreitbar sei jedoch, dass die Stabilität, die Betroffene durch die psychologische Beratung gewinnen, dazu führt, dass sich ihre Bereitschaft erhöht, aktiv an therapeutischen Maßnahmen teilzunehmen. Das wirke sich positiv auf ihre Heilungschancen aus.

Prof. Dirk Jäger vom Nationalen Tumor Centrum (NCT) Heidelberg geht sogar noch weiter und hält einen Antitumoreffekt der psychosozialen Onkologie für denkbar: „Es gibt Daten, die zeigen, dass Menschen, die unter Druck stehen, anfälliger für Infektionen sind, und statistisch erkranken sie auch häufiger an Tumoren“, sagt er. Im Umkehrschluss würde es ihn nicht überraschen, wenn eine Stabilisierung der Psyche den Verlauf einer Erkrankung positiv beeinflusst.

Gabriel Melling, der seit 2007 krebsfrei ist, kann dies nur unterschreiben. „Während der Chemo bin ich ein totales Tief geraten. Ich hatte Schmerzen, war ständig müde und hatte keinen Lebensmut mehr.“ Ohne ein Gespräch mit dem Psycho-Onkologen wäre er die quälende Frage „Warum gerade ich?“ und seine Schuldgefühle nie losgeworden. „Dann wäre irgendwann Sabbat gewesen. Ich hätte mich aufgegeben - und wer weiß wo ich dann heute wäre.“

Wo Krebskranke psychologische Hilfe bekommenDie Psycho-Onkologie hat bislang kaum Zugang in die Regelversorgung gefunden. Daher müssen Betroffene sich notfalls selbst um psycho-onkologische Beratung bemühen. Gute Anlaufstellen sind die regionalen Krebsberatungsstellen, der Informationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums sowie die dapo und die PSO.Adressen:Deutsches Krebsforschungszentrum zu Psychoonkologie: dpaq.de/4plq1Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie/dapo: www.dapo-ev.deArbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft/PSO: www.pso-ag.deKostenfreie Info-Hotline des Krebsinformationsdienstes des Deutsches Krebsforschungszentrum: 0800 4203040, täglich zwischen 8.00 und 20.00 Uhr

Quelle: dpa