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27.10.2016

Kaufsucht: Shoppen zum Stabilisieren der Stimmungslage

Krankhaftes Kaufen tritt meist gleichzeitig mit anderen psychischen Störungen oder Erkrankungen auf. Weil betroffene Menschen das unkontrollierte Kaufverhalten meist nicht aus eigener Kraft stoppen können, sind Probleme mit dem Umfeld und familiäre Konflikte bis hin zur Verschuldung vorprogrammiert.

Eine krankhafte Kaufsucht veranlasst Betroffene, Konsumgüter einzukaufen, obwohl weder Erfordernis noch Bedarf dazu bestehen. Diese Menschen verspüren einen unwiderstehlichen Drang zum Kauf von Artikeln verbunden mit einem ausgeprägten Belohnungsgefühl beim Kauf. Es kommt wiederholt zum Kontrollverlust über den Warenkonsum und zur Fortführung der Kaufexzesse trotz weitreichender negativer Folgen. Das Spektrum dieses pathologischen Verhaltens ist breit gefächert: Es kann sich in Form von täglichen oder episodischen Kaufattacken zeigen, vom Kaufen spezieller Waren oder gleichen Artikeln in großer Anzahl, in Form vom Selbstgeschenken oder aber Geschenken für nahestehende Personen. Manche Erkrankte betreiben das Kaufen eher anonym und zu jeder Tages- und Nachtzeit im Internet. Andere genießen ihre Kaufattacken in speziellen, oft exklusiven Geschäften mit stimulierendem Flair. „Krankhaftes Kaufverhalten entsteht oft impulsiv aus Stresssituationen heraus oder als Folge von als unangenehm empfundenen Anspannungszuständen oder Gefühlslagen“ berichtet Prof. Falk Kiefer von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. „Typischerweise verspüren Betroffene eine zunehmende Anspannung und Erregung vor der Kaufhandlung und eine Art Erleichterung, Euphorie oder Lustempfindung während der Handlung. Das Verhalten wird praktisch dazu eingesetzt, um unangenehme Gefühle zu kompensieren. Es geht den Betroffenen weniger um den Besitz oder den Konsum der gekauften Waren, als vielmehr um das positive Gefühl beim Einkaufen.“ Diesem Anreiz können sich die Betroffenen trotz der weitreichenden, absehbaren negativen Folgen nicht widersetzen.

Nach dem Kaufen warten Scham- und Schuldgefühle

Weil diese Menschen das unkontrollierte Kaufverhalten meist nicht aus eigener Kraft stoppen können, sind Probleme mit dem Umfeld und familiäre Konflikte bis hin zur Verschuldung vorprogrammiert. „In der Regel stellen sich oft direkt nach den Kaufexzessen Schuld- und Schamgefühle ein. Solche negativen Stimmungen werden dann oftmals durch eine erneute impulsive Kaufhandlung behoben. Langfristig überwiegt und stabilisiert sich jedoch eine negative Verstimmung bis hin zur Verzweiflung, das eigene Handeln nicht mehr kontrollieren zu können und in finanzielle Schieflage zu geraten“, erklärt Prof. Kiefer. Oft werden die Einkäufe im Nachhinein versteckt oder verschenkt und damit ein Stück weit vergessen oder zumindest verdrängt. Eine verzerrte Wahrnehmung ist häufig Teil des Störungsbildes. Betroffene erliegen dabei der Illusion, sie hätten ihr impulsives Kaufverhalten und ihr Geldmanagement unter Kontrolle.

Im Hintergrund oft andere psychische Störungen vorhanden

Krankhaftes Kaufen tritt meist gleichzeitig mit anderen psychischen Störungen oder Erkrankungen auf. Oft liegen parallel depressive Störungen, Angststörungen, Suchterkrankungen sowie Essstörungen oder Persönlichkeitsstörungen vor. „Kaufsucht ist nicht selten das Symptom einer anderen psychischen Erkrankung. Die betroffenen Menschen versuchen, durch dieses Verhalten ihren Leidensdruck abzumildern und Problemen kurzfristig zu entfliehen“, ergänzt der Experte. „Daher ist es im Vorfeld einer Behandlung wichtig zu klären, ob möglicherweise andere Erkrankungen vorliegen, die dann auch vorrangig behandelt werden sollten.“ Menschen, die merken, dass sie ihr Kaufverhalten nicht mehr im Griff haben, sollten sich professionelle Hilfe suchen.

Geldmanagement und Psychotherapie helfen

Die meisten betroffenen Personen berichten über sich, ein niedriges Selbstwertgefühl, eine hohe Konsumorientierung, ein mangelndes Geldmanagement und eine niedrige Selbstkontrolle zu haben. Hilfsmaßnahmen setzten auch an diesen Punkten an. Es gibt eine Reihe von Strategien, mit denen man seinen Kaufrausch etwas bremsen kann. Betroffene können sich selbst Regeln setzen und beispielsweise nur mit Bargeld bezahlen und Kreditkarten bei Bankinstituten zurückgeben. Möglich ist auch, die Ware vor dem Gang zur Kasse wieder zurückzulegen und das Geschäft zu verlassen. Bei einem Teil der Betroffenen lässt der Drang nach, sobald sie die Kaufatmosphäre hinter sich gelassen haben. Greifen solche Maßnahmen nicht, können psychotherapeutische Maßnahmen nachhaltig wirksam sein. „Verhaltensanalysen können Betroffenen beispielsweise helfen, ihre individuellen Auslöser für Kaufattacken zu erkennen, um dann einen angemessenen Umgang damit entwickeln zu können. Auch eine Selbstreflektion in Bezug auf die eigene Konsumorientierung und den Symbolcharakter bestimmter Waren können hilfreich sein“, meint Prof. Kiefer. „Eine hohe Änderungsmotivation ist jedoch Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Denn die Normalisierung des Kaufverhaltens bedeutet auch, auf kurzfristig wirksame Ablenkungs- und Belohnungsstrategien verzichten zu müssen.“ Neben therapeutischen Angeboten kann eine zusätzliche Beratung durch Schuldnerberatung und -dienste sowie die Teilnahme an Selbsthilfegruppen sinnvoll sein.

Von Kaufsucht sind zwischen 1 bis 6 Prozent der Bevölkerung betroffen und dabei überwiegend Frauen. Das problematische Verhalten beginnt oft vor dem 20. Lebensjahr und verläuft meist kontinuierlich chronisch mit symptomfreien Intervallen, die Monate bis Jahre dauern können.

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