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07.04.2017

Depression: Erkrankung kann Arbeitsalltag enorm belasten

Sie trifft viele Menschen im Verlauf ihres Lebens und sie macht neben dem privaten Leben insbesondere den beruflichen Alltag zu einer großen, kräftezehrenden Herausforderung für Betroffene: die Depression. Sie ist auch Thema des heutigen Weltgesundheitstages.

Depressionen sind typischerweise durch Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit, Selbstzweifel sowie Antriebsmangel und eine erhöhte Ermüdbarkeit gekennzeichnet. Betroffene haben Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und leiden unter körperlichen Symptomen wie Appetitmangel und Schlafstörungen. Allein diese Beschwerden sind überaus belastend und dringen in sämtliche Lebensbereiche - auch das Arbeitsleben - vor. Oft treten parallel aber auch kognitive Einschränkungen wie eine verminderte Konzentration und Aufmerksamkeitsdefizite auf, was die Bewältigung des Jobs zusätzlich erschwert. Bleiben eine Depression und damit möglicherweise einhergehende kognitive Einschränkungen unbehandelt, kann sich die Situation für Erkrankte weiter verschärfen. „Bei einer depressiven Erkrankung ist die Bewältigung des privaten Alltags aufgrund von Energielosigkeit, Antriebsschwäche und leichter Erschöpfbarkeit bereits eine Herausforderung. Das Berufsleben stellt Betroffene dann oft auf eine noch härtere Probe – insbesondere wenn auch kognitiven Störungen vorliegen“ berichtet Prof. Dr. med. Arno Deister von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit Sitz in Berlin. „Dabei ist beispielsweise die Fähigkeit, sich auf ein oder mehrere Objekte oder Gedankengänge konzentrieren zu können, beeinträchtigt. Auch die Leistung des Arbeitsgedächtnisses und die Geschwindigkeit, Informationen verarbeiten zu können, kann verringert sein. Oft ist das Problemlösungsvermögen eingeschränkt und Betroffene haben große Schwierigkeiten, Dinge zu planen und Entscheidungen zu treffen.“ Bis zu 90 Prozent der Patienten mit einer depressiven Episode oder einer bipolaren Depression äußern, dass sie unter Störungen des Gedächtnisses oder der Konzentration leiden.

Beschwerden werden oft geheim gehalten oder auch nicht bemerkt

Einem Teil der Betroffenen gelingt es - oft auch nur zeitweise - diese erkrankungsbedingten Defizite zu kompensieren. Unter großer Kraftanstrengung ist ihnen möglich, ihr Leistungsdefizit auszugleichen. Wenn ein Mensch jedoch langfristig gegen seine Bedürfnisse, seine Gefühle und seine Situation ankämpft, steht er dauerhaft unter Stress. „Es gibt Menschen mit Depression, die sich am Arbeitsplatz Tag um Tag «durchschleppen» – auch weil sie Angst haben, ihr Karriere zu gefährden oder gar ihren Job zu verlieren. Am Feierabend sind sie meist völlig erschöpft, müssen sich ausruhen und haben keinerlei Energie mehr für private Aktivitäten“, meint Prof. Deister. „Gleichzeitig nimmt ihnen dieser Ablauf die Möglichkeit, in ihrer Freizeit ausgleichenden Aktivität nachgehen zu können und eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu halten.“ Irgendwann droht eine Dekompensation, bei der Erkrankte ihr Leistungsdefizit nicht länger durch vermehrte Anstrengung ausgleichen können. Dies kann eine Krankschreibung und Behandlung dann nahezu erzwingen.

Kognitive Störungen begünstigen Rückfall in depressive Episode

Konzentrationsstörungen, Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis und andere kognitive Beeinträchtigungen können auch einen Anteil daran haben, dass Betroffene einen Rückfall in die Depression erleben. „Eine Störung kognitiver Leistungen bei Depression kann einen Teufelskreis aufrechterhalten. Solche Beeinträchtigungen können manchmal unabhängig von der Krankheitsphase der Depression fortbestehen und zu Misserfolgen im Arbeitsalltag führen. Damit einhergehende Ängste und Hemmungen fördern wiederum Fehler im Alltag und verstärken Versagensängste“, ergänzt der Experte. Die Kombination aus Selbstkritik, Selbstwertverlust und deprimierter Stimmungslage kann letztlich einen Rückfall verursachen.

Frühzeitige und gezielte Behandlung wichtig

In den meisten Fällen ist eine Depression gut zu behandeln, vor allem mit Psychotherapie und Medikamenten gegen Depressionen, den Antidepressiva. Je früher sie beginnt, desto besser ist im allgemeinen die Prognose. „Eine wirksame Behandlung von Depressionen trägt auch dazu bei, die kognitive Leistungsfähigkeit wieder zu verbessern. Bei ausgeprägten Defiziten kann eine gezielte kognitive Stimulation hilfreich sein. Hierfür werden unter anderem auch computergestützte Verfahren eingesetzt“, erklärt Prof. Deister. Neben einer objektiven Leistungsverbesserung profitieren Patienten dabei auch von einer realistischen Einschätzung des aktuellen eigenen Leistungsvermögens. Das ist auch im Hinblick auf die Rückkehr ins Berufsleben vorteilhaft.

Nach Schätzungen erkranken im Laufe ihres Lebens 16 bis 20 von 100 Menschen an einer depressiven Erkrankung. In Deutschland sind innerhalb eines Jahres rund 5,3 Millionen Menschen betroffen. Aufgrund von wiederkehrenden oder chronischen Erkrankungsverläufen führt die Depression zu massiven Beeinträchtigungen in privaten Bereichen aber auch im beruflichen Leben.

Quellen:
S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“, herausgegeben unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. 2. Auflage, 2015. http://www.leitlinien.de/nvl/depression

Raymond W Lam et al, Cognitive Dysfunction in Major Depressive Disorder: Effects on Psychosocial Functioning and Implications for Treatment, Can J Psychiatry. 2014 Dec; 59(12): 649–654. doi:  10.1177/070674371405901206

Depression als Thema des Weltgesundheitstags 2017

Anlässlich des Gründungsdatums der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1948 findet jährlich am 7. April der Weltgesundheitstag statt – diesmal zum Thema Depression.
Die WHO verfolgt damit das Ziel, dass Betroffene, aber auch deren Familien, Freunde und Kollegen, Hilfe suchen und diese auch erhalten. Die Öffentlichkeit soll zum einen besser über die Erkrankung, ihre Ursachen und Konsequenzen, einschließlich des Suizidrisikos, informiert werden, und zum anderen über Möglichkeiten der Prävention und Behandlung. Die Kommunikation und Aufklärung über Depressionen spielt eine entscheidende Rolle, sowohl in der Vorbeugung und Therapie als auch im Abbau gesellschaftlicher Vorurteile und Stigmatisierungen, die Betroffene daran hindern könnten, Unterstützungsangebote aufzusuchen (WHO, 2016).  

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