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10.09.2019

Auch freiverkäufliche Medikamente können abhängig machen

Die missbräuchliche Einnahme von Medikamenten ist unterschiedlich motiviert. Am häufigsten besteht der Wunsch, negative psychische Symptome, wie Schmerzen, Schlafstörungen, Ängstlichkeit und depressive Verstimmung zu beseitigen.

In Deutschland ist die Schmerzmittelsucht stärker verbreitet als Abhängigkeit von Alkohol. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland 1,9 Millionen Menschen medikamentenabhängig sind. Ein großer Teil der Betroffenen ist sich seiner Abhängigkeit selbst nicht bewusst. „Vielen Menschen, die Erschöpfungs- und Stresssymptome oder auch ein Stimmungstief an sich erleben, ist an einer schnellen Wiedererlangung ihrer vollen Leistungsfähigkeit gelegen“, berichtet Dr. Christa Roth-Sackenheim vom Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP) mit Sitz in Krefeld. „Bei dem Versuch, Beschwerden wie Schmerzen oder Schlafstörungen zu überwinden kann sich in manchen Fällen schleichend eine Medikamentenabhängigkeit entwickeln, wenn Arzneimittel längerfristig eingenommen werden. Dabei bergen gerade auch rezeptfreie Medikamente die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit.“ Insbesondere bei freiverkäuflichen Schmerzmitteln besteht ein Abhängigkeitsrisiko, wenn Präparate häufig eingenommen werden, um trotz anhaltender und einschränkender Schmerzen leistungsfähig zu bleiben. Grundsätzlich wird geraten, freiverkäufliche Schmerzmittel nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht mehr als zehnmal im Monat zu verwenden.
Auch rezeptfreie Schlafmittel müssen äußerst kritisch betrachtet werden, da sie ebenfalls ein hohes Risiko für eine Abhängigkeit bergen. Insbesondere freiverkäuflich Sedativa mit den Wirkstoffen Diphenhydramin oder Doxylamin sollten nur nach ärztlicher Rücksprache und nur kurzfristig eingesetzt werden, da sie neben einem psychischen Abhängigkeitsrisiko auch Nebenwirkungen und nachteilige Effekte auf die Schlafqualität haben können. Bei andauernden Beschwerden ist immer ärztlicher Rat notwendig, auch weil psychische Störungen und Erkrankungen hinter körperlichen Beschwerden, wie Kopf- und/oder Rückenschmerzen sowie Schlaflosigkeit stecken können.

Anzeichen für Tablettenmissbrauch erkennen

Es gibt einige Warnsignale, die im Hinblick auf missbräuchlichen Umgang mit Medikamenten bemerkt werden können. „Problematisch ist beispielsweise eine vorbeugende Tabletteneinnahme, die nicht mit dem Arzt abgesprochen ist. Auch das Horten von Medikamenten und das Gefühl von Unbehagen, wenn die Arzneimittel nicht zur Verfügung stehen, sind Anzeichen für eine problematische Entwicklung“, warnt die Psychiaterin aus Andernach. „Wer solche Symptome an sich bemerkt, sollte sich mit dem Hausarzt besprechen. Die Medikamente sollten dann nicht ohne ärztliche Begleitung abgesetzt werden.“ Auch Beratungsstellen können die erste Anlaufstelle bei Medikamentenmissbrauch oder -abhängigkeit sein und Hilfestellung für die weiteren Schritte geben. Von Arzneimittelmissbrauch spricht man, wenn Medikamente nicht zur Behandlung von Beschwerden eingesetzt werden, sondern das eigene Wohlbefinden positiv beeinflussen sollen.

Die missbräuchliche Einnahme von Medikamenten ist unterschiedlich motiviert. Am häufigsten besteht der Wunsch, negative psychische Symptome, wie Schmerzen, Schlafstörungen, Ängstlichkeit und depressive Verstimmung zu beseitigen. Im Hintergrund bestehen dabei nicht selten psychische Störungen oder Erkrankungen, die nicht diagnostiziert sind und unbehandelt bleiben. Medikamente werden daneben auch zur Leistungssteigerung eingesetzt.

Menschen mit gesundheitsschädlichem Medikamentengebrauch oder einer Abhängigkeit finden sich in allen Altersklassen und sozialen Schichten. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind Frauen ab dem 40. Lebensjahr.

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