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27.05.2019

Arbeitsleben: Psychosoziale Belastungen können krank machen

Gegenwärtig verzeichnen alle gesetzlichen Krankenkassen einen kontinuierlichen Anstieg an Arbeitsunfähigkeitstagen, die auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Ob Arbeit krank macht ist von verschiedenen Faktoren und deren Zusammenwirkung abhängig.

Gegenwärtig verzeichnen alle gesetzlichen Krankenkassen einen kontinuierlichen Anstieg an Arbeitsunfähigkeitstagen, die auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Seelische Leiden sind mit steigender Tendenz der vergangenen 20 Jahre heutzutage die Hauptursache für Frühverrentung. Im Durchschnitt sind die Betroffenen erst 48 Jahre alt. Arbeit ist grundsätzlich der Gesundheit förderlich – gibt Struktur, schafft soziale Bezüge und ermöglicht Teilhabe. Das gilt insbesondere auch für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Arbeit kann jedoch auch Belastung sein. Ob Arbeit krank macht ist von verschiedenen Faktoren und deren Zusammenwirkung abhängig. Stressfaktoren im Arbeitsleben können sich negativ auf die psychische und körperliche Gesundheit auswirken, das Stressniveau dauerhaft erhöhen und die individuelle Bewältigungskompetenz überschreiten. Einzelne Menschen haben dabei sehr unterschiedliche Kapazitäten zur Bewältigung. Auch die Empfindlichkeit – die Experten nennen es Vulnerabilität – für eine psychische Erkrankung, ist bei den einzelnen Menschen verschieden ausgeprägt.

Autonomiemangel, Ungerechtigkeit und destruktiver Führungsstil problematisch

Positive Wirkung von Arbeit sowie gegenläufige arbeitsbedingte Risikofaktoren liegen in bestimmten Teilaspekten der Arbeitswelt: der Arbeitsbelastung, dem Handlungsspielraum, der Anerkennung, des Gemeinschaftsgefühls, der Gerechtigkeit und der Werte. „Der psychischen Gesundheit und dem persönlichen Engagement förderlich sind eine Arbeitslast, die als bewältigbar eingeschätzt wird, die mit einem gewissen Handlungsspielraum sowie Anerkennung und angemessener Gratifikation einhergeht. Gleichsam wichtig sind das Erleben von Respekt und sozialer Gerechtigkeit sowie Fairness und unterstützenden sozialen Beziehungen“, berichtet Prof. Dr. med. Steffi G. Riedel-Heller von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit Sitz in Berlin. „Umgekehrt erzeugen das Erleben von Überlastung, mangelnder Autonomie, fehlender Anerkennung und ungenügend erlebter Fairness gesundheitliche Risiken. Auch Wertekonflikte und fehlender Zusammenhalt im Team sind negative Einflussfaktoren.“ Beeinträchtigungen der psychischen sowie körperlichen Gesundheit von Beschäftigten oder Selbstständigen können dann entstehen, wenn eine Dysbalance zwischen den Anstrengungen sowie dem Einsatz im Beruf und den daraus hervorgehenden Ergebnissen besteht - beispielweise in Bezug auf Arbeitsplatzsicherheit, Anerkennung, Entlohnung sowie Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten. In diesen Teilaspekten bestehen zugleich auch die Ansatzpunkte für die Prävention von psychischen Erkrankungen im Arbeitsumfeld. Im Hinblick auf die organisatorische Gerechtigkeit in Unternehmen spielt insbesondere das Führungshandeln eine wesentliche Rolle. Ein destruktiver Führungsstil ist mit einer deutlichen Beeinträchtigung der Gesundheit der Beschäftigten verbunden.

Beschäftigte und Führungsebene können aktiv gegensteuern - gutes Betriebsklima hilft gegen psychische Erkrankungen

Je früher Probleme erkannt und bearbeitet werden, umso besser können sie bewältigt und gesundheitliche Auswirkungen verhindert werden. Dabei ist es sogar gesetzlich Pflicht, dass Unternehmen die psychischen Belastungsfaktoren ihrer Beschäftigten analysieren. In der Organisationsstruktur und Unternehmenskultur von Betrieben liegen die zentralen Ansatzpunkte der Prävention von psychischen Erkrankungen und Führungskräfte können einen gesundheitsfördernden Führungsstil pflegen. Die meisten Unternehmen arbeiten jedoch noch ohne spezifische Präventionsprogramme. Auch die Angestellten selbst haben die Möglichkeit, auf ihre psychische Fitness positiv einzuwirken. „Beschäftigte können Bewältigungsstrategien etablieren, um psychisch belastenden Stress zu verringern oder ganz abzubauen. Hierfür eignen sich das Erlernen von Entspannungsverfahren, um systematisch entspannen zu können. In manchen Fällen ist es vorteilhaft, die eigene Einstellung zu verändern, um überzogene oder unangemessene Überzeugungen abzulegen, wie beispielsweise Perfektionismus. Beratung aber auch psychotherapeutische Maßnahmen können hierbei hilfreich sein, wenn man es aus eigener Kraft nicht schafft“, rät Prof. Riedel-Heller. „Grundsätzlich sollten Arbeitnehmer einen bewussten Umgang mit den eigenen Ressourcen entwickeln und überlegen, wie sie die Arbeit effizient gestalten, ohne darunter längerfristig zu leiden. Bemerkt man wiederholt Stresssymptome an sich, ist Stressmanagement notwendig. Hierbei geht es darum zu analysieren, welche Anteile und Verhaltensweisen des eigenen Lebensstils in beruflichen wie auch privaten Situationen Stress verursachen und wie diese abzuändern sind, und dann gezielt und ggf. mit Unterstützung andere, neue Verhaltensweisen einzuüben, die zu einer gesünderen Lebensweise beitragen.

Moderne Arbeitswelt birgt Chancen und zugleich Risiken durch Entgrenzung

Parallel zu den steigenden Zahlen bei Frühverrentung und Arbeitsunfähigkeitstagen sind Veränderungen der Arbeitswelt wahrzunehmen, die auf technologischen Fortschritt und die Globalisierung zurückgehen. Eine Entwicklung mit zwei Gesichtern: Die Digitalisierung geht einerseits mit Arbeitserleichterung einher und erlaubt auch eine flexiblere Arbeitsgestaltung – beispielsweise durch Homeoffice. „Auf der anderen Seite stehen beschleunigte Arbeitsprozesse, mit Arbeitsverdichtung und komplexeren Arbeitsaufgaben, die bewältigt werden müssen. Flexiblere zeitliche und räumliche Arbeitsstrukturen lösen die Grenze zwischen Beruf und Freizeit auf, worin auch Risiken für die psychischen Gesundheit von Beschäftigten bestehen“, erklärt Prof. Riedel-Heller. Damit diese Flexibilität für die Beschäftigten nicht zur Belastung wird, braucht es achtsame Führung durch das Management und viel Eigenverantwortung beim Einzelnen.

Quelle:
S.G. Riedel-Heller, M. Luppa, A. Seidler, T. Becker, K. Stengler; Psychische Gesundheit und Arbeit - Konzepte, Evidenz und Implikationen für Forschung und Praxis; Nervenarzt 2013 · 84:832–837
DOI 10.1007/s00115-012-3726-z; Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013

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