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News

12.01.2015

Was Tierphobiker tun können

Arachnophobie, Herpetophobie, Ailurophobie: Hinter diesen Fachbegriffen versteckt sich blanke Panik - vor Spinnen, Schlangen oder Katzen. Doch mit der richtigen Methode lassen sich die meisten Tierphobien in den Griff kriegen.

Haarige Beine und dicke Körper bringen Mikaela Gannon um den Verstand. Trifft die Berlinerin auf ein gut gebautes achtbeiniges Spinnentier, wird ihr sofort schlecht. «Ich fühle mich dann gelähmt und habe das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen», erklärt sie. Gannon hat eine Spinnenphobie. «Mir ist bewusst, dass mir eine Spinne nichts tut und mehr Angst vor mir hat als ich vor ihr», sagt sie. Trotzdem erträgt sie nicht einmal ein Foto dieses Tiers.

Am häufigsten sind Phobien vor Tieren, die der menschlichen Silhouette am wenigsten ähneln, erklärt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN) und Fachärztin für Psychotherapie aus Andernach. Das ist bei Spinnen der Fall. Sie gehören zu den meistgefürchtetsten Tieren der Deutschen. Natürlich gibt es auch Angst vor Hunden, Ekel vor Katzen oder Panik vor Kriechtieren. Doch warum gerade Spinnen so extreme Reaktionen hervorrufen, kann auch Holger Kirk nicht erklären. Der Hamburger gibt Seminare, in denen Menschen ihre Spinnenphobie überwinden. «Fest steht, dass Phobiker keineswegs Angst vor einem Spinnenbiss haben, sondern vor dem Bewegungsmuster der Tiere», sagt er.

Die Ursachen für eine Phobie sind vielfältig. «Grundsätzlich ist Angst eine entwicklungsgeschichtlich wichtige Emotion, die davor schützt, Gefahren einzugehen», erklärt Roth-Sackenheim. Phobien seien eine «Fehlregulation des gesunden Angstempfindens». Auch die Mutter von Mikaela Gannon hat eine Spinnenphobie. Als Kleinkind versuchte Mikaela einmal, eine Spinne in den Mund zu nehmen. «Als meine Mutter das sah, ist sie auf mich zugelaufen und hat mir die Spinne hastig aus der Hand genommen.» Vielleicht habe sich das in ihrem Unterbewusstsein verankert.

Als Phobie bezeichnet man jede Form einer gerichteten Angst. «Pathologisch ist es dann, wenn es die Lebensqualität einschränkt», sagt Roth-Sackenheim. Eine Tierphobie ist mehr als nur eine Abneigung, ergänzt Kirk. Ein weiteres Kennzeichen sei die Angst vor der Angst: Menschen, die eine Phobie haben, meiden Situationen, in denen sie ausgelöst werden kann. Doch durch diese Vermeidung werde die Phobie nur stärker.

Gannon graust es, wann immer sie einer Spinne begegnet. Dabei tut sie viel, um die Treffen zu vermeiden: Sie lebt in der Großstadt, wohnt nicht im Erdgeschoss, hat keine Kletterpflanzen auf dem Balkon. Weil dort seit ein paar Wochen eine Spinne haust, traut sie sich nicht mehr hinaus. Das Tier zu entfernen, ist für sie unmöglich. «Ich bin sogar schon wegen einer Spinne nachts aus meiner Wohnung ausgezogen.»

Wer betroffen ist, hat verschiedene Möglichkeiten, seine Angst in den Griff zu bekommen. Selbsthilfegruppen sind hilfreich, um Erfahrungen auszutauschen. Wenn die Angst extrem ist, mit massivem Herzrasen, Schweißausbrüchen und stundenlanger Unruhe einhergeht, sollte man eine Verhaltenstherapie machen, empfiehlt Roth-Sackenheim: «Hier lernt man, die Angst abzubauen.» Bei vielen Behandlungen geht es um Konfrontation. «Das Rezept ist einfach: Begib dich, angeleitet durch einen Helfer, in die angstauslösende Situation, verharre so lange darin, bis du keine Angst mehr hast, und danach bist du frei», erläutert Kirk.

Für Gannon klingt das schrecklich. Um sich zu kurieren, hat sie einmal versucht, sich eine Tarantula in einem Glaskasten anzuschauen. «Ich konnte kaum den Raum betreten», sagt sie. Nach einigen Anläufen schaffte sie es kurz. «Es war schrecklich und hat mir gar nicht geholfen.» Entscheidend sei die Dauer, für die man sich der Situation aussetze. «Phobiker erwarten nicht, dass ihre Angst abnimmt», weiß Kirk. Aber das passiere naturgemäß, weil der Körper nicht über viele Stunden hinweg auf hohem Angstniveau bleiben könne. «Irgendwann werden wir ruhiger.» Gleichzeitig betont Kirk, dass diese Behandlungen mit großer Sensibilität erfolgen müssen. «Eine Schocktherapie ist abzulehnen.» In seinen Kursen bestimmen die Probanden, wie schnell sie in der Konfrontation vorangehen. «Gerade für die Spinnenphobie gilt: Sie ist zunächst schrecklich, aber sie lässt sich meist in einem zwei- bis vierstündigen Seminar überwinden», sagt er. Sind Ängste so stark ausgeprägt, dass es der Betroffene nicht mehr aus dem Haus schafft, können Medikamente helfen. «Sie versetzen denjenigen überhaupt erst in die Lage, einen Therapeuten aufsuchen zu können», erklärt Roth-Sackenheim.

Quelle: dpa