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News

20.03.2017

Virtuelle Therapie gegen Spinnenangst in Entwicklung

Psychologen und Psychotherapeuten entwickeln eine neue Behandlungsform gegen panische Angst vor Spinnen: Sie wollen Betroffene mit Hilfe einer Datenbrille therapieren.

Jetzt, da der Frühling naht, kommen sie wieder aus ihren Löchern. Dann wuseln sie in der Ecke des Wintergartens, seilen sich von der Decke ab oder krabbeln mit ihren behaarten Beinen die Garagenwand entlang. Viele Menschen erleben zumindest einen Anflug von Ekel und Schauder, wenn ihnen eine Spinne begegnet. Fünf Prozent der Frauen und gut ein Prozent der Männer haben sogar eine richtige Phobie, die von Panikzuständen bis hin zur Todesangst reichen kann.

Tanja Michael, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität des Saarlandes, kennt viele, die unter einer Arachnophobie, einer extremen Spinnenangst leiden. Sie zeigen beim Anblick einer Spinne Paniksymptome wie Herzrasen und beschleunigte Atmung oder haben das Gefühl, nicht mehr klar denken zu können. „Bei vielen von ihnen ist die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt“, weiß die Expertin. Weil sie mitunter gar keine fremden Räume oder Garagen mehr betreten, Besuche bei Freunden auf dem Land scheuen oder nur noch Wohnungen in einem höheren Stockwerk aufsuchen, weil hier die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass es dort überhaupt Spinnen gibt.

Mehr als 40 Patienten mit einer Spinnen-Phobie haben bislang Hilfe gesucht bei Tanja Michael und ihrem Team in Saarbrücken. Und ihnen allen konnte geholfen werden. Denn die Psychotherapeutische Universitätsambulanz ist spezialisiert auf Angststörungen, Traumafolgestörungen und Depressionen. Die Arachnophobie gilt als diejenige Angststörung, die am leichtesten zu behandeln ist. „Bei mehr als 99 Prozent unserer Patienten hat unsere Therapie Erfolg. Und das innerhalb von drei Stunden“, berichtet die 45-Jährige. Der Nachteil der Behandlung, die auf einer Konfrontationstherapie beruht: Sie erfordert einigen organisatorischen Aufwand. Denn wenn sich Hilfesuchende in der «Spinnen-Ambulanz» angekündigt haben, müssen die Therapeuten erst einmal losziehen und Spinnen in verschiedenen Größen finden, mit denen die Patienten dann konfrontiert werden. Schritt für Schritt passiert das, in drei Stufen: Erst sollen die Betroffenen die Spinnen mit einem Glas einfangen, dann in einem Terrarium anstupsen - erst mit einem Stift, danach mit dem Finger - und schließlich das Tier über die Hand krabbeln lassen.

Kontrolliertes Angsterleben erlernen

„Es geht darum, dass man mit seiner eigenen Angst umgehen und sie kontrollieren kann. Und dass man lernt, nicht überschwemmt zu werden von panikartigen Gefühlen“, sagt Michael. Doch um den Patienten diese Kontrolle zurückzugeben, ist es nicht nur wichtig, sie psychotherapeutisch zu begleiten und zu stärken, sondern eben auch, sie mit dem Objekt der Angst zu konfrontieren. „Manchmal mussten wir Termine auch schon absagen, weil wir einfach keine Tiere zur Verfügung hatten“, berichtet Michael. Deshalb schrecken auch viele niedergelassene Psychotherapeuten vor einer solchen Behandlung zurück: Sie ist einfach zu aufwändig und in einem normalen Praxis-Alltag kaum zu leisten.

Genau hier setzt das neue Forschungsprojekt an: Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in St. Ingbert, der Promotion Software GmbH aus Potsdam und Tübingen sowie dem Universitätsklinikum des Saarlandes forscht Tanja Michael mit ihrem Team drei Jahre an einer Lösung, Spinnenangst virtuell zu therapieren, zum Beispiel mit einer Datenbrille, die eine reale Situation widerspiegelt. Der Vorteil: Die Suche nach lebenden Tieren entfällt. „Die Zahl jener Menschen, denen geholfen werden kann, würde sehr viel größer werden“, meint die Expertin. Denn schon jetzt ist der Anteil jener, die professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, vergleichsweise gering.

Großteil bleibt trotz hohem Leidensdruck bislang unbehandelt

„60 Prozent der Betroffenen bleiben unbehandelt, obwohl ein großer Leidensdruck da ist und diese Störung sehr gut behandelbar ist. Das ist eigentlich ein Widerspruch“, sagt Sarah Schäfer (26), die innerhalb des neuen Forschungsprojektes nun ihre Dissertation schreibt. Deshalb hoffen die Psychologen auch, dass die neue virtuelle Therapie auch die Bandbreite für die in Frage kommenden Patienten erweitern wird - beispielsweise für Jüngere, die den Weg in eine Klinik oder zum Psychologen bisher gescheut haben. „Es wird immer Leute geben, die den direkten Kontakt mit dem Therapeuten brauchen“, meint Tanja Michael. „Aber es gibt auch diejenigen, die eine Faszination für Technik empfinden und für die das ein leichterer Einstieg sein könnte. Und wenn dann noch Spielelemente hinzugefügt sind, ist es für sie vermutlich 'cooler', diese neue Form zu wählen.“

Die Psychologinnen legen Wert darauf, dass auch der Einsatz mit einer virtuellen Brille immer noch die Diagnose und Einführung durch einen Therapeuten erfordert. Erst danach könnten die Patienten die Brille eigenständig nutzen - ob in einer psychotherapeutischen Praxis oder auch allein zu Hause. „Die Idee ist aber nicht, ein Handyspiel zu erfinden, mit dem man Angst überwinden kann“, sagt Sarah Schäfer, „sondern wirklich eine Alternative zur Expositionstherapie zu entwickeln und die Therapie zu vereinfachen, in dem man die Vorzüge der virtuellen und digitalen Realität nutzt.“

Bis Ende 2019 haben die Wissenschaftler nun Zeit dafür. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fließen rund 300.000 Euro an die Universität des Saarlandes. Insgesamt fördert das BMBF das Projekt «DigiPhobie - Digitale Therapie zur häuslichen Behandlung von spezifischen Phobien» mit rund 1,8 Millionen Euro.

Für Prof. Dr. Tanja Michael steht außer Frage, dass das Geld gut angelegt ist und später vielen Menschen hilft, ihre Spinnenphobie zu überwinden. „Es gibt gute Gründe, dass man optimistisch sein kann“, sagt sie auch mit Blick auf andere Studien zu Therapien in virtueller Realität. Und ihre Hoffnung geht sogar noch weiter: „Vielleicht können wir mit dieser neuen Technik auch bei anderen Angststörungen, die komplizierter und bislang schwerer therapierbar sind, die Erfolgsrate später einmal erhöhen.“

Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität des Saarlandes

Quelle: dpa